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ERNST LUBITSCH HATTE BEIM OSCAR NICHTS ZU LACHEN

ERNST LUBITSCH HATTE BEIM OSCAR NICHTS ZU LACHEN Thema
Autor Ines Walk, 12.06.2010

Ernst Lubitsch konnte beim Oscar nie lachen

Seit 1928 wird der Oscar verliehen. Die Auszeichnung der Academy of Motion Picture Arts and Sciences ist der begehrteste und bekannteste Filmpreis der Welt. Millionen Zuschauer auf der ganzen Welt schauen jedes Jahr im Februar nach Hollywood, um zu sehen, ob ihr Favorit die Trophäe mit nach Hause nehmen kann. Im 83. Jahr der Verleihung bleibt allerdings ein schaler Beigeschmack, denn wenn wir auf die Gewinner der Oscar-Geschichte schauen, dann wird schnell klar: Wer lacht oder zum Lachen animiert, kriegt in der Regel keinen Oscar.

Interessanterweise zeichnet die Academy eher Musicals als Komödien aus, Drama werden sowieso bevorzugt behandelt und all jene Schauspieler, die über große Fähigkeiten als Komödiant verfügen, müssen in der Regel über Jahre warten, um den begehrten Preis zu erhalten. Vielleicht gibt es irgendwann diese Auszeichnung als Ehren-Oscar, oder sie gehen komplett leer aus und wir als Zuschauer vermissen sie in den Ruhmeshallen der Academy. Nun ist der Oscar nicht gerade ein Kriterium dafür, ob ein Film zum Klassiker wird, dem Genre etwas Neues abringt oder auf den Müll der Filmgeschichte landet. Aber der Oscar ist auch ein Zeichen seiner Zeit, ein Zeit-Zeichen, insofern ist es schade, dass Komödie angeblich so selten diese treffen.

Zum Beispiel Ernst Lubitsch-Komödien. Sie gingen beim Oscar ziemlich leer aus. Ernst Lubitsch, der Anfang der 1920er Jahre nach Hollywood ging, hat allerdings die amerikanische Komödie zur spritzigen Eleganz geführt, ihr in den 1940er Jahren einen klassischen Höhepunkt beschert und für manchen - wie Jean Renoir - sogar das moderne Hollywood erfunden. Er drehte wohl die besten musikalischen Komödie der Zeit, bei ihm konnte der Zuschauer erstmals über den Nationalsozialismus lachen oder sich über die Prüderie Amerikas amüsieren. Lotte Eisner schrieb in Die Dämonische Leinwand, dass sich der Witz des Regisseurs bereits früh zeigte. Es war "seine berlinerische Geistesgegenwart, seine Schlagfertigkeit, sein Hang zu realistischen Details, sein Spaß an komischen, unmöglichen Situationen, an jüdischen Witzen und Doppelbödigkeiten der Bildeinstellungen, an einer rasch gehandhabten Montage. Schon in Berlin hatte Ernst Lubitsch es verstanden, durch eine Einstellung das Wesentliche eines Charakters, einer Situation bloßzulegen, mit dem Kontrast zwischen der imposanten Bedeutung einer Hauptfigur und kleinen, an der Peripherie gehaltenen Manien, lächerlichen Eigenarten zu jonglieren."

Für alle seine Hollywood-Komödien, die im besten Fall Standards für das Genre setzten, wurde Ernst Lubitsch von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences nicht belohnt. Seine Komödien riefen die Sittenwächter auf den Plan und waren deshalb wahrscheinlich für die Academy überaus suspekt. Respektlos schaute der jüdische Regisseur auf die bürgerliche Welt, hielt ihr ironisch den Spiegel vors Gesicht. Es gelang dem Filmemacher vortrefflich, den Schein zu präsentieren, ihn gar über das Sein zu stellen. Erst kurz vor seinem Tod erhielt der damals 55-jährige Regisseur 1947 den Ehren-Oscar für sein Lebenwerk.

Dabei hatte er schon mit ÄRGER IM PARADIES (1932) eine Geschichte vorgelegt, die sich in einem Satz - Taschendieb verliebt sich in die zu Bestehlende - erzählen lässt, aber die er elegant, ironisch und spritzig inszeniert. Sein Stil bindet den Zuschauer aktiv in das Gesehen ein, denn der bekommt nicht alle Dinge sofort und direkt erklärt, sondern muss sie sich durch Rückschlüsse erst erklären. Das macht den intellektuellen Spaß an den Filmen des Ernst Lubitsch aus, der sogar einen Namen hat: Lubitsch-Touch. Hinter dessen Geheimnis zu kommen, fällt auch heute noch schwer. Kollege Peter Bogdanovich versuchte ihn zu ergründen: "Der 'Lubitsch-Touch' - das war ein ebenso berühmtes Markenzeichen wie Alfred Hitchcocks 'Meister der Suspence', nur vielleicht nicht so oberflächlich. Der Begriff deutet auf etwas Leichtes, merkwürdig Undefinierbares und doch Berührbares, und wenn man Lubitsch-Filme sieht, spürt man - mehr als in dem Werk fast jeden anderen Regisseurs - diesen Geist; nicht nur in der taktvollen und immer angemessenen Position der Kamera, der subtilen Ökonomie seiner Handlungsführung, den doppeldeutigen Dialogen, die alles sagen, ohne es zu sagen, sondern auch - und vor allem - in der Darstellung jeden einzelnen Schauspielers, gleichgültig, wie klein die Rolle ist. ... Viel wesentlicher war seine geradezu wunderbare Fähigkeit, zu spotten und zu preisen, und zwar gleichzeitig und mit solcher Perfektion, dass man nie wirklich sagen kann, wo die Satire endet und die Glorifizierung beginnt."

Die für damalige Zeiten gewagten und zweideutigen Dialoge in ÄRGER IM PARADIES trugen zum Vergnügen bei und sind heute noch hörenswert. "Zum Ton eines Ernst Lubitsch-Films gehören der Dialog, die Geräusche, die Musik und unser Lachen, das ist ganz entscheidend, sonst gäbe es den Film nicht. Die sagenhaften Drehbuchellipsen funktionieren nur, weil unser Lachen die Brücke von einer Szene zur anderen schlägt. Im Lubitsch-Emmentaler ist jedes Loch genial.", sagt Kollege Francois Truffaut über den Komödienfürst. ÄRGERN IM PARADIES ist ein früher Höhepunkt der romantisch-ironisch inspirierten "sophisticated comedy", denen Ernst Lubitsch seinen Stempel aufdrückt und die beim Publikum überaus populär waren. Dafür gab es aber noch nicht einmal eine Oscar-Nominierung.

Auch in der frivolen Dreiecksgeschichte SERENADE ZU DRITT (1933) passiert immer etwas, womit der Zuschauer nicht gerechnet hat. Hier wird von zwei Männer und einer Frau erzählt, die eine flotte Ménage-à-trois praktizieren. Frech, frisch und überaus ironisch kommt die Komödie daher, an dessen Pointen der Zuschauer seine wahre Freude hat. Allerdings rief der Film auch die Sittenwächter auf den Plan und trug maßgeblich dazu bei, dass sich die Zensurbedingungen verschärften. Ernst Lubitsch machte das wenig aus, denn er konnte wunderbar über Sex reden, ohne ihn überhaupt zu erwähnen. Seine Gesellschaftskomödien sind in gewisser Art immer auch Sex-Comedies. Versteckt, nie direkt ausgesprochen, aber immer verständlich, werden bissige Anzüglichkeiten dargeboten, die die amerikanische Prüderie geschickt unterlaufen. Zensoren witterten die Gefahr, kamen aber nicht gegen den Regisseur an, weil alles so indirekt inszeniert war. Dass auch SERENADE ZU DRITT bei der Oscar-Verleihung leer ausging, war durch die Zensur bereits vorprogrammiert.

NINOTSCHKA (1939) brachte es immerhin auf Oscar-Nominierungen für die Beste Hauptdarstellerin (Greta Garbo) sowie für das Beste Drehbuch und den Besten Film. Trotzdem ist auch diese Komödie, in der die Garbo endlich lacht, leer ausgegangen. Dabei enthält sie alles, was eine klassische Hollywood-Komödie damals ausmachte: Liebe, Luxus, Lachen. Frivoles und Satirisches ist niemals verletzend, auch wenn es gegen den Feind, gegen die Sowjets geht. Als Regisseur hat Ernst Lubitsch gerade einmal zwei Oscar-Nominierung erhalten, wobei nur einer der Filme eine Komödie ist: EIN HIMMLISCHER SÜNDER (1943). Hier kommt Henry van Cleve (Don Ameche) in die Hölle und der Teufel blickt in elf Episoden auf sein Leben, seine amourösen Liebschaften. Wieder ist der Zuschauer ein Voyeur, der sich genußvoll an den Abenteuern des Helden ergötzt. Für einen Oscar hat das allerdings nicht gereicht.

Nur Frank Capra, Billy Wilder und Woody Allen haben es in der über 80-jährigen Geschichte mit einer Komödie in die Ruhmeshallen der Academy of Motion Picture Arts and Sciences geschafft. Möge die Academy in Zukunft mehr Mut beweisen: Komödie sind nämlich in vielen Fällen besser als ihr Ruf.

Die Oscar - Gewinner seit 1927

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