Film-Zeit auf     

DER AMERIKANISCHE FILM NOIR

DER AMERIKANISCHE FILM NOIR Thema
Autor Rahel Gläser, 04.06.2009

Ursprünge des film noir

film noir im Verhältnis zu Hollywood und sein zeitgeschichtlicher Hintergrund

Figuren, Erzählstrategie, Motive und Ästhetik des film noir

Die Protagonisten des film noir sind oft verzweifelte Figuren, oder Privatdetektive bzw. Cops. Die häufig obsessiven Polizisten oder zynischen, mitunter melancholischen "private eyes" treten meist als desillusionierte Einzelgänger auf. Obschon die Methoden des ambivalenten Ermittlers von denen der Verbrecher nicht weit entfernt sind, bleibt er moralisch integer. Die attraktive, geheimnisvolle, schicksalhafte, oft todbringende femme fatale ist eine unwiderstehliche Verführerin, die kühl und berechnend ihr Netz aus Intrigen spinnt und ihre männlichen Opfer manipuliert, damit diese ihre Pläne ausführen. Das Pendant ist der folgsame Mann, der ihr verfällt und schließlich dafür zahlen muss. Dieser film noir-Typ entspricht in etwa dem desorientierten, oft resignierten Heimatlosen. Die verlorenen Männer suchen nach einem Ausweg aus einer verstrickten Lebenssituation und erliegen, nachdem ihre Träume geplatzt sind, doch dem Schicksal. Der film noir-Held ist ein zum Scheitern Verurteilter.

Diese Typen-Beschreibung ist freilich schematisiert. Den Leitfaden bildet vielmehr die ambivalente Figurenzeichnung im film noir, die sich auch auf Nebenfiguren erstrecken kann. Da gibt es professionelle Killer, die beim Verlust eines Freundes schmerzlich weinen (GEHEIMRING 99 (1955) von Joseph H. Lewis) oder brave Sozialarbeiterinnen, die im Zweifelsfall Gebrauch von einer Schusswaffe machen (FLUCHT OHNE AUSWEG (1948) von Anthony Mann).

Da oft von Anbeginn alles schon entschieden ist, werden im film noir als Erzählstrategie gerne Rückblenden verwendet, kombiniert mit subjektiven Off-Erzählungen. Die Technik des voice over führt, wenn sie präsent ist, einen subjektiven Blick mit sich und vermittelt eine fatalistische Stimmung. Flashbacks brechen die narrative Linearität auf, zerstückeln die Story und können bei wechselndem point of view Zweifel am vergangenen Geschehen erzeugen. Diese Technik eignet sich zur Erzählung von Protagonisten, die im film noir immer wieder als Gefangene ihrer Vergangenheit auftauchen. Es sind dies instabile Figuren, die in tragischer Weise mit ihrer Geschichte verhaftet bleiben, weil sie einen Fehler begangen haben. Derartige Rücklenden kommen in Marcel Carnés DER TAG BRICHT AN (1939), Robert Siodmaks DIE KILLER (1946) und Jacques Tourneurs GOLDENES GIFT (1947) zur Anwendung.

Schauplatz des Geschehens ist häufig die Großstadt, deren regennasse Straßenschluchten und verwinkelte Bezirke eine Welt des Verbrechens und unkontrollierbarer Gewalt darstellen. Mit den Vergnügungsangeboten ist sie auch ein Ort der Verlockungen. Im film noir wird sie als bedrohliches Chaos, das für Verlorenheit oder Platzangst steht, oft zum Alptraum. Hinzu gesellt sich das Motiv der Nacht. Die Schattenwelt erzeugt eine Spannung, da im film noir auf schwarzem Grund nur das Nötigste beleuchtet wird; dabei wird das Licht mitunter so grell eingesetzt, dass es destruktive Ausmaße annimmt.

Diese aus Schwarz-Weiß-Kontrasten resultierende Spannung hat ihre Wurzeln im deutschen Stummfilm der 1920er Jahre. Die Chiaroscuro- und extreme Low-Key-Ausleuchtung ist vor allem in der späten Phase des film noir zu sehen. Die Herrschaft der Dunkelheit hat eine Entsprechung auf der Handlungsebene, wenn der Schlüssel zu den Ereignissen aus der dunklen Vergangenheit ans Licht gebracht werden muss. Dies geschieht oft in komplexer Rückenblendenstruktur.

Die vom film noir ausgehende Faszination rührt auch von dieser Zuspitzung extremer Kontraste her. Und dafür zeichnen nicht zuletzt die Kameramänner der schwarzen Filmproduktion verantwortlich: So setzt Woody Bredell für Robert Siodmaks DIE KILLER (1946) ebendiese harte Lichtführung mit langen Schlagschatten ein; ferner gilt der Experte der film noir-Stimmung, John Alton, als Kameramann des Genre schlechthin. Neben expressiven Mustern und Diagonalen in der Bildkomposition, werden Einstellungen durch ungewöhnliche Perspektiven verfremdet. Extreme Unter- oder Aufsichten, und die verkantete Kamera, bei der die Horizontlinie in die Schieflage gerät, sind typische Ausdrucksmittel des film noir, um beispielsweise drohende Gefahr, Irritation oder Verunsicherung zu signalisieren. Häufig werden im film noir auch Weitwinkelobjektive verwendet. Die damit einhergehende Schärfentiefe ermöglicht eine Bildkomposition in die Raumtiefe, wobei alle Ebenen scharf zu sehen sind. Ein Effekt der Schärfentiefe ist, dass der Betrachter verstärkt ins Bild einbezogen wird. Orson Welles' Film CITIZEN KANE (1941), der hierfür als Paradebeispiel gilt, ist ein weiteres Vorbild des film noir.

GOLDENES GIFT (1947) - die Schatten aus der Vergangenheit

Aktueller Stand der Datenbank:
18738 Filme,
72604 Personen,
6594 Trailer,
873 Biographien,
54 Themen & Listen
all: 0,42856