In seiner ersten reinen Hollywood-Produktion macht Roman Polanski abermals ein Appartement zum eigentlichen Star seines Films. Die Handlung von ROSEMARYS BABY (1968) beginnt mit der Führung des Vermieters durch die altertümlich möbilierten Räume der kürzlich verstorbenen Vormieterin. Die Wohnung befindet sich im burgähnlichen "Bramford-Haus" in New York, das auf eine beunruhigende Vergangenheit zurückblicken kann. Und schon bei der Vorstellung der Wohnung bilden sich erste irritierende Spannungsmomente. So versperrt ein monströser Schrank einen dahinter liegenden Wandschrank, in dem sich zur Enttäuschung des Zuschauers aber nur ein neumodischer Staubsauger befindet. Der Vermieter macht das Paar darauf aufmerksam, dass die Wohnung den abgetrennten Teil eines ehemals wesentlich größeren Appartements bildet. Trotz der düsteren Atmosphäre ist Rosemary (Mia Farrow) begeistert und verwandelt die leeren, dunklen Räume nach ihrem Einzug in eine helle, moderne Wohnung.
Erinnert der Anfang des Films noch an einen unbeschwerten Doris Day-Film, so verdichtet sich die Stimmung allmählich zu einem Gefühl latenten Unwohlseins. Nach dem vermeintlichen Selbstmord einer Hausbewohnerin vermischen sich in Rosemaries Traum Kindheitserlebnisse mit dem Gespräch ihrer seltsamen Nachbarn, wobei das Fenster ihrer katholischen Internatsschule zugemauert wird. Es ist das erste Zeichen ihrer eigenen Isolation und ihrer Gefangennahme von einer okkulten Gemeinschaft. Vergangenheit, Fiktion und Realität mischen sich auch im zweiten Traum, der in einer schwarzen Messe mündet, bei welcher Rosemary von einem dämonischen Wesen vergewaltigt wird. Die nunmehr schwangere Rosemary wähnt sich bald einer mysteriösen Verschwörung ausgeliefert, an der nicht nur ihre schrulligen Nachbarn, sondern auch ihr Arzt und sogar ihr Ehemann Guy (John Cassavetes) beteiligt sind. Schließlich entpuppt sich der ominöse Wandschrank am Ende des Flurs als Verbindungstür zwischen der vermeintlich heilen Welt Rosemary’s zur Wohnung ihrer aufdringlichen Nachbarn. Nach gescheiterter Flucht wird die Hochschwangere zurück ins Bramford-Haus gebracht. Sie verschließt sich in der Wohnung, doch können ihre Verfolger mühelos in die Wohnung eindringen und sie überwältigen. Letztlich schleicht Rosemary selbst mit einem Messer durch den Wandschrank in die benachbarte Wohnung. Inmitten der satanischen Gesellschaft findet sie in einer schwarzen Wiege ihr Baby, vor dessen Anblick sie verschreckt zurückweicht.
ROSEMARYS BABY (1968) stellt in gewissem Sinne eine ironische Verkehrung der Marienlegende vor dem Hintergrund der 1960er Jahre in Amerika dar: Der Teufel zeugt mit einer Sterblichen (die keine Jungfrau mehr ist), einen Sohn, welcher zur Sommersonnenwende im New York des Jahres 1966 das Licht der Welt erblickt. Doch bettet Roman Polanski seine Geschichte in das realistische Umfeld des modernen New Yorker Alltagslebens ein, mit Weihnachtshektik, Yello Cabs und Vidal Sassoon. Die phantastische Auflösung des Films lässt die dunkle Ahnung des Zuschauers zur glaubhaften Gewissheit werden. Wieder spielt Roman Polanski dabei mit der Erwartung und dem Voyeurismus des Publikums, dem er einen Blick auf das Teufelskind verweigert. Er zeigt eine Welt, in der aufgeklärte Moderne und dunkler Okkultismus dicht nebeneinander liegen. Vertraute Personen, alltägliche Dinge und heimatliche Räume verwandeln und verdichten sich vor dem Betrachter zu einer undurchsichtigen Intrige. Die einzelnen Elemente verweisen aufeinander und bilden Stück für Stück ein sinnhaftes Gefüge, wie die Steine des Scrabble-Spiels. Genauer besehen birgt jede noch so banale Alltäglichkeit eine bedrohliche, irrationale Seite. Aber erscheint diese Seite auch fremd und neurotisch, so doch kaum weniger profan. Der verschworene Hexenzirkel stellt sich nüchtern betrachtet als eine Gesellschaft schrulliger, älterer Herrschaften dar, die sich in ihrer Freizeit, quasi ehrenamtlich, einem höheren Ziel verschrieben haben. Es sind Egozentriker und rücksichtslose Karrieristen, deren Vorgehen nicht den offiziellen Normen entspricht. Es ist die andere Seite der Normalität, die andere Seite der eigenen Wohnung, deren Verbindungstür mit einem Schrank versperrt ist.