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WIR VERSAUFEN DER OMA IHR KLEIN-HÄUSCHEN ...

WIR VERSAUFEN DER OMA IHR KLEIN-HÄUSCHEN ... Thema
Autor Ines Walk, 07.07.2009

Berliner Mietskasernen sind katastrophal

1924. Berlin. Mitte. Luxushotel und Mietskaserne.

Als Hotelportier (Emil Jannings) ist er wer. Er ist zwar schon etwas gealtert, aber seinen Dienst an der Tür des Hotel Atlantic schafft er noch. Mit stattlichem Schnurrbart und jovialem Lächeln empfängt er die Gäste; die prächtige Uniform steht ihm wunderbar und wenn er nach getaner Arbeit nach Hause in seinen Mietskasernen-Hinterhof geht, dann wird er gebührend, erfürchtig empfangen - wie ein siegreicher General. Die Nachbarn begrüßen ihn mit großem Respekt, die Kinder verharren kurz, er stolziert erhobenen Hauptes an ihnen vorbei. Kommt er nach getaner Arbeit nach Hause, grüßt er alle Nachbarn hoheitsvoll, marschiert die Treppe zu seiner Wohnung hinauf und dann, erst dann löscht die Hauswirtin das Gaslicht. Auch Morgens gibt es ein festgelegtes Prozedere. Alle Arbeiten im Haus, das Ausschütteln der Laken, das Klopfen der Teppiche, begleiten nur die eigentliche Hauptattraktion: Das Bürsten der Uniform.

Alles ändert sich, als der Hoteldirektor den in die Jahre gekommen Portier bei einem kleinen Schwächeanfall beobachtet und ihn in die Herrentoilette versetzt. Eine Demütigung und Deklassierung der besonderen Art, denn mit dem Niedergang wird ihm auch die Uniform genommen. Nun trägt er nur einen weißen Kittel. Ohne Uniform ist er aber niemand. Diese Demütigung verkraftet er nicht. Des Nachts entwendet er seine alte Uniform und führt nun ein kurzes Doppelleben: Tagsüber verrichtet er traurig seinen Dienst in der Hoteltoilette. Nach Feierabend zieht er sich heimlich die goldverzierte Uniform an, um seiner Familie und seinen Nachbarn vorzuspielen, es sei alles wie früher. Doch der Schwindel fliegt bald auf und Familie sowie Nachbarn wenden sich von ihm ab. Die Welt des Portiers bricht endgültig zusammen. Zwar gibt es noch ein Happy End - ein Hotelgast stirbt auf der Herrentoilette und hinterlässt dem einstigen Portier sein gesamtes Vermögen, aber das ist den damaligen Konventionen geschuldet.

In DER LETZTE MANN (1924) von Friedrich Wilhelm Murnau werden zwei Gebäude kontrastiert. Sie stehen für Luxus auf der einen und für Elend auf der anderen Seite. Das Hotel Atlantic als gehobenes Etablissement präsentiert Ersteres mit seiner flimmernden Lichtreklame, dem flanierenden, reichen Bürgertum, der großen Dreh-Eingangtür, der riesigen, mit zahlreichen Spiegeln verzierten Eingangshalle, dem Waschraum und dem glanzvollen Bankett-Saal. Hier pulsiert die Großstadt, jedenfalls für jene, die es sich leisten können. Dagegen steht der düstere Hinterhof einer Mietskaserne, in dem die untere Schicht lebt. Da pulsiert es auch, nur ganz anders. Zerlumpte Kinder tummeln sich im Dreck, Erwachsene schwatzen vor ihren Kellerwohnung, Privatheit gibt es nicht, wenn der eine den Teppich ausklopft, hat der andere den Dreck in der guten Stube. Zwischen beiden Welt geht der Hotelportier hin und her, in beiden ist er von Wichtigkeit, wegen seiner Arbeit und der stattlichen Uniform. Armselig ist er, als er beides nicht mehr hat.

Neben all den Facetten, die dieser klassische Kammerspielfilm hat, zeigt sich auch eines: Solidarität unter den Bewohnern einer Mietskaserne gibt es nicht. Die Nachbarn, die den staatlichen Mann mit prunkvoller Livree bewunderten, wenden sich schnell ab, als er die soziale Stufe herunterfällt. Sie verhöhnen und verspotten ihn, vor Klatsch ist er nicht mehr sicher, keine Nachbarin hat mehr Respekt vor ihm, sogar die eigene Tochter wendet sich ab und setzt ihren Vater, den sie einst vergöttert hat, vor die Tür. Alles geschieht auch aus Rache, weil sie ihn einst bewundert haben. Jetzt ist er ihresgleichen, haust auf demselben dreckigen Hinterhof, aber dass er sie zur kriecherischen Ehrerbietung brachte, verzeihen sie ihm nicht. Ebenso wenig verzeihen sie ihm, dass der bürgerliche Glanz, den er mit seiner goldverzierten Livree in den düsteren Hinterhof lieferte, von dem sie täglich etwas abbekamen, nicht mehr vorhanden ist. Weder taugt er noch als Vorbild für sozialen Aufstieg, noch verdient er Respekt, weil er sie um eben diese Hoffnung gebracht hat. Mit der Deklassierung zum Klowärter wird der alte Portier auch in seinem Hinterhof schonungslos deklassiert.

1929. Berlin. Wedding. Mietskaserne. Hinterhof.

1931. Berlin. Rund um den Alexanderplatz / Scheunenviertel.

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