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GRENZGÄNGER - FATIH AKINS FILMFIGUREN

GRENZGÄNGER - FATIH AKINS FILMFIGUREN Thema
Autor Tiziana Zugaro, 09.01.2010

Mit voller Wucht gegen Grenzen

"Der scheißt auf die Tradition. Da hab ich mich gefragt: Warum darf der das? Warum darf ich das nicht?"
Fatih Akin über Birol Ünel

Ein Mann fährt zu den Klängen von Depeche Modes "I feel you" mit Vollgas gegen eine Wand. Schnitt. Aus dem Bauch eines Flugzeugs rollt langsam ein Sarg; später wird sich diese Szene spiegelverkehrt wiederholen - das eine Flugzeug landete aus Deutschland in der Türkei, das zweite aus der Türkei in Deutschland. Ein junger Typ, der ganz cool sein wollte, wird an eine Mauer in einem dunklen Hinterhof gedrängt und in den Kopf geschossen. Sein Blut färbt die grauen Steine rot.

Immer wieder kommen die Figuren in Fatih Akins Filmen an Grenzen - harte, brutale, endgültige Grenzen, die sie mit aller Kraft zu stürmen versuchen. Aus diesem unbedingten Willen, die Dinge nicht so zu nehmen wie sie sind, erwächst die Energie der Figuren und überträgt sich auf die Filme. Dabei sind die Grenzgänger in Fatih Akins Filmen durchaus unterschiedlich temperiert: Es sind Hitzköpfe wie Bobby aus KURZ UND SCHMERZLOS, der in jenem besagten Hinterhof sein blutiges Ende findet, oder Sibel, die gegen die Vorstellungen ihrer Familie rebelliert, wie eine "gute Tochter" sich zu verhalten hat. Es sind depressive Säufer wie Cahit, der zum Auftakt von GEGEN DIE WAND gegen eben diese brettert. Oder es sind stille Kämpfer wie Nejat und Lotte in AUF DER ANDEREN SEITE (AUF DER ANDEREN SEITE Trailer). Fast alle diese Figuren beziehen ihre innere Spannung auch aus der Tatsache, dass sie die Werte und Lebensvorstellungen zweier Kulturen in sich tragen - zumeist deutsche und türkische.

Dabei hat der deutschtürkische Regisseur Fatih Akin selbst eine nicht unkomplizierte Einstellung zu der Frage, inwieweit der kulturelle Background eines Menschen bestimmend für dessen Persönlichkeit ist. Über seine Faszination für den Schauspieler Birol Ünel, der den Cahit in GEGEN DIE WAND spielt, sagt er: "Ich hab ihn immer bewundert. Er hat den gleichen Background wie ich, scheißt aber auf die Tradition. Ich hab mich immer gefragt: Warum darf der das? Warum darf ich das nicht?" Immer wieder hat Fatih Akin betont, dass er nicht als "deutschtürkischer" Filmemacher gesehen werden will. Er pocht darauf, zu Recht, dass Deutschland eben nicht nur aus Deutschen besteht, die seit zig Generationen im Land verwurzelt sind. Der so genannte Migrationshintergrund vieler Deutschen ist Alltag, ist Realität - und diese Realität fängt Fatih Akin in seinen Filmen ein. Dabei vermittelt Fatih Akin die verschiedenen Grooves der jeweiligen Kultur über ganz einfache Mittel - wie zum Beispiel über die Sprache. In seinen Filmen wird immer neben deutsch auch türkisch gesprochen: "Jede Sprache ist ein Lifestyle, und den versuche ich einzufangen." Das geht dann meist ganz spielerisch, nebenbei, und fühlt sich gerade deshalb so stimmig an.

Fatih Akins Figuren passen in keine Schablone. Sie sind beeinflusst von ihren kulturellen Wurzeln, aber nicht durch sie bestimmt. Der junge Germanistikprofessor Nejat interessiert sich eher dafür, warum Goethe keine Revolution machen wollte, als für die Kämpfe der PKK. Sibel will ihre Jugend genießen - dass die strengen Moralvorstellungen ihrer Familie sie daran hindern, ist mehr ein lästiges Hindernis als ein inneres Dilemma. Eine Figur wie Cahit verweigert sich seinem "türkischen" Anteil sogar über weite Strecken ("Dein Türkisch ist ganz schön am Arsch. Was hast du mit deinem Türkisch gemacht?" "Weggeworfen."). Erst am Schluss wird er sich auf eine Art "Back to the Roots"-Tour in die Türkei aufmachen - und trifft dabei prompt auf einen Taxifahrer, der jahrelang in Bayern gelebt hat. Mit solchen kleinen feinen Momenten zeigt Fatih Akin immer wieder, wie porös unsere Vorstellungen von kulturellen Grenzen sind. Die Grenzen, die ihn wirklich interessieren, liegen in den Menschen selbst: an ihnen arbeiten sie sich ab; an ihnen wachsen sie. Dass die Figuren sich von klein auf keiner Seite zu hundert Prozent zurechnen konnten, macht sie wach und misstrauisch gegenüber allzu einfachen Definitionen. Sie haben immer ein bisschen mehr Distanz zu den Dingen als Menschen ohne diesen gespaltenen Hintergrund - auch und nicht zuletzt zu sich selbst.

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