Mit DER MIETER (1976) dreht Roman Polanski nochmals einen "Wohnungs-Horror" nach mehr oder weniger bekanntem Modell. Darin zieht der schüchterne Büroangestellte Trelkovsky (Roman Polanski selbst) in die möbilierte Pariser Altbauwohnung einer Selbstmörderin. Von den äußerst unfreundlichen Hausbewohnern belauert, verfällt er in paranoide Zwangsvorstellungen und in eine schwere Persönlichkeitskrise. Isoliert von der Außenwelt, spinnt er sich immer tiefer in seine Wohnung und die Identität seiner Vormieterin ein. Schlussendlich findet er sich mit seinem Schicksal ab und folgt seiner Seelenverwandten durchs Fenster in den Tod. Morbide Schockmomente begleiten den Mieter durch seinen häuslichen Alptraum, in dem Realität und Wahnvorstellung sind nicht mehr voneinander zu trennen sind. Hinter dem Schrank in seiner Wohnung findet Trelkovsky in einem Wandloch einen fehlenden Vorderzahn und in seiner mit Hieroglyphen verzierten Außentoilette verharren Menschen in teilnahmsloser Pose. Von aufdringlichen Blicken und düsteren Visionen durch sein Fenster bedroht, schiebt er den gewaltigen Spiegelschrank davor, hinter dem nun Arme nach ihm greifen. Schließlich verwandelt sich der Hof in einen surrealen Theatersaal und seine Fenster in Logen, in denen die Hausbewohner mit Opernglas das große Finale herbeiklatschen.
Roman Polanskis Horrorgroteske wird seinerzeit von der Kritik verrissen. Der Film erinnere stark an EKEL, nur dass Catherine Deneuve fehle. Dem Regisseur gelingt es weder die schroffen Stimmungswechsel noch Trelkovskys Entwicklung wirklich nachvollziehbar zu gestalten. Doch trotz einiger Mängel ist der Film ein überaus interessantes Experiment und hat mit den Jahren sein Publikum gefunden. Es ist seine stärkste Arbeit zum Thema Scham und Voyeurismus, dem sich auch Roman Polanski in den 1970er Jahren nach dem Manson-Massaker ausgesetzt sieht. Die Selbstreflexion des Kinos auf die gewissenlose Schaulust des Publikums, gewinnt durch die Identität von Regisseur und Hauptdarsteller noch an Komplexität. DER MIETER spielt mit der Angst, seiner selbst nicht sicher zu sein und durch die boshaften Blicke der Anderen in seiner Identität existentiell bedroht zu werden. Trelkovsky ist Pole mit französischer Staatsbürgerschaft, die auch Roman Polanski während der Dreharbeiten für sich beantragt. Beide wirken wie Heimatlose, denen es nicht gelingt, sich an einem Ort einzurichten und von ihrer Umwelt in eine vorbestimmte Rolle getrieben werden. Bemerkenswert ist dabei die überaus schäbige Darstellung vom Paris der 1970er Jahre. Wie Trelkovskys düstere Wohnung ist die ganze Stadt von einer Atmosphäre schwer erträglicher Beklemmung und Baufälligkeit gezeichnet. Es herrscht das Klima der Besatzungsjahre aus Anpassung und Gleichgültigkeit, aus Denunziation und Verdächtigung. Trelkovsky wird seine Wohnung in dieser feindseligen Atmosphäre zum Gefängnis, das Fenster zum letzten Ausgang und die Außentoilette zur Grabkammer, organisch verbunden mit der Kloake einer schmutzigen Stadt.
FRANTIC (1988) zeichnet mehr als zehn Jahre nach DER MIETER ein anderes, sehr viel moderneres Bild von Paris. Auf der Taxifahrt in die Stadt, vorbei an gesichtslosen Hochhäusern, sagt der amerikanische Arzt Walker (Harrison Ford) zu seiner Frau: "Es hat sich alles so verändert." Sie checken ein in die sterile Eleganz des Grand Hotels. Der Page erklärt ihnen routiniert die Funktionen ihres Hotelzimmers. Keine Spur von nachbarlicher Aufdringlichkeit, wie in den Mietswohnungen früherer Filme; stattdessen gepflegte Neutralität. Es ist das Paris der Touristen und Kongresse, sauber und unverbindlich. Als Walker aus der Dusche steigt, ist seine Frau spurlos aus dem Hotelzimmer verschwunden. Sicherheitsdienst, Polizei und Botschaft können ihm nicht helfen. So begibt er sich selbst auf die Suche in die fremde Stadt, deren Sprache er nicht spricht. Er steigt hinab in das Labyrinth einer Pariser Unterwelt aus Hinterhöfen, Parkhäusern und Nachtclubs. Er passiert die umständlichen Sicherheitskontrollen der amerikanischen Botschaft, klettert über Dächer in Fenster und beendet seinen touristischen Albtraum mit der Übergabe von Mikro-Chip gegen Ehefrau. Seine junge französische Begleiterin (Emmanuelle Seigner) bleibt dabei auf der Strecke. Scheint die Welt des Amerikaners am Ende wieder in alter Ordnung, so wird doch nichts mehr sein, wie es war. Zurück bleibt ein Gefühl der Fremde und Leere in einem kühlen, distanzierten Paris der 1980er Jahre.