Roman Polanskis Räume bestimmen in hohem Maße Atmosphäre und Struktur der filmischen Handlung. Zum einen spiegeln sie die psychische Verfassung ihrer Bewohner und wirken auf diese ein. Andererseits schaffen sie das Gelände in dem die Figuren agieren. Sie geben ihnen Grenzen, Wege und Ausblicke, die den handelnden Personen ihre Möglichkeiten aufzeigen. Der Zuschauer erlebt die Ereignisse zumeist aus der strengen Subjektive einer Hauptfigur, die sich gegen die unüberschaubaren Verhältnisse ihrer bedrohlichen Umwelt durchzusetzen sucht. Es sind einsame Helden, die verzweifelt von Raum zu Raum getrieben werden, sei es auf der Suche, auf der Flucht oder beidem zugleich. Es sind Menschen in der Fremde, die ihr Zuhause verloren haben, deren heimatliche Wohnungen sich aufzulösen beginnen und zur Bedrohung werden. Sie schließen sich darin ein, verbarrikadieren sich und suchen doch ziellos nach einem Ausgang aus ihren labyrinthischen Gefängnissen. Sie wirken wie Versuchstiere, die durch die ausweglosen Gänge einer experimentellen Anordnung irren, getrieben von ihren Ängsten, Begierden und Instinkten.
Wenn nicht sogar ganze Häuser eine zentrale Rolle der Handlung übernehmen, so haben zumindest diverse räumliche Elemente bei Roman Polanskis immer wieder eine eminente Bedeutung. Zuvorderst sind dies Mauern und Wände. Sie versprechen Schutz vor Blicken und Zugriffen der Außenwelt, doch schließen sie ihre isolierten Bewohner immer enger ein und sind von deren Peinigern zumeist mühelos umgehbar. Es ist eine seltsame Beweglichkeit der Wände, welche die trügerische Geborgenheit der häuslichen Heimat in Bedrohung verwandelt. Sie verändern ihre Proportionen, bekommen Risse und bergen Öffnungen, die sie durchlässig machen und die vertraute Welt zum Einsturz bringen. Mauern und Wände sind bei Roman Polanski auch Schauplätze von Grenzverletzungen. Sie schaffen aller Vorsichtsmaßnahmen ihrer Bewohner zum Trotz über Türen, Fenster und Löcher Verbindungen zu einer feindlichen Umwelt. Die Handlung entwickelt sich um diese Mauern herum und durch sie hindurch. Ein- und Ausgänge sind dabei oft verschlossen, bewacht oder verstellt und die den komplexen Raumsituationen ausgelieferten Personen sind über weite Strecken allein damit beschäftigt, Zugänge zu schließen oder zu überwinden.
Der sinnfälligste Ausdruck für die Struktur dieser Handlungsräume ist das Labyrinth. Jede Wohnung, jedes Haus und jede Stadt bildet eine mehr oder weniger unüberschaubare Ansammlung von Wänden und Öffnungen, in denen sich der Mensch eingerichtet hat. Diese Unübersichtlichkeit birgt Schutz und Gefahr. Sie setzt ihre Bewohner einem Wechselspiel von Anonymität und Aufdringlichkeit aus, in der sich das Private in einer prekären Situation der Ungewissheit befindet. Es liegt Wand an Wand und Tür an Tür mit einer fremden, potentiell bedrohlichen Welt. Die Angst des Individuums vor sozialer Isolation ist dabei kaum größer als das permanente Gefühl, doch nirgendwo ganz allein zu sein. Wie die eigene Identität ist auch die häusliche Sicherheit labil, eingebaut und umzingelt von Anderen. Sie kann ins Wanken geraten durch einen gewaltsamen Einbruch in die heimische Welt, durch eine Veränderung ihrer vertrauten Umgebung oder schon durch einen Blick ins Innere. Das Fremde im Vertrauten ruft widersprüchliche Reaktionen von Angst und Neugier hervor. Es macht sich an unscheinbaren Gegenständen fest und breitet sich in Räumen aus, die es umschließen und verändern. Es macht die Räume zu lebendigen Akteuren, zu phantastischen Welten, welche von der Psyche ihrer Besucher Besitz ergreifen. Letztlich handelt es sich vielleicht um nicht viel mehr als die elementare kindliche Angst vor dem Ein- und Ausgesperrtsein, vor einem radikalen Ausgeliefertsein an die räumliche Situation.