Mutter Krausen wohnt mit ihren erwachsenen Kindern, Tochter Erna und Sohn Paul, in ärmlichen Verhältnissen; ihre Wohnung hat zwei Zimmer und eine Küche. Um die Miete zu bezahlen, vermietet sie das gute Zimmer an einen Schlafburschen, der als Kleinganove seine Geliebte als Prostituierte auf die Strasse schickt, und dessen kleiner Tochter. Sechs Menschen teilen sich die kleine, enge Wohnung, das Klo ist im Hausflur, gewaschen wird sich in der Küche, wo Erna und das Kind auch schlafen.
So ähnlich könnte so manche Wohnung in den Berliner Mietskasernen ausgesehen haben. In dem Stummfilm MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK (1929) wird die ganze Schäbigkeit der sozialen Quartiere aufgezeigt. Der Film war als Zille-Gedenkfilm angedacht, sollte aber nicht in den üblichen Zille-Klischees, -Motiven und -Kitsch ersaufen. Regisseur Phil Jutzi drehte mit vielen Laien und einigen Schauspielern, die dokumentarischen Bemühungen sind dem Film anzusehen und zeugen von seiner Authenizität. "Frei von Sentimentalität schildert er das Wohnungselend in Berliner Proletariervierteln und seine Folgen, Zustände also, die anzuschauen not tut. ... Man hat dergleichen öfters in Filmen gesehen, aber gewöhnlich nur als gruselige Staffage für irgendein auserwähltes Schicksal, das in prunkhaften Vorderhäusern happy endig. Hier hält das Hinterhaus bis zuletzt seine Insassen fest." (Siegfried Kracauer)
Hier ist es anders, bildlich wird nichts vorgegaukelt. Aus der Vogelperspektive verdeutlicht sich das Ausmaß der unmenschlichen "Einpferchung". In den ersten zehn Minuten streift die Kamera über die Gegend im proletarischen Arbeiterbezirk Wedding im nördlichen Berlin. Die Fluchten zwischen den Häusern sind schmal, nicht nur die Häuserfronten sind heruntergekommen, die zubetonierten Hinterhöfe lassen nirgends Sonne herein. Auf den Straßen dann gibt es überall das blanke Elend zu sehen: Bettler, Nachtasyle, Betrunkende, viele alte Menschen, Kinder in Lumpen, Prostitution. Das ist das Milljöh, wie es berlinerisch heißt.
Obwohl sich Mutter Krausen (Alexandra Schmitt) wirklich bemüht, alles richtig zu machen - sie arbeitet als Zeitungsausträgerin - kriecht das Milljöh auch in ihre Wohnung. Zunächst in Gestalt des Schlafburschen (Gerhard Bienert), der ein lüsterndes Auge auf ihre Tochter Erna geworfen hat. Dann in Gestalt ihres Sohnes, der sich einige Groschen in der Lumpensammlung verdient. Er stiehlt ihr eines Tages das einkassierte Zeitungsgeld. Paul (Holmer Zimmermann) wird von seinen Saufkumpanen verleitet, das Geld ist schnell vertrunken. Damit bricht für Mutter Krausen eine Welt zusammen; ihr droht eine Anzeige wegen Diebstahls.
Tochter Erna (Ilse Trautschuld) ist mit dem Bauarbeiter Max (Friedrich Gnaß) aus dem linken Lager liiert. Sie hat sich den Avancen des Schlafburschen entzogen, wird aber nun von ihm und seiner Frau Friede (Vera Sacharowa) überredet, sich die 20 Mark, die ihrer Mutter fehlen, bei einem reichen Freier zu holen. Sie lässt sich darauf ein, überlegt es sich aber im letzten Moment anders. Aber vielleicht gibt es noch Hoffnung. Erna ist wieder mit Max zusammen, der sich um alles kümmern will. Gemeinsam besuchen sie ein Fest, dort spielt die Kapelle "Wir versaufen unser Oma ihr Klein-Häuschen", Menschen singen und schunkeln und wenn dazu Mutter Krausen in die Kamera schaut, ist dies eines der traurigsten Bilder der deutschen Filmgeschichte.
Auch Paul will seiner Mutter helfen und lässt sich auf einen Deal mit dem Schlafburschen ein. Der überredet ihn, bei einem Einbruch im Pfandhaus mitzumachen. Aber die Sache fliegt auf und Paul erschießt den Eigentümer; er und der Schlafbursche werden verhaftet. Für Mutter Krausen gibt es nun gar keine Hoffnung mehr. Auf ihrem Küchentisch liegt die Anklage. Sie kocht sich ihren letzten, guten Kaffee, zieht sich ihre besten Kleider an, steckt die Groschen in den Gaszähler, dreht den Gashahn auf ... und legt sich neben das schlafende Kind: "Was hast Du armes Wesen auf dieser Welt zu verlieren, Du kommst mit auf Mutter Krausens Fahrt ins Glück..."
Schonungs- und illusionslos wird hier die soziale Situation aufgedeckt, die unter anderem in den katastrophalen Wohnbedingungen ihren Ausgangspunkt hat. Die Kinder von Mutter Krausen können dem Kleinganoven in der engen Wohung gar nicht entkommen, der die Tochter verführt und den Sohn verleitet. "Schuld ist dat Milljöh", wird Max von einem seiner linken Freunde aufgeklärt, nicht die Menschen sind so, sondern die Umgebung macht sie so. Ausweg und Hoffnung ist die Veränderung der Verhältnisse. In der Demonstration unter dem Banner "Wir fordern menschliche Wohnungen", in der Max und Erna mitmarschieren, liegt eine der Alternative. Mutter Krausen ist Opfer statt Heldin, ihre Tochter dagegen könnte ihre Geschichte selbst in die Hand nehmen.