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WIR VERSAUFEN DER OMA IHR KLEIN-HÄUSCHEN ...

WIR VERSAUFEN DER OMA IHR KLEIN-HÄUSCHEN ... Thema
Autor Ines Walk, 07.07.2009

Berliner Mietskasernen sind katastrophal

Man kann einen Menschen mit einer Wohnung genauso töten wie mit einer Axt.
Heinrich Zille

Heinrich Zille muss es wissen: Er streift um die Jahrhundertwende mit Stift und Malblock durch die Mietskasernen von Berlin, sieht sich das Elend auf den Hinterhöfen, in den Kellerwohnungen und in den Nachtasylen an. In einem der größten Mietskasernen-Komplexe, den Berliner Meyers Höfen in der Ackerstraße, wohnen zu Hochzeiten auf sechs Hinterhöfen etwa 2000 Menschen in 300 Wohnungen. Die Bedingungen sind katastrophal: übervölkerte Wohnungen, Enge, Gestank, schreckliche hygienische Bedingungen, keine Privatheit, Prostitution, Gewalt, Missbrauch. In den Fluren hausen ganze Familien auf Matratzen, sogar die Keller werden vermietet. Sogenannte Trockenwohner ziehen von einer Wohnung in die nächste, um durch ihre pure Anwesenheit den Mörtel von der Nässe zu befreien. Es gibt in Deutschland zwischen 1929 bis 1932 sechs Millionen Arbeitslose, viele von ihnen leben in derartigen Verhältnissen und sind froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben.

Der Film ist nicht gerade berühmt dafür, sich den sozialen Realitäten zu stellen. Dafür ist er dann doch zu sehr Traumfabrik und will die Zuschauer einladen, dem ganzen sie umgebenden Dreck und Elend zu entfliehen. Und so flüchten sich Millionen in die rauchigen Keller- und Kneipenkinos, sehen dem Adel bei ihren Machtkämpfen zu, den Höflingen bei ihren Intrigen, bestaunen Märchenfilme und deutsche Geschichte. Selten sehen sie ihre eigene Probleme auf der Leinwand. Ende der 1910er Jahren wird der Film als Volksbelehrung entdeckt. Die Namen etwa von Richard Oswald und Reinhold Schünzel stehen für den frühen deutschen "Aufklärungs- und Sittenfilm". Themen wie Prostitution, Geschlechtskrankheiten, Homosexualität, illegale Abtreibungen und sexuelle Abhängigkeit werden aufgegriffen, die gesellschaftlichen Umstände kritisiert und besonders das Mietskasernen-Milieu steht am Pranger. Wer hier lebt, will raus, kostet es, was es wolle.

In vielen Fällen bleibt das Bild aber klischeebehaftet, Kolportage mit Happy End herrscht vor. In DAS MÄDCHEN AUS DER ACKERSTRAßE - 1. TEIL (1920) von Reinhold Schünzel ist es die kleine Streichholzverkäuferin Ella Schulze, die aus dem grauen Arbeiterviertel in die gehobene Gesellschaft kommt, mit ihrem Pflegevater Dr. Albrecht ein Verhältnis hat, der vom gierigen Vater Ellas erpresst und wegen Mißbrauchs Minderjähriger dann angezeigt wird. Der Film ist derart erfolgreich, dass es noch zwei Fortsetzungen gab. Sünde, Verfall, Dekadenz sind überdeutlich präsent. Aufstiegsgeschichten machen ihre Runde, in denen es Mädchen aus den Mietskasernen gelingt, sich in die Bürgerlichkeit zu retten. In vielen Fällen entkommt die Frau, natürlich der Hort aller Unruhe, der Sünde nur knapp oder aber sie verfällt ihr lustvoll.

Mit Wiedereinführung der Zensur Anfang der 1920er entschärft sich der Sündenfall und mit ihm der Sex auf der Leinwand, aber die Kolportage bleibt. Um 1925 floriert der sogenannte Zille-Film. Hier verschließen sich die Filmemacher nicht mehr der sozialen Realität, schauen auf das wahre Leben, aber spielen dem Zuschauer dann noch wieder eine heile Welt vor. In den Geschichten geht es um sentimentale Romantik, um die Lebensberichte und Erfahrungen von Dirnen, um die Gloriole des Verbrechens. In DIE VERRUFENEN (1925) von Gerhard Lamprecht, die DIE GESUNKENEN (1926) von Rudolf Walther-Fein oder DAS ERWACHEN DES WEIBES (1927) von Fred Sauer führt der Weg trotz aller Niederungen immer steil nach oben in die Bürgerlichkeit. Hier wird Glück vorgegaukelt, das ein jeder erringen kann, wenn er in einen höheren Stand aufsteigt. Es lebe die soziale Illusion!

In drei Filmen, die nicht in den Kanon der Zille-Filme gehören, aber ein Auge - wenn auch nicht explizit - auf die Misere der Mietskaserne werfen, wird Anderes gezeigt. Sie sind insofern realistischer, da die Durchlässigkeit der Klassenschranken selbst zur Debatte steht. Ist ein Ausbruch aus dem Stand überhaupt möglich? Und wenn ja, wie soll er vonstatten gehen?

1924. Berlin. Mitte. Luxushotel und Mietskaserne.

1929. Berlin. Wedding. Mietskaserne. Hinterhof.

1931. Berlin. Rund um den Alexanderplatz / Scheunenviertel.

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