In LUCY (2006) von Henner Winckler finden sich viele Merkmale, welche mit der Strömung der Neuen Berliner Schule in Verbindung gebracht werden: relativ lange Einstellungen, Beschränkung auf den Originalton, kein handlungsorientiertes Aufeinanderfolgen der einzelnen Szenen, kaum Dialoge und rin derart zurückgenommenes Spiel der Schauspieler, dass der Film einen fast schon dokumentarischen Charakter gewinnt.
Nach seinem Debütfilm KLASSENFAHRT (2002) ist LUCY (2006) Henner Wincklers zweiter Film. Er wird vom ZDF "Das kleine Fernsehspiel" co-produziert und läuft im Forum der Berlinale, erfreut sich bei den Kritikern großer Beliebtheit. Die 18-jährige Maggy (Kim Schnitzer) hat eine 8-Monate alte Tochter: Lucy. Gleich in der ersten Szene trennt sie sich vom spätpubertären Kindsvater Mike (Ninjo Borth), dem sie vorwirft, dass er sich wohl lieber um seinen Hund als um seine Tochter kümmert. Er blickt sie nur schuldbewusst an, als sie mit ihren Sachen davonzieht. Maggy lebt bei ihrer alleinerziehenden ebenfalls sehr jungen Mutter (Feo Aladag). Sie kommunizieren nur das Notwendigste. Maggy wirkt abgestumpft, kümmert sich aber pflichtbewusst und nicht unfreundlich um ihre Tochter. Die Mutter unterstützt sie dabei. Als eines Abends Maggys Freundin Nadine (Ganeshi Becks) anruft, organisiert Maggy unter einem Vorwand Daniel (Jakob Bieber), der sich Hoffnungen auf Maggy macht, als Babysitter und geht mit ihren Freundinnen in einen Club. Dort lernt sie den wenig älteren Gordon (Gordon Schmidt) kennen. Sie verheimlicht ihm zunächst, dass sie eine Tochter hat. Aber als er sie überraschend besucht, merkt er gleich, dass Lucy nicht Maggys Schwester ist. Er stellt ruhig fest: "Das ist nicht deine Schwester." Maggy schüttelt nur den Kopf und blickt ihn verlegen an. Daraufhin nimmt er sie in den Arm, und es ist klar, dass er trotzdem zu ihr steht.
Nach einem Streit mit der Mutter zieht Maggy mit Lucy zu Gordon. Sie geben sich wie eine glückliche Kleinfamilie, kaufen sich eine Waschmaschine und grillen auf dem Balkon. Doch das oberflächliche Glück ist nur von kurzer Dauer. Gordon ist immer weniger zu Hause, spielt lieber unter Kopfhörern Computerspiele, als sich um die schreiende Lucy zu kümmern. Irgendwann bekennt Gordon, dass er sich das Ganze "irgendwie releaxter" vorgestellt hat. Maggy kann dem nichts hinzufügen. Obwohl sie von allen Seiten Unterstützung erfährt, weiß sie nicht so recht, wo es mit ihr hingehen soll. Sie hat wegen Lucy die Schule abgebrochen und will irgendwann eine Ausbildung machen. Am Ende erkennt sie, dass Lucy ein Teil von ihr ist und sie ihr Baby nicht einfach von sich wegschieben will.
Zuallererst fällt bei LUCY der aufs minimalste beschränkte Dialog auf. In fast schon stoischer Weise trennt sich Maggy von dem Kindsvater. Mit wenigen Worten macht sie ihm klar, dass er in ihren Augen zu unreif ist, um sich um Lucy zu kümmern. Gleichzeitig wirkt sie seltsam abgeklärt und will sich nur noch einer lästigen Aufgabe entledigen. Keine Szene, kein Anschreien, nur der kurze Dialog, ein verlegener Blickwechsel und die Beziehung ist beendet. Als sie abends den Anruf erhält, noch mit in die Disco zu kommen, beißt sie sich nur auf die Lippe, tigert durch die Wohnung, bevor sie den gutmütigen Daniel zum Babysitten anruft.
Dokumentarisch mutet die Szenerie an. Die Kamera scheint eine Zeit lang Maggys Leben zu begleiten, bevor sie sich wieder zurückzieht. In Halbtotalen bleibt sie dicht genug an den Protagonisten, so dass die Körpersprache als Ausdruck vor dem gesprochenen Wort Vorrang hat. So sitzt Maggy einmal am Fenster und isst ein Brot. Sie blickt halb träumerisch aus dem Fenster. In diesem Moment erzählt sie mehr, als sie es mit ihren kargen Worten auszudrücken vermag. Sie ist auf der Suche nach dem richtigen Leben für sich, und sie träumt vom Glück. Hals über Kopf beschließt sie, es bei Gordon zu finden. Aber es ist von vornherein klar, dass sie dort nicht das findet, was sie sucht. Sie probieren das Konzept Kleinfamilie für sich aus, kichern beim Grillen auf dem Balkon, schauen gemeinsam fern, haben sich aber nicht viel zu sagen. Lucy gehört einerseits zu diesem Konzept, andererseits stört sie die Freiheit, die sich beide gleichzeitig wünschen.
In den engen Wohnungen der tristen Hochhaussiedlungen kann die Freiheit nicht funktionieren. Sowohl bei der Mutter als auch bei Gordon findet Maggy mit Lucy keinen Raum für sich. Sie hat zwar noch ihr Kinderzimmer bei der Mutter, aber die Kindheit ist seit Geburt des Babys vorbei. Maggy muss Verantwortung übernehmen und scheut diese in manchen Situationen. Etwa als sie abends allein auf Gordon wartet, und schnell über die Straße läuft, um sich ein Bier zu holen. Dabei lässt sie Lucy allein in der Wohnung. Der Regisseur verzichtet auf überflüssige Dramatik, Lucy schläft unbehelligt weiter. Vernachlässigte Kinder, Drogen und Alkoholismus hat er bewusst nicht als Thema in dem Film verwendet, wenn auch angedeutet. Die Situation ist in ihrer Alltäglichkeit schon deprimierend genug. Gleichzeitig schimmert aber unter der Oberfläche die Hoffnung durch, dass Maggy nicht restlos verloren ist, sonder ihren Weg gehen wird. Wenn sie gedankenverloren eine Zigarette raucht und vom Balkon über die Stadt blickt, scheint sie eine Ahnung davon zu haben. Der Augenblick dauert gerade so lang, dass der Zuschauer diesen Moment wahrnimmt, bevor der genau platzierte Schnitt dafür sorgt, dass er vorüber ist.
Maggy befindet sich in der Zwischenstation von der Kindheit zumErwachsensein. Sie kämpft sich mit Kinderwagen durch den Dschungel der Stadt, schleppt ihn die Treppe zur U-Bahn hinunter und in die Straßenbahn hinauf. Gleichzeitig erschleicht sie sich einen ungestörten Abend in der Disco, um mit ihren Freundinnen abhängen zu können. Einmal sagt sie zu ihrer Freundin Nadine, die eine Ausbildung zur Frisörin macht: "Ich hätte auch gern was nur für mich. " Die Freundin sagt daraufhin zu ihr: "Du hast doch Gordon.". Genau darin liegt das Problem von Maggy. Sie betrachtet Gordon als ihre Chance zum Glück und der kann diese Erwartung nicht erfüllen. Letztendlich erkennt sie, dass Lucy ein Teil von ihr ist, und sie mit ihr auf die Suche nach ihrem Lebensweg gehen möchte.
Wie in anderen Filmen, die der Neuen Berliner Schule zugeordnet werden, ist in LUCY (2006) die Suche das zentrale Element. Henner Winckler konzentriert sich ganz auf Maggy, die in allen Szenen zu sehen ist. Ein Teil ihres Lebens wird erzählt, ohne es zu kommentieren. Die Beschränkung auf den Originalton unterstützt die Darstellung der Realität ihres Leben. LUCY (2006) fordert Aufmerksamkeit ein und schafft dabei eine ganz besondere Atmosphäre. Am Ende des Films ist Maggy dem Betrachter ein wenig näher gekommen.