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DIE NOUVELLE VAGUE: ZÄSUR UND WENDEPUNKT

DIE NOUVELLE VAGUE: ZÄSUR UND WENDEPUNKT Thema
Autor Mario Kaiser, 31.03.2009

Das Wasser zieht sich langsam zurück

Fängt an zu grollen

Und schlägt zu

Doch es soll nicht bei der Theorie bleiben: Ende der 1950er Jahre beginnt die Gruppe junger Filmkritiker, ihre Forderungen selbst umzusetzen. Vom Kinosessel wechseln die Kritiker der Cahiers auf den Regiestuhl – aus den Filmkritikern werden Filmemacher. Als erster Film, der die Prinzipien der Nouvelle Vague umsetzt, wird oft DIE SICH SELBST BELÜGEN (1958) genannt. Der Film war einer der ersten, der ohne eine internationale Starbesetzung ein Kassenerfolg wird. Ironischerweise stammt dieser Film jedoch ausgerechnet von Altmeister Marcel Carné, der in den 1930er Jahren entscheidend den psychologischen Realismus mitgeprägt hat, gegen den die Nouvelle Vague rebelliert. DIE ENTTÄUSCHTEN (1959) ist schließlich der erste abendfüllende Film aus der Riege der Cahiers-Kritiker. Der Film handelt von einem Pariser, der in sein Heimatdorf zurückkommt – und seine alten Freunde nicht zum Besten verändert sieht. Claude Chabrol dreht den Film in gerade einmal acht Wochen mit sehr geringem Budget, und setzt damit entscheidende Forderungen der Nouvelle Vague erstmals in die Tat um. Der Film gewinnt einige Preise, kann jedoch mit dem Erfolg seines zweiten Films (SCHREI, WENN DU KANNST (1959)) bei weitem nicht mithalten. Als Auftakt der Nouvelle Vague gelten daher eher die Debüts von Francois Truffaut und Jean-Luc Godard. Diese sind enorme Erfolge beim Publikum und der Kritik gleichermaßen – und sind damit mehr als nur eine Initialzündung. Vielmehr schaffen diese wenigen Filme innerhalb kürzester Zeit eine Filmbewegung, noch lange bevor sich deren Mitglieder als solche verstehen und sich zur Nouvelle Vague bekennen. SIE KÜßTEN UND SIE SCHLUGEN IHN (1959) ist das Spielfilmdebüt von Francois Truffaut. Es handelt von einem Schulschwänzer aus zerrütteten Familienverhältnissen, der in einem Erziehungsheim landet – und schließlich auch aus diesem wieder flieht. Aufgrund seiner Polemik gegen das kinematische Establishment wird der Filmemacher im Jahr 1958 nicht für das Festival in Cannes zugelassen. Im Jahr darauf wird sein Debüt nicht nur für das Festival ausgewählt – der Filmemacher nimmt auch noch eine Goldene Palme und den Regiepreis mit nach Hause.

Die ersten Filme aus dem Kreis der Cahiers-Kritiker setzen die Forderungen um, die sie im Rahmen der politique des auteurs entwerfen. Anstatt mit aufwendiger Technik drehen sie mit leichtem Equipment. Anstatt renommierte literarische Vorlagen zu verfilmen, inszenieren sie private Themen oder Ereignisse aus Zeitungsmeldungen. Anstatt mit internationalen Stars arbeiten sie mit jungen, unbekannten Schauspielern und mit Laien. Anstatt im Studio drehen sie auf offener Straße und realen Kulissen. Anstatt geschliffener Dialoge verwenden sie Alltagssprache. Anstatt teurer Produktionen drehen sie Filme mit niedrigen Budgets. Anstatt an der Filmhochschule und als Assisent zu lernen, lassen sie sich im Kinosaal ausbilden. Und die Autodidakten betreiben Kino als Kunst und Leidenschaft, anstatt als Handwerk und Kommerz.

Diesen Grundsätzen verpflichtet sich auch das Debüt von Jean-Luc Godard. AUßER ATEM (1959) heißt der Film, der wie SIE KÜßTEN UND SIE SCHLUGEN IHN (1959) die Nouvelle Vague gleichsam mit einem Paukenschlag einläutet. AUßER ATEM (1959) ist vor allem beim Publikum ein phänomenaler Erfolg. Der Kleinganove Michel Poiccard (Jean-Paul Belmondo) ist auf der Flucht vor der Polizei, sucht Unterschlupf bei seiner Geliebten, einer amerikanischen Studentin, die ihn letztendlich verrät. Seinen Hauptdarsteller Jean-Paul Belmondo macht der Film über Nacht berühmt. Der Regisseur selbst versteht seinen Film dezidiert als Opposition zum französischen Kino der 1950er Jahre. Das starre System filmischen Erzählens bricht er wie seine Kollegen radikal auf und übertritt bewusst dessen Verbote. Die Filmsprache ist revolutionär. Von den inflationär verwendeten Jump-Cuts über diverse Achsenwechsel bis hin zur fast ausschließlichen Verwendung der Handkamera stellt der Film die Wahrnehmungsgewohnheiten der Zuschauer auf den Kopf. Auch die Handlungsführung sprengt die bisherigen Regeln kinematischen Erzählens. Die Unentschlossenheit, mit der die Protagonisten durch den Film vagabundieren, bricht mit der klassischen Erzählstruktur genauso wie das Ende, das die Motive der Figuren offen lässt. Nicht eine Szene des Films wurde im Studio gedreht.

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