Die so genannte zweite Generation der Neuen Berliner Schule, unter ihnen die Regisseure Christoph Hochhäusler, Benjamin Heisenberg, Henner Winckler, Ulrich Köhler und Valeska Grisebach, dürfen sich der Forderung der Geldgeber nach mehr Handlung und der Produktion von Genrefilmen ausgesetzt sehen. Sie weisen diese jedoch zurück und produzieren zunächst noch mit Unterstützung des Fernsehens ihre Filme. Wie danach eine Finanzierung aussehen wird, ist noch ungewiss.
Die Regisseure berufen sich explizit darauf, dass sie ihre Filme für das Kino drehen. Eine Fernsehvermarktung wird von ihnen eher als notgedrungener Nebeneffekt gesehen. Zwar scheinen die Bilder von Alltagssituationen auch durchaus ins Fernsehen zu passen, weite Cinemascope-Aufnahmen finden sich weniger in den Filmen von Vertretern der Strömung. Dennoch mögen die Regisseure in dem Denken verhaftet sein, dass Qualität nur im Kino möglich ist. Dem Fernsehen als billige Unterhaltungsmaschine trauen sie künstlerisch anspruchsvolle Filme nicht zu. Im Spätprogramm mancher Sender findet sich jedoch die eine oder andere Perle anspruchsvoller Unterhaltung. Wenn sich der Trend zu anspruchsvoller Fernsehunterhaltung wie in den USA auch ins deutsche Fernsehen verirrt, haben vielleicht auch die angehenden Autorenfilmer eine Chance, ihre Projekte zu finanzieren. Zumindest in dem Rahmen, in dem jetzt schon eine Finanzierung stattfindet. Das ZDF finanziert die Erstlingswerke, dann laufen die Filme auf Festivals, es folgt eine Kinoauswertung und schlussendlich kommen sie spätabends im Fernsehen. Von einem 20.15 Uhr Sendeplatz ist in näherer Zukunft für Autorenfilme nicht auszugehen.
Anders als es bei den Regisseuren der ersten Generation der Fall ist, kommen die Jungregisseure von unterschiedlichen Filmhochschulen. Christoph Hochhäusler und Benjamin Heisenberg studieren gemeinsam an der Münchner Hochschule für Film- und Fernsehen. Henner Winckler und Ulrich Köhler absolvieren die Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, wohingegen Valeska Grisebach an der Filmakademie Wien studiert. Jetzt leben und arbeiten sie in Berlin und stehen in losem Kontakt zueinander. Die Regisseure Christoph Hochhäusler und Benjamin Heisenberg gründen gemeinsam die Filmzeitschrift "Revolver". Sie weisen explizit auf ihre Nähe zur Neuen Berliner Schule hin. Der Film FALSCHER BEKENNER (2005) von Christoph Hochhäusler enthält deutliche Elemente der Richtung. Armin (Constantin von Jascheroff) hat gerade seine Mittlere Reife in der Tasche. Seine Eltern verlangen von ihm, dass er jeden Tag eine Bewerbung schreibt. Er streunt nachts umher, sieht einen Autounfall, nimmt ein Trümmerteil mit nach Hause. Dann schreibt er einen falschen Bekennerbrief. Der Film zeigt die Vorstädte und die Enge der bürgerlichen Familie. Wie zufällig beobachtet die Kamera den Protagonisten bei seinen Streifzügen. Die Wirklichkeit wird durch präzise Beobachtung dargestellt und der Originalton bestimmt den gesamten Film.
Genauso in SCHLÄFER (2005) von Benjamin Heisenberg: Der Regisseur scheint wie zufällig bestimmte Szenen aus dem Leben von Johannes (Bastian Trost) herauszupicken. Der unscheinbare Wissenschaftler tritt eine Stelle in München an, sein Kollege wird der Algerier Farid (Mehdi Nebbou). Die beiden unternehmen häufiger etwas gemeinsam. Dann lernen sie dieselbe Frau kennen und lieben. Johannes sieht seine Chance gekommen, doch sie weist ihn zurück. Da erinnert er sich wieder an die Frau vom Verfassungsschutz. Sie bittet ihn, seinen Kollegen, einen möglichen Schläfer, auszuspionieren. Dem Regisseur gelingt es aus der Distanz, die Terrorangst seit dem 11. September in realer Weise darzustellen. Johannes Unsicherheit überträgt sich dabei auf den Zuschauer.
Während letztere Regisseure sich selbst der Neuen Berliner Schule zuordnen, halten sich andere Regisseure in Selbstzuschreibungen zurück. Sie werden aber von Kinokritikern dennoch häufig mit der Neuen Berliner Schule in Verbindung gebracht: Ulrich Köhler dreht mit BUNGALOW (2002) einen existentialistisch anmutenden Film über einen Jugendlichen, der fahnenflüchtig wird, und in den Bungalow seiner Eltern flieht. In seinem nächsten Film MONTAG KOMMEN DIE FENSTER (2006) geht es wieder um eine Flüchtige: Eine junge Mutter fühlt sich überfordert und verlässt ihre Familie. Auch in Valeska Grisebachs Filmen MEIN STERN (2001) und SEHNSUCHT (2006) werden ohne große äußere Handlung Geschichten erzählt, die äußerlich zunächst ganz alltäglich erscheinen. Aber unter der Oberfläche spüren die Regisseure Reize auf, die auf den ersten Blick nicht zu sehen sind. Beide Filme sind Liebesgeschichten, einmal unter Pubertierenden und dann unter Eheleuten, von denen einer fremdgeht, darüber aber völlig verzweifelt.
Allen ist gemeinsam, dass sie grundsätzlich alltägliche Geschichten erzählen, in langen Einstellungen und mit wenig äußerer Handlung. Dennoch entsteht eine Spannung und der Zuschauer stellt sich die Frage, wie es wohl mit den Protagonisten der Filme weitergehen wird. Unter der Oberfläche des zurückgenommenen Spiels der Darsteller öffnet sich bei genauer Betrachtung das ganze Ausmaß der Wirklichkeit.