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LACHEN ALS SELBSTTHERAPIE - WES ANDERSON

LACHEN ALS SELBSTTHERAPIE - WES ANDERSON Thema
Autor Sebastian Moitzheim, 12.06.2010

Lachen als Selbsttherapie

Wes Anderson gilt spätestens seit seinem zweiten Film RUSHMORE für so manchen Kritiker als Regie-Wunderkind. Seine Tragikomödien treffen bei vielen Fans einen Nerv - und sind bei fast ebenso vielen verschrien. Zwar erzählt jeder seiner Filme eine andere Geschichte in einem anderen Setting, seine Themen sind aber immer wieder dieselben: Er dreht humorvolle Filme über Konflikte zwischen Vater und Sohn, Mann und Frau, unter Geschwistern - kurz, Filme über "dysfunctional families", über Familien, die sich auseinanderleben, zerstreiten, eben nicht mehr "funktionieren". So unterschiedlich die Settings seiner Filme sind - von einem Zug in Indien über ein U-Boot bis hin zum Fuchsbau in DER FANTASTISCHE MR. FOX (DER FANTASTISCHE MR. FOX Trailer) -, so skurril, teilweise etwas albern der Humor, seine Kernthemen bleiben die gleichen. Wer dazu keinen Zugang findet, wird von Wes Andersons Filmen wohl kaum berührt werden und schon gar nicht darüber lachen können.

Wes Andersons Werk ist stark autobiographisch geprägt. Wie die Protagonisten in DARJEELING LIMITED (DARJEELING LIMITED Trailer) wuchs er als einer von drei Brüdern auf. Max Fischer, Hauptfigur in Rushmore, schreibt wie der junge Wes Anderson Theaterstücke, die in der Schule aufgeführt werden. Seine Mutter Texas Ann, eine ehemalige Archäologin, diente als Vorbild für Etheline Tenenbaum in DIE ROYAL TENENBAUMS. Das sind nur einige der vielen autobiographischen Bezüge, die sich durch alle Filme von Wes Anderson ziehen. Viele seiner Figuren haben ein oder mehrere reale Vorbilder aus Wes Andersons Leben.

Und auch die Konflikte zwischen diesen Figuren scheinen zumindest einen autobiographischen Kern zu haben: Als er acht Jahre alt war, trennten sich seine Eltern, Wes Anderson lebte von da an bei seiner Mutter und besuchte seinen Vater nur noch unregelmäßig. Dem Guardian gegenüber sagte er über sich selbst in dieser Zeit, "dass ich ein Lügner war. Ich erinnere mich, dass ich sehr unehrlich war und immer vorgab, reich zu sein." Weiterhin erklärte er, für ihn gebe es zwei verschiedene Arten, zu lügen: Lügen, um seine Fantasie Realität werden zu lassen oder Lügen als eine Art Tarnung, Lügen aus Angst vor offenen Konflikten. (The Guardian)

Diese Beschreibung trifft auch auf viele seiner Figuren zu: Die Probleme und Konflikte, die zwischen ihnen stehen, sprechen sie selten aus und wahren stattdessen die Fassade einer intakten Familie. Bestes Beispiel dafür ist Owen Wilsons Charakter Francis Whitman in DARJEELING LIMITED (DARJEELING LIMITED Trailer), der versucht, seine Familie mit Hilfe einer Reise durch Indien wieder zusammenzuführen. Im Laufe dieser Reise kommen immer mehr Konflikte und Streitpunkte aus der gemeinsamen Vergangenheit ans Tageslicht, die bisher nie adressiert wurden.

Wes Anderson inszeniert diese Geschichten allerdings nicht als Dramen, sondern als Komödien. Anstatt seine Figuren ihre Konflikte möglichst realistisch und "schonungslos" austragen zu lassen, überzeichnet er sie, stattet sie mit schrulligen Neurosen aus und setzt vor allem auf sehr viel Humor. Wie seine Themen ist auch sein Humor zu einem Markenzeichen geworden. Der spezielle Wes Anderson-Humor ist nur schwer mit dem anderer Filmemacher zu vergleichen. Seine Filme setzen weder besonders auf Slapstick noch auf ausführliche humorvolle Dialoge - im Gegenteil scheint Wes Anderson bewusst nur spärliche, aber präzise Dialoge zu schreiben und von seinen Schauspielern zu fordern, Gestik und Mimik auf ein Minimum zu reduzieren.

Bei Wes Anderson entsteht der Witz oft eher aus den Figuren selbst und entweder daraus, dass sie nicht so recht in ihre Umgebung passen wollen, oder dass sie lächerliche Dinge mit großem Ernst tun. Wenn Owen Wilson alias Ned Plimpton in DIE TIEFSEETAUCHER eine neue Flagge für das Team entwirft und dabei Klaus, den Nebenbuhler um die Gunst seines (vermeintlichen) Vaters, mit einbringt, wirkt das je nach Betrachter albern und lächerlich oder auf eine unbeholfene Weise komisch, sogar anrührend. Mit derselben Unbeholfenheit spricht Max Fischer (Jason Schwartzman) in RUSHMORE seine Lehrerin an, steht während des Gesprächs binnen Sekunden mehrfach auf, um sich entweder näher zu ihr oder weiter weg zu setzen. Mit hintergründigem Witz oder auch nur gutem Timing im klassischen Sinne hat das erstmal wenig zu tun - und doch schwören Fans auf diese Art von Humor.

So, wie er sich immer wieder mit denselben, ihm persönlich wichtigen Themen beschäftigt, hat Wes Anderson auch seinen eigenen Humor gefunden, schreibt Filme, die er selbst witzig findet und ignoriert dabei größtenteils die Konventionen des Genres. An sich ist dies eine banale Beobachtung, allerdings sind Wes Andersons Filme perfekte Beispiele dafür, dass es keinen "guten" und "schlechten" Humor gibt, sondern dieser immer im Auge des Betrachters liegt. Sie sind sehr persönlich und zielen daher auch auf Zuschauer, die zu ihren Themen, aber auch zum Humor eine persönliche Verbindung haben. Vielleicht lacht man am ehesten über Wes Andersons Filme, wenn man selbst Erfahrungen mit ähnlichen Konflikten hat oder selbst ein wenig neurotisch ist, sich fehl am Platz fühlt und mit einer gewissen Unbeholfenheit und Naivität durchs Leben geht. Man erkennt sich wieder in seinen Filmen, lacht letztlich auch über sich selbst.

Wes Andersons sehr persönliche Herangehensweise funktioniert also vor allem deshalb, weil er so eine emotionale Verbindung zum Zuschauer schafft. Das bedeutet allerdings auch, dass Zuschauer, die diese Verbindung nicht herstellen, wohl nie den Zugang zu Wes Andersons Werken finden werden. Zurecht kann man kritisieren, dass Wes Anderson seine Themen, seine Erzählweise und seinen Humor fast schon zwanghaft jedem Stoff aufdrückt; selbst die Roal Dahl Verfilmung DER FANTASTISCHE MR. FOX (DER FANTASTISCHE MR. FOX Trailer) wird in Wes Andersons Händen zu einer Geschichte über seine eigenen Daddy Issues. Andererseits lässt sich aber nicht von der Hand weisen, dass Wes Anderson sich so jeden Stoff zu eigen macht, jede Geschichte in seiner persönlichen Variante erzählt. Selbst wenn er nie über eine eingeschworene Fangemeinde hinauskommt, nie wirklich zum Mainstream-Regisseur wird, spricht er doch eine bestimmte Gruppe von Menschen an, berührt sie und trifft zielsicher exakt ihren Humor.

Bedenkt man, dass gerade Komödien immer formelhafter und nichtssagender werden, ist das sicher eine Menge wert. Oder, um es mit Max Fischer aus seinem noch immer besten Film RUSHMORE zu sagen: "The secret, I don't know... I guess you've just gotta find something you love to do and then... do it for the rest of your life."

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