George Clooney dagegen interessiert sich für etwas ganz Anderes. Er zeigt, wie der Fanatismus funktioniert und wie die Mechanik des Fanatismus in einer eigentlich modernen Demokratie trotz seiner vermeintlichen Irrationalität politisch instrumentalisiert werden kann. Der Film zeigt die fieberhafte und akribische journalistische Arbeit in der Redaktion des CBS-Nachrichtemagazins "See it now" Anfang 1954, als die McCarthy-Hysterie ihren Höhepunkt erreicht. Angeführt von ihrem Anchorman Eward R. Murrow gelingt es der Redaktion McCarthys Anschuldigungen gegen einen Soldaten der U.S. Airforce zu widerlegen. Der Mann war aus der Airforce entlassen worden, weil sein Vater eine serbische Zeitung abonniert hatte. Murrow gewinnt den Kampf um die öffentliche Meinung, obwohl der Druck von Seiten der CBS immer größer wird und McCarthy nicht davor zurückschreckt, ihn in aller Öffentlichkeit zum kommunistischen Sympathisanten abzustempeln.
Murrow nutzt dabei Filmmaterial aus den "Verhandlungen" in McCarthys Komitee. Er führt McCarthy im Wortsinn vor. McCarthy ist zu dieser Zeit nicht mehr in der Lage zu erkennen, wie weit er seine ideologische Radikalität bereits getrieben hat. Der Senator scheitert nicht zuletzt, weil sich selbst verschiedene U.S.-Ministerien und die U.S.-Army gegen die pauschalen Verdächtigungen ihrer Mitarbeiter wehren. Im Mai 1954 verbot die Armee ihren Soldaten auf Anordnung Präsident Eisenhowers vor dem Committee auszusagen. Eine Sequenz, die in die politische und die Mediengeschichte der USA eingegangen ist, zeigt wie der Rechtsberater der U.S. Army, Joseph N. Welch, Anschuldigungen des Senators gegen Soldaten zurückweist: "You've done enough. Have you no sense of decency, sir, at long last? Have you left no sense of decency?" Mit diesen Worten stelle sich Welch dem Inquisitor McCarthy am 9. Juni 1954 entgegen. Wenig später erteilte der Senat McCarthy eine offizielle Rüge und enthob ihn des Ausschussvorsitzes.
George Clooneys Anliegen ist die Analyse. Dafür steht der Journalist Ed Murrow, der im Film den irrationalen Auswüchsen des Senators McCarthy die Rationalität der journalistischen Recherche und des argumentativen Überzeugens entgegensetzt. Ed Murrow übernimmt die Rolle des Anti-Fanatikers, der auf den Sieg der Vernunft setzt. Er ist der Chirurg, der das Krebsgeschwür des Fanatismus mit präzisen Schnitten beseitigen will. Wo John Procter wütet und sich tränenreich opfert, hält Murrow mit analytischer Kühle, Intellekt und menschlichem Anstand dagegen. So durchbricht er den Teufelskreis aus Anschuldigung, Geständnis und Denunziation. Als Zuschauer identifizieren wir uns mit dieser Überlegenheit und Gelassenheit und vollziehen die Argumentation des aufrechten, mutigen Einzelnen nach. Hier werden Sachlichkeit und Vernunft zur Tugend.
Davor dass Murrow nicht zum arroganten Rechthaber und eher öden Überzeugungstäter wird, schützen die Coolness von Optik und Musik. Selten hat ein Film besser ausgesehen und geklungen. George Clooney hat eine Art des Doku-Dramas gewählt, um das Publikum in die Atmosphäre der McCarthy-Zeit zu versetzen. Er verwendet sowohl Originalausschnitte aus den Sendungen Murrows als auch aus den Anhörungen des Committees. Diese Authentizität wird durch die schwarz-weiß Cinematographie und die Sets streng durchgehalten. Sicher hat diese konsequente Zeitreise in die 1950er Jahre nicht nur ästhetische Gründe: Hätte George Clooney auf heutige filmische Mittel gesetzt, hätte die inhaltliche Glaubwürdigkeit des Films arg gelitten. Ein politischer TV-Journalismus, wie ihn Ed Murrow verfocht, ist in der heutigen Zeit der schnellen Schnitte, musikalischen Hinterlegung und Rund-um-Inszenierung nicht mehr denkbar. Das Magazin "See it now" forderte vom Zuschauer hinzusehen, abzuwägen und dann selbst zu bewerten, was er sieht. Diese Leistung muss (und kann?) der Zuschauer von heute nicht mehr erbringen: "Embedded Journalists" und durchgestylte Newsmagazine liefern ein Komplettpaket an Polittheater, bei dem die "richtige" Meinung gleich mitgeliefert wird.
GOOD NIGHT AND GOOD LUCK war bei Kritikern und an der Kinokasse ein Riesenerfolg: Sechs Oscar-Nominierungen, darunter Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller und insgesamt 19 amerikanische und internationale Filmpreise, davon allein fünf beim Filmfestival in Venedig - dazu spielte der Film als Limited Release in den USA 34 Millionen US$ und weltweit über 55 Millionen US$ bei einem Produktionsbudget von nur 7 Millionern US$ ein.
John Procter musste sich selbst opfern, um den Siegeszug des Fanatismus aufzuhalten. 20 Jahre nach der Hexenjagd zahlte die Regierung den noch lebenden Opfern Kompensation und auch den Familien der Gehängten. 1712 nahmen die Glaubensgemeinschaften, allerdings erst auf Druck der Regierung, posthum die Exkommunikationen zurück. Ed Murrow konnte dagegen seine Journalistenkarriere fortsetzen, obwohl auch er einige politische Schwierigkeiten hatte. Dass seine Karriere in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre weniger erfolgreich verlief, hatte nicht so sehr mit seiner aufklärerischen Rolle in Sachen McCarthy, sondern eher mit den Veränderungen in der amerikanischen Fernsehlandschaft zu tun. Als der Siegeszug der Quizshows - zum Beispiel "The $64.000 Question" - begann, erreichte die Kommerzialisierung der Sender eine neue Dimension. Die Sendezeit ging dahin, wo das Geld zu verdienen war.
Dieser Entwicklung stellte sich Murrow energisch entgegen. Dies ist eine Schlüsselszene am Beginn und Ende von GOOD NIGHT AND GOOD LUCK, die die berühmte Rede Murrows vor der Radio and Television News Directors Association im Jahr 1958 nachstellt. Auch hier wird deutlich: Murrow ist kein Fanatiker, sondern ein leidenschaftlicher aber rationaler Verfechter eines aufklärerischen journalistischen Ethos, der uns heute nur radikal erscheint, weil er so selten und ungewöhnlich geworden ist. Murrow weigerte sich seine Standards aufzuweichen und zog sich 1961 vom Journalismus zurück, als er die Berufung zum Vorsitzenden der United States Information Agency durch President John F. Kennedy annahm. Die Anfeindungen und den Fanatismus hatte er mit Bravour überwunden. Murrow wurde Opfer seines kleinen, privaten Fanatismus - der Zigarette - und starb 1965 an Lungenkrebs.
Fanatismus ist und bleibt, wie wir auch heute in den verschiedensten Gegenden der Welt sehen können, unmenschlich und gefährlich. Der Vergleich von HEXENJAGD und GOOD NIGHT AND GOOD LUCK weckt allerdings einen kleinen Hoffnungsschimmer. In einer Demokratie lässt sich Fanatismus mit Aufklärung und Standhaftigkeit bekämpfen, so die Moral von George Clooneys Film. Diesen Glauben hatte Arthur Miller in "The Crucible" unter dem starken Eindruck des noch aktiven McCarthyism nicht. Das Beispiel der immer stärker werdenden Bewegung der Christian Coalition in den USA zeigt, dass die Aufklärung und rational-liberale Rechtsstaatlichkeit kein fortschreitender Prozess ohne Rückschläge ist, sondern dass Fanatiker auch im 21. Jahrhundert ihre Anhänger finden, auch in den ursprünglich auf dem Fundament liberaler Ideale gegründeten USA. Heute instrumentalisieren christlich-reaktionäre Gruppen die terroristische Bedrohung, um bürgerliche Freiheiten und Persönlichkeitsrechte zu beschneiden und nach innen und außen zunehmend aggressiver aufzutreten. George Clooney hat mit GOOD NIGHT AND GOOD LUCK und anderen Filmen wie SYRIANA erfolgreich Impulse für die politische Diskussion gesetzt und sich bei der Oscar-Verleihung und anderen Gelegenheiten durch öffentliche Statements selbstbewusst in die liberal-aufklärerische Tradition eingereiht. Aufgegeben hat er die USA keinesfalls - sein lakonischer Kommentar: "The United States are loosing their mind every 30 years it seems, but they are always finding it again."
Es bleibt zu hoffen, dass George Clooney Recht behält.
Der Text ist zuerst auf kinokarate veröffentlicht worden.