Ein Klassiker des Genre ist GOLDENES GIFT (1947) von Jacques Tourneur. Der Film enthält eines der zentralen Motive des film noir: Vor der eigenen Vergangenheit gibt es kein Entfliehen. (Der englische Titel lautet OUT OF THE PAST). Das Aufrollen der vergangenen Ereignisse geschieht via Rückblende und Off-Kommentar des Protagonisten. Der Aufbau der Handlung ist labyrinthisch. Das Geschehen folgt so verschlungenen Wegen, dass es sich kaum wiedergeben lässt. Ellipsen enthalten dem Zuschauer Ereignisse (wie den Hergang des Mordes an einem Rechtsanwalt) vor, so dass er sie selbst erschließen muss. Das Handlungsgeflecht wird im Verlauf des Films immer dichter.
Einer der Leute des aristokratischen Gangsters Whit Sterling (Kirk Douglas) und früheren Auftraggebers von Jeff Bailey (Robert Mitchum) erkennt diesen zufällig in seiner neuen Existenz als Tankstellenbesitzer, erinnert ihn an eine nicht beglichene Schuld und beordert ihn nun zu Sterling. Während der nächtlichen Autofahrt dorthin erzählt der ehemalige Privatdetektiv Jeff seiner Freundin Ann (Virginia Huston) von seiner Vergangenheit, die ihn nun eingeholt hat. In einer langen Rückblende erfahren wir, dass Sterling Jeff einst beauftragte, seine Geliebte Kathie Moffett (Jane Greer), die ihm 40 000 Dollar stahl, zu finden. Als Jeff sie in Mexiko aufspürt, verliebt er sich sofort in sie, sieht von ihrer Auslieferung an Sterling ab und taucht mit ihr unter. (Nach endlosen Intrigen wird er am Ende nicht mehr von ihr loskommen.)
Während Jeffs Liebe zu Ann für Sicherheit steht, ist es die femme fatal Kathie, die dem im Wege steht. Mit der Land-Atmosphäre des Dorfes nahe Los Angeles, wo Jeff mit Ann eigentlich ein friedliches Leben führen will, wird ein für den film noir atypisches Motiv eingeführt, das quer zu jenem der Großstadt steht, in die es Jeff mit Kathie verschlägt (San Francisco).
Die Kombination der objektiv erzählten Rahmenhandlung der Gegenwart mit der subjektiven Rekapitulation des Vergangenen erzeugt eine Stimmung der Schicksalhaftigkeit. Durch diese Erzählstrategie bleibt der Off-Erzähler, in diesem Fall Jeff, mit der Vergangenheit verhaftet. Das Verhängnis kündigt sich auch visuell schon in den Bildern an, als Kathie und Jeff an den Stränden von Acapulco ihre glücklichste Zeit verleben. Die Fischernetze, durch die sich Jeff hindurch bewegt, zeigen ihn als Gefangenen seiner Situation. Hinzu kommt die irreale Wirkung der day-for-night Aufnahmen, einem Verfahren, das durch den Einsatz eines Farbfilters den Tag als Nacht erscheinen lässt (als Kameramann fungiert Nicholas Musuraca). Dieser Effekt entspricht geradezu der im film noir sich manifestierenden Weltsicht.
Jeff überredet Kathie zur gemeinsamen Flucht und erkennt erst spät, dass sie seinem Bild von ihr nicht entspricht. Sein ehemaliger Detektiv-Kollege Fisher (Steve Brodie) spürt sie - wiederum im Auftrag Sterlings - erst in San Francisco, dann in ihrem Zufluchtsort im Wald auf, um Jeff zu erpressen. Aus dem Dunklen kommend betritt er die Hütte. Der folgende, im Kampf mündende Streit ist kurzgeschnitten und stilsicher mit Schattenspiel und Untersichten inszeniert. Als Kathie Fisher erschießt, trennt sich das Paar. Hier endet die Rückblende.
Nun trifft Jeff sie Jahre später bei Sterling wieder. Der will ihn erneut in dunkle Geschäfte verwickeln. Lakonisch verkörpert Robert Mitchum den Typ, der traumwandlerisch in den Abgrund stürzt. Obwohl er sich von Kathie betrogen fühlt, gelingt es ihm nicht, sich von ihr zu lösen. Und Kathie? Trotz ihrer Lügengebäude liebt sie Jeff. Zuletzt will sie ihn mit aller Macht behalten und so erpresst sie ihn (er steht inzwischen unter Mordverdacht). Während sie in Acapulco weiß gekleidet war, trägt sie am Ende schwarz und ihr maskenhaftes Antlitz erinnert an die femmes fatales des deutschen Stummfilms. In ihrem letzten Gespräch sagt sie: "Ich habe nie behauptet, dass ich besser wäre als ich bin. Das hast Du Dir immer nur eingebildet. Darum habe ich dich verlassen. Aber jetzt bleiben wir zusammen." Jeff willigt ein, aber während sie die Koffer holt, informiert er die Polizei über ihre gemeinsame (von ihr erzwungene) Flucht, auf der sie in der Straßensperre beide erschossen werden.
"Nachdem zehn Jahre lang ständig romantische Konventionen abgestreift wurden, kamen die späten Noir-Filme schließlich zu den Wurzeln und Ursachen der Periode: der Verlust öffentlicher Ehre, heroischer Konventionen, persönlicher Integrität und schließlich psychischer Stabilität." (Paul Schrader)