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DIE NOUVELLE VAGUE: ZÄSUR UND WENDEPUNKT

DIE NOUVELLE VAGUE: ZÄSUR UND WENDEPUNKT Thema
Autor Mario Kaiser, 31.03.2009

Das Wasser zieht sich langsam zurück

Nicht nur für das französische Kino, sondern für den Film überhaupt ist die Nouvelle Vague eine Zäsur und ein Wendepunkt. Die Filmbewegung der frühen 1960er Jahre beendet ein Kino der Konventionen und revolutioniert den Film selbst gleichermaßen wie die Art, Filme zu machen. Eine Gruppe junger französischer Regisseure bricht mit den festen Produktionsbedingungen und den starren Konventionen filmischen Erzählens. Ebenso etablieren sie den Filmemacher als eigenständigen Autor, der vor ihnen fast nur literarische Vorlagen inszeniert – oftmals mit dem Profit als letztendlichem Ziel. Handwerk und Kommerz im Film werden bekämpft; das Kino soll nicht mehr nur Unterhaltung, sondern Kunst sein. Mit den Filmen, die im Geiste dieser Ansprüche enstehen, revolutionieren die Regisseure der Nouvelle Vague nachhaltig den Film. Und ihr Vermächtnis wirkt bis heute nach. Bestimme filmsprachliche Techniken, die die Regisseure der Nouvelle Vague für das Kino gangbar machten, werden heute ganz alltäglich in diversen Fernsehformaten, in der Werbung und auch in kommerziellen Filmen verwendet. Genauso ist eine Filmwissenschaft und die Beschäftigung mit dem Kino als Kunst für uns heute selbstverständlich. All das verdanken wir den zahlreichen neuen Perspektiven, die die Nouvelle Vague auf den Film und seine Macher eröffnet.

Die Nouvelle Vague ensteht nicht direkt aus der Riege der Filmemacher. Vielmehr über den Umweg der Cinephilie und der Filmkritik rekrutieren sich die Regisseure, die als Kern der Nouvelle Vague gelten dürfen. Eine personale Übersicht über die Nouvelle Vague ist schwierig – die Anzahl der Regisseure und Filme, die der Bewegung zuordnen werden könnten, ist schwer überschaubar. Doch nicht nur inhaltlich fällt eine klare Begrenzung der Nouvelle Vague schwer. Auch zeitlich ist sie problematisch zu begrenzen; ihr Anfang ist leicht zu bestimmen, aber es lässt sich nur schwer ein klares Ende der Filmbewegung finden. Während ein Regisseur wie Jean-Luc Godard noch in den 1960er Jahren mit der Bewegung bricht, inszeniert sein Kollege Eric Rohmer noch in den 1990er Jahren Filme im Geiste der Neuen Welle. Für die zeitliche wie personale Begrenzung der Nouvelle Vague muss also das Konzept eines festen Kerns herhalten: Die sechs Jahre zwischen 1958 und 1964 dürfen als die eigentliche Zeit der Nouvelle Vague gelten, auch wenn noch lange danach Filme entstehen, die ihr zuzuschreiben sind. Genauso verhält es sich bei den Filmemachern: Jean-Luc Godard, Eric Rohmer, Claude Chabrol, Jacques Rivette und Francois Truffaut gelten als der fester Kern der Nouvelle Vague, auch wenn es noch zahlreiche andere Regisseure gibt, die die theoretischen Forderungen der Nouvelle Vague in ihren Filmen umsetzen.

Der oben genannte feste Kern der Filmbewegung ist eine Gruppe von jungen, französischen Intellektuellen, die allesamt eine Leidenschaft für das Kino haben, ohne fachlich darin involviert zu sein. Keiner von ihnen erlernt das Filmhandwerk an einer entsprechenden Hochschule – das Kino selbst, der Film ist für die Autodidakten der Lehrmeister. Bald geht das Interesse am Kino bei den jungen Cinephilen einher mit einer kritischen Beschäftigung mit dem Film. Nahezu geschlossen arbeitet die Gruppe für verschiedene Zeitschriften, bis sie letzendlich allesamt in der Redaktion der Cahiers du cinéma landen, der damals wichtigsten und einflussreichsten Filmzeitschrift. André Bazin leitet die Cahiers und stellt für die jungen Filmkritiker eine Art Mentor da.

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