Nach dem Einbruch in den 1950er Jahren erfuhr der britische Film in den Sechzigern wieder einen Aufschwung, als sich Produktionen wie DARLING (1965) von John Schlesinger und ALFIE (1966) von Lewis Gilbert vom Swinging London inspirieren ließen. Kontroverse Filme loteten die Dehnbarkeit der von der Zensur gesetzten Grenzen aus und zeigten eine bis dato unbekannte sexuelle Freizügigkeit; besonders bemerkenswert in LIEBENDE FRAUEN (1969) von Ken Russell. Die filmische Darstellung von Sex und Glamour heizte die Popularität des Agentengenres und ganz besonders der James Bond-Filme an. So war GOLDFINGER (1964) von Guy Hamilton ein phänomenaler Erfolg beschieden und befeuerte eine Reihe von Nachfolgern wie IPCRESS - STRENG GEHEIM (1965) von Sidney J. Furie und MODESTY BLAISE - DIE TÖDLICHE LADY (1966) von Joseph Losey.
Im Zuge der internationalen Beliebtheit des britischen Films ließen sich einige Regisseure dazu ermuntern, sich zeitweilig oder sogar dauerhaft im Lande nieder zu lassen, darunter Richard Lester [A HARD DAY’S NIGHT (1964)], Roman Polanski [EKEL (1965)], Michelangelo Antonioni [BLOW UP (1966)] und Stanley Kubrick [2001: ODYSSEE IM WELTRAUM (1968)]. Außerdem investierten amerikanische Filmstudios bedeutende Summen in britische Produktionen. Zur selben Zeit entwickelte der britische Film auch eine gegenläufige Strömung: zeitgleich mit opulenten Heldenepen wie David Leans LAWRENCE VON ARABIEN (1962) und ZULU - DIE SCHLACHT VON RORKES DRIFT (1964) von Cy Endfield förderte die Bewegung Free Cinema eine neue Welle des britischen Realismus. Autoren wie Kingsley Amis und John Osborne, bekannt geworden als die Angry Young Men beeinflussten die Free Cinema Bewegung, deren Anliegen es war, die Enttäuschungen im Leben einfacher Arbeiter auszuleuchten und die wirtschaftliche wie auch seelische Armut, unter der viele Briten litten, darzustellen. Zu den beachtenswerten Filmen dieser neuen Welle gehörten SAMSTAGNACHT BIS SONNTAGMORGEN (1960) von Karel Reisz, BITTERER HONIG (1961) von Tony Richardson und die Arbeiten von Ken Loach, vor allem CATHY COME HOME (1966) und KES (1970).
Die Tabus fallen
Weitere Tabus fielen durch das Aufgreifen von Themen des gesellschaftlichen Diskurses wie etwa die Ungleichbehandlung durch Rassismus (A RAISIN IN THE SUN (1961) von Daniel Petrie) und Homosexualität (THE LEATHER BOYS (1964) von Sidney J. Furie). Die daraus entstehenden Kontroversen dämmten die ohnehin schon geschwächte Zensur weiter ein und führten damit zu einer Verbreitung filmischer Bilder, deren Explizität sich im kommenden Jahrzehnt noch verstärken sollte.
Nordirische Produktionen wiederum nahmen stark ab, da der Ausbruch der Unruhen mit Ihrer religiös motivierten Gewalt kreative Energie unterdrückte. Im Kino liefen weiterhin vorrangig Dokumentarfilme. Peter Lennons ROCKY ROAD TO DUBLIN (1968) griff den reaktionären Charakter der katholischen Kirche an, seine Vorführung aber wurde jahrzehntelang konsequent unterbunden.