Die Regisseure legen ihren Schwerpunkt weniger auf ein bestimmtes Milieu, sondern stellen meist den Alltag in seiner ganzen Nüchternheit dar. Dabei kann es um ehemalige RAF-Terroristen (DIE INNERE SICHERHEIT (2000) von Christian Petzold), um ein Mädchen, das nach Frankreich reist (PLÄTZE IN STÄDTEN (1998) von Angela Schanelec) oder um einen Drogendealer in Berlin (DEALER (1999) von Thomas Arslan) gehen. Alle drei genannten Filmemacher gelten als Vorreiter der Neuen Berliner Schule. Sie sind sozusagen die erste Generation der Bewegung, die sich selbst allerdings nicht als eine solche sieht. Anders als bei den Dogma-Filmen gibt es kein festgelegtes Regelwerk. Vielmehr kommt eher zufällig eins zum anderen. Die drei Regisseure studieren in den 1990er Jahren gemeinsam an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Sie kommen ins Gespräch, stellen fest, dass sie ähnliche Vorstellungen haben und verwirklichen diese in ihren ersten Filmen. Präzision in der Beobachtung von alltäglichen Situationen ist ihnen gemein. Sie wollen nicht lehren, sondern selbst lernen, genau hinzusehen.
So geht es in PLÄTZE IN STÄDTEN (1998) von Angela Schanelec um das Mädchen Mimmi (Sophie Aigner) kurz vor dem Abitur. Ohne Erklärungen zeigt der Film, wie sie mit ihrem Fahrlehrer schläft, sich etwas zu Essen macht, mit einer Freundin an einem Schwimmbecken tanzt. Sie verbringt auf einer Klassenfahrt nach Paris eine Nacht mit einem Fremden und wird schwanger. Ohne Dramatik zeigt der Film ein Stück Realität, beobachtet präzise in langen Einstellungen, wie Mimmi lebt. Angela Schanelec bedient sich einer lakonischen Bildsprache, die sich auf den ersten Blick nicht erschließt. Doch am Ende ist der Zuschauer Mimmi ein wenig näher gekommen. Auch in ihren folgenden Filmen MEIN LANGSAMES LEBEN (2001), MARSEILLE (2004) und NACHMITTAG (2007) findet sich ein ähnlicher Erzählstil wieder: Lange Einstellungen, präzise Beobachtung und fast schon dokumentarisch wirkende Bilder.
Thomas Arslan erzählt in DER SCHÖNE TAG (2001) von der jungen Synchronsprecherin Deniz (Serpil Turhan), die sich an einem Sommertag in Berlin plötzlich bewusst wird, dass sie in ihrem Leben nicht glücklich ist. Sie trennt sich von ihrem Freund, streunt durch die Stadt, spricht mit verschiedenen Menschen über die Liebe und sucht sich darüber klar zu werden, was sie vom Leben erwartet. Sie verbringt eine Nacht mit Diego (Bilge Bingül), setzt aber am nächsten Tag ihre Suche fort. Auch hier dominiert ein dokumentarischer Charakter den Film. Es kommt nicht auf das Ziel an, sondern auf die Bewegung von Deniz. Die Kamera folgt ihr in langen Einstellungen und der Zuschauer lässt sich auf den Rhythmus ein. So entsteht eine Nähe zu der jungen Frau, die gleichzeitig eine Fremde bleibt. Es geht Thomas Arslan nicht um die Geschichte, sondern um die präzise Darstellung des Moments. Die innere Suche von Deniz übersetzt sich in äußere Bewegung. Ihr Schritt mag zielstrebig sein, aber ihr Gefühl ist von Flatterhaftigkeit durchzogen. Es entsteht eine Mischung aus Erzählen, Beobachten und Beschreiben des Alltags der Protagonistin. Die beiden Filme PLÄTZE IN STÄDTEN(1998) und DER SCHÖNE TAG (2001) werden von der Kritik für ihre Präzision gelobt, erreichen aber kein großes Publikum. Zu sperrig mögen diese Filme auf den ersten Blick erscheinen.
Anders sieht es bei DIE INNERE SICHERHEIT (2000) von Christian Petzold aus: Das Drama um das Leben zweier ehemaliger RAF-Terroristen und deren Tochter im Untergrund erreicht mit 120.000 Zuschauern vergleichsweise traumhafte Besucherzahlen. Dies dürfte zum einen dem Umstand zu verdanken sein, dass der Film 2001 den Deutschen Filmpreis gewinnt. Doch es gibt noch eine anderen Grund, welcher dem Film eine gesteigerte Aufmerksamkeit zukommen lässt. Kurz vor dem Starttermin findet zufälligerweise in den deutschen Medien eine Debatte um die Alt-68er wie den damaligen Außenminister Joschka Fischer und Jürgen Trittin statt, die sich in der Politik etablierten. Sie scheinen, erfolgreich durch die Institutionen marschiert zu sein. Joschka Fischer soll Ende der 1960er Jahre Molotow-Cocktails geworfen haben und Jürgen Trittin wird in der Bild-Zeitung auf einer Fotomanipulation mit einem Schlagstock abgebildet. Es gibt sogar eine außerplanmäßige Bundestags-Debatte zu dem Thema. Viele sehen DIE INNERE SICHERHEIT (2000) als eine Bestandsaufnahme der Folgewirkungen des RAF-Terrorismus. Der Regisseur Christian Petzold argumentiert erfolglos gegen diese Erwartungen an. Letztendlich erzählt er in ruhigen Einstellungen auf präzise Art und Weise von innerfamiliären Konflikten und dem Alltag im Untergrund. Er fängt die Normalität dieses eigentlich unnormalen Leben ein. Die RAF-Vergangenheit der Eltern (Barbara Auer und Richy Müller) bleibt nur eine Ahnung. Sie müssen im Hier und Jetzt überleben und sich mit ihrer Tochter (Julia Hummer) auseinandersetzen, die genug hat vom ewigen Versteckspiel. Mit diesem Film gelingt Christian Petzold der Durchbruch. Er schafft den Sprung in die Unabhängigkeit.
Neben Christian Petzolds Filmen werden die Filme der meisten Regisseure, die der Neuen Berliner Schule zugeordnet werden, von der Berliner Firma Schramm Film produziert. Abgesehen von mittlerweile etablierten Filmemachern wie Christian Petzold und Angela Schanelec fällt es den meisten Regisseuren der Neuen Berliner Schule schwer, Geldgeber für ihre Projekte zu finden. Handelt es sich um einen der ersten Filme eines Regisseurs, finanziert häufig "Das kleine Fernsehspiel" des ZDF deren Projekte mit. Das erlaubt den Filmemachern eine größere künstlerische Freiheit jenseits der klassischen Filmförderung, die kommerzielle Erfolgserwartung als Voraussetzung mit sich bringt.