Es hat lange gedauert bis sich Roman Polanski mit DER PIANIST einem Thema zuwendet, das auch explizit seine eigenen Kindheitserlebnisse verarbeitet. Steven Spielbergs Angebot SCHINDLERS LISTE (1993) zu verfilmen, lehnte er noch ab, weil es ihm zu nahe ging. Der DER PIANISTist ohne Frage Roman Polanskis persönlichster Film. Viele Szenen sind unmittelbar aus den Erinnerungen des Regisseurs an die Zeit des Krakauer Ghettos entnommen. Wie Szpilman im Film, stand auch Roman Polanski mit seiner Schwester am Fenster und musste zusehen, wie sie von den Deutschen eingemauert wurden. Die Erfahrung des Eingeschlossenseins im eigenen Zuhause ist sicherlich das triftigste Bild für Roman Polanskis ambivalente Raumsituationen, in denen die Geborgenheit der Wohnung zur Falle wird. Hinter den Mauern lauert eine feindliche Außenwelt, die jederzeit auch in das Innere vordringen kann. Die Situation des radikalen Ausgeliefertseins bemächtigt sich der Psyche ihrer Opfer, die sich erst spät zur Wehr setzen, wenn sie nicht vollständig in Passivität, Fatalismus oder Apathie verfallen.
Es ist die Suggestionskraft von Roman Polanskis Räumen und Bildern, welche die Angst und Entmenschlichung geradezu körperlich erfahrbar werden lässt. Ein Junge versucht durch ein Loch unter der Mauer wieder in die 'Sicherheit' des Ghettos zu gelangen, wird jedoch von der anderen Seite erschlagen, noch während Szpilman an seinen Armen zieht. Außerhalb des Ghettos wird Szpilman hinter einem Wandschrank versteckt. Er vegetiert in verlassenen Wohnungen, in denen er stets auf seine Entlarvung gefasst sein muss. Die Kämpfe in der Stadt verfolgt er durch das Fenster seiner Wohnung, hilflos und passiv wie der Zuschauer vor der Leinwand. Auf die überfüllte Enge des Ghettos folgt monatelange Isolation bis Szpilman schließlich völlig auf sich gestellt durch die Ruinenlandschaft seiner Heimat irrt. Von seiner Stadt wie von seiner Persönlichkeit sind nur noch Trümmer zurückgeblieben. Es ist ein kühler, distanzierter Blick, den Roman Polanski auf die Ereignisse wirft. Kein Gefühlskitsch oder falsches Pathos gibt dem Zuschauer die Möglichkeit der emotionalen Entlastung. Gerade die Ausweglosigkeit der räumlichen Verhältnisse erzeugt ein Gefühl der Beklemmung und kalten Wut. Trotz aller historischen Detailtreue entsteht dabei eine Atmosphäre des Unwirklichen, die den Wahnsinn und die Absurdität der geschichtlichen Realität in ihren surrealen Momenten am besten beschreibt.
Auch OLIVER TWIST arbeitet mit Kindheitserfahrungen des Regisseurs. Roman Polanski erklärt: "Ich kenne viele Dinge, die Oliver zustoßen, sehr genau, weil ich sie selbst erlebt habe." In einem der größten Sets, das je in Europa gebaut wurde, erzählt er die Geschichte eines Jungen in einer Welt voller Herzlosigkeit. Mit der detailbesessenen Rekonstruktion des Londons um 1850 entsteht ein alptraumhaftes Gewirr von Straßen, Treppen und Dachfirsten, welche die Entstehung des modernen Metropolenwahns erlebbar machen. Immer wieder zieht sich die Perspektive zusammen, verengen sich die Räume in den Hintergrund und lassen eine vierte Wand im Rücken des Betrachters entstehen. Mit Oliver wird auch der Zuschauer in die labyrinthische Struktur der Großstadt eingesogen, mit der die Boshaftigkeit seiner Umwelt ihre Entsprechung in der Abgeschlossenheit ihrer Räumlichkeiten findet. Dennoch gelingt Oliver die Flucht ins Haus des gutherzigen Mr. Brownlow. Es ist das Gegenstück zum finsteren Versteck des Hehlers Fagin, wo Oliver doch erstmals eine Art zu Hause gefunden glaubte. Roman Polanskis einziges wirkliches Happy End führt Oliver zurück in die behütete Welt einer bürgerlichen Idylle mit Garten und schützender Mauer. Keiner der anderen verzweifelten Helden Roman Polanskis erreicht diese märchenhafte Geborgenheit eines Zuhauses am Ende des Labyrinths.