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WIR VERSAUFEN DER OMA IHR KLEIN-HÄUSCHEN ...

WIR VERSAUFEN DER OMA IHR KLEIN-HÄUSCHEN ... Thema
Autor Ines Walk, 07.07.2009

Berliner Mietskasernen sind katastrophal

1924. Berlin. Mitte. Luxushotel und Mietskaserne.

1929. Berlin. Wedding. Mietskaserne. Hinterhof.

1931. Berlin. Rund um den Alexanderplatz / Scheunenviertel.

Franz Biberkopf (Heinrich George), ehemaliger Transportarbeiter und wegen Totschlags verurteilt, kommt aus dem Knast, fährt vom Gefängnis Tegel mit der Strassenbahn nach Berlin herein. Ihm wird schwindelig, vor all der Schnelligkeit, den Menschenmassen, der Veränderung. Die Stadt in BERLIN - ALEXANDERPLATZ (1931) von Phil Jutzi strotzt nur so vor Energie, überall Menschen, Reklameschilder, Autos, Baustellen, Bewegung. Der Mann muss erst einmal Luft holen: "Ick find mir nich mehr zurechte!" Aber Biberkopf will auch ein neues Leben, er möchte trotz seiner Vergangenheit ein guter Mensch werden, keine Verbrechen mehr begehen, ein geregeltes, friedliches Leben führen. Eingemietet in einem kleinen Zimmer auf irgendeinem Hinterhof in Berlin-Mitte ist er zufrieden, ist eine echte Zille-Figur, die das Leben so nimmt, wie es ist. So eng das Zimmer sein mag, so wenig Aussicht das Fenster bietet, so klein das besanspruchte Glück ... Franz Biberkopf wird doch wieder vom Moloch Berlin, vom Milljöh eingeholt.

Zunächst sucht er sich eine Arbeit als Krawattenverkäufer mit Bauchladen am Alexanderplatz; er findet mit Cilly (Maria Bard) eine erste Freundin. Aber die ist Teil einer kleinen Ganoven-Gang und der Chef Reinhold (Bernhard Minetti) hat es darauf abgesehen, den starken, mächtig wirkenden Franz Biberkopf in seine Bande zu bringen. Er wird auf eine Raubtour mitgenommen, ohne das er weiß, warum es geht. Als er sich wehrt, wird er aus dem Auto gestossen. Nur durch Zufall überlebt er einen Schädelbruch, hat danach nur noch einen Arm. Wieder im Viertel zeigt er sich jetzt "geläutert", glaubt nicht mehr daran, ein ehrliches Leben führen zu können und tritt in Reinholds Gang ein. Auf einmal hat er Geld, hat die Spendierhosen im Tanzlokal an. Aber ansonsten liebt er seine Mieze (Margarethe Schlegel), eine junge Straßensängerin, die mit ihm seinem kleinen Zimmer wohnt.

Er hat sie auf dem Hinterhof kennen gelernt. Hier sang sie, obwohl "Betteln und Hausieren verboten!" ist. Mit ihr zieht Biberkopf sich in sein Hinterhof-Zimmer zurück. In einem luxuriösen Tanzlokal, umgeben von drei schönen Grazien, singt er eine Hohelied auf seine Mieze und sein trautes Heim: "Wer seine Frau liebt, der lässt sie zu Hause." Biberkopf will die große, weite Welt gar nicht, sie macht ihn schwindelig; er will das winzige Glück, ein kleines Hinterhofzimmer mit Schrank, Bett und Tisch reicht ihm da völlig.

Reinhold ist ebenfalls fasziniert von Mieze. Nach dem vergeblichen Versuch, sie zu verführen, erwürgt er sie. Die Polizei kommt ihm durch einen Tipp von einem seiner Gangmitglieder, dem Klempner-Karl (Gerhard Bienert) auf die Spur und kann gerade noch verhindern, dass Biberkopf den Mörder seiner Freundin erschlägt. Während Reinhold für fünfzehn Jahre ins Zuchthaus geht, kehrt Biberkopf in seinen Beruf als Straßenhändler zurück. Die Moral von der Geschicht': Wer das Herz am rechten Fleck hat, der übersteht jede Krise. Zwar bleibt er, wo er ist, aber dort ist er zumindest ehrlich.

Fazit
Die Mietskaserne und das Hinterhof-Milieu sind im deutschen Berlin-Film der 1920er Jahre immer irgendwie präsent. Wenn nicht als direktes Haus, dann ist sie doch mit ihrem Milieu anwesend. In M - EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER (1931) von Fritz Lang lebt eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter Elsie in einem Hinterhof. Die Wohnung scheint nur aus einem Raum zu bestehen. In der Küche kocht sie als Wäscherin die weiße Linnen reicher Frauen, die sie vorher die vier Treppen hochgeschleppt hat. Zur Essenszeit räumt sie ihre Arbeit weg und deckt liebevoll den Tisch; das Leben spielt sich in diesem einem Wohnraum ab. In KUHLE WAMPE ODER WEM GEHÖRT DIE WELT? (1932) von Slatan Dudow muss eine Familie ihre Wohnung verlassen, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen kann. Auf engstem Raum haben sie sowieso schon gelebt, die Eltern mit den zwei erwachsenen Kindern. Wieder wird eine Wohnküche gezeigt, in der vier Personen kaum Platz um einen Tisch haben.

Einigen Kritikern gelten die Wohn-Szenarien in den Filmen als Prototypen des "dekorativ Sozialen", die das Pittoreske des Elends ausbeuten, die immer auf eine schöne Bildwirkung aus sind, die sich nicht vom Sentimental-Symbolischen freimachen können, die eine peinliche Melodramatik praktizieren. (vgl. Lotte Eisner) Das mag sein, aber sie zeichnen auf ihre sehr unterschiedliche Art sehr sorgfältig das Milieu der 1920er Jahr. Und sie geben zu bedenken: Aus eigener Kraft kommt niemand aus der Mietskaserne heraus. Der Hotelportier kann dem Elend nur durch ein Wunder entkommen, Mutter Krausen wählt den Tod und Franz Biberkopf gibt sich mit der Situation zufrieden. Nur Randfiguren in MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK (1929) und explizit der Film KUHLE WAMPE ODER WEM GEHÖRT DIE WELT? (1932) zeigen eine Möglichkeit, die einen Ausweg aus dem sozialen Elend bietet: Die, denen die Welt nicht gefällt, sollen sie verändern.

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