Die Bösartigkeit von Joker ist absolut sinnfrei. Das ist in gewisser Weise neu, denn das Böse hat viele Ziele, die es erreichen will: Macht und Reichtum, zum Beispiel. Unzählig sind jene Gestalten, die ihr ganzes Richten und Handeln darauf ausrichten, zu den Mächtigsten zu gehören, der Mächtigste zu. Fast alle James Bond-Gegenspieler wollen die Welt, nicht nur ein Stück von ihnen, sondern meistens die ganze.
Auch ist das Böse nicht frei von menschlichen Regungen, die seine Ursachen herausstellen: Rache und Hass sind zum Beispiel treibende Kräfte. Alle anderen Bösewichter im Batman-Universum zeugen von eben diesen Zwecken. In BATMAN (1989) sinnt Joker (Jack Nicholson), das Gesicht von Säure zerfressen, nach Rache und geht dabei irrwitzig über Leichen. Max Shreck (Christopher Walken) und Pengiun (Danny DeVito) in BATMANS RÜCKKEHR (1991) wollen ihren Teil vom großen Kuchen, der eine noch mehr Geld, der andere Teilhabe an der gehobenen Gesellschaft. Two Faces (Tommy Lee Jones) und The Riddler (Jim Carrey) sind ebenfalls auf Mammon aus und wollen in BATMAN FOREVER (1995) die Kontrolle über das Gemeinwesen von Gotham City. Spätere Bösewichter wie Mr. Freeze (Arnold Schwarzenegger) und Poison Ivy (Uma Thurman) in BATMAN & ROBIN (1997) sind schon gar nicht mehr der Rede wert, weil sie dem Bösen keine neuen Konturen abringen können. Da steht es mit Ra's Al Ghul (Liam Neeson) und seiner Organisation in BATMAN BEGINS (2005) schon anders. Er will die Welt von der Schlechtigkeit in Gotham City befreien, ruft sich zum Hüter des Gutes aus und ist doch nur wieder einer jener Diktatoren, die die Moral als Schutzmantel für ihre ureigensten, egoistischen Interessen benutzen.
Joker hat nichts von alledem. Er ist von Beginn an ein Mysterium, ein Niemand. So wie seine maskierten Mitstreiter beim ersten Banküberfall über seine Herkunft spekulieren, bleibt seine Vergangenheit im ganzen Film außen vor. Es bleibt unklar, wer er ist, woher er kommt, wie er geworden ist. Zweimal tischt er uns Geschichten über sein geschminktes, verunstaltetes Gesicht auf, die unterschiedlicher nicht sein könnten und wenn ihn Batman nicht davon abhalten würde, hätte er auch noch eine dritte Version für uns parat. Sie könnten so wahr sein wie sie unglaublich sind. Joker bleibt bis zum Schluss eine Leerstelle, er ist undurchschaubar, obwohl er nicht widerstehen kann, allen die es sehen wollen, sein Gesicht zu zeigen. Aber Sergeant Gordon (Gary Oldman) wird nicht herausfinden, was er unter der Schminke versteckt; er sagt es niederschmetternd: Wir wissen nichts, absolut nichts über ihn. Ein Mensch ohne Vergangenheit ist einfach, ist so wie er ist. Punkt. Rache aufgrund selbst definierten Unrechts in seiner Vorgeschichte kann dann nicht die Triebkraft sein bzw. es finden sich dafür keinerlei Anzeichen in seinen Taten.
Nach ökonomischem Reichtum, einem der großen Ziele für das Böse, steht ihm auch nicht der Sinn. Er buhlt um die Mafiosi der Stadt, die diesen Niemand, diesen Freak, diesen Clown mit dem lila Anzug nicht für voll nehmen. Wie Polizei und Staatsanwalt sieht Joker, wo er die großen Verbrecher erreichen und auf seine Seite bringen kann: Indem er ihren Geldbeutel schröpft. Mit Brutalität und Druck gewinnt er sie, auch weil er an ihre Gier appelliert, ihnen ihren Reichtum zurückbringen und das eigentliche Problem beseitigen will: Batman. Und als er all ihre Ersparnisse, ihre Tausende Millionen Dollar auf einem Haufen zusammen getragen hat, zündet er sie an. Joker ist nicht aus aufs schnöde Geld, es interessiert ihn nicht, er braucht es nicht. Der kapitalistischen Geld-Maschinerie zeigt er belustigt vom Entsetzen der Mafiosi mit dem Feuerzeug den Stinkefinger. Die rasante Vernichtung von Millionen Ersparnissen der Mafia ist nur ein weiterer Schachzug in seinem Spiel, das ihn überaus amüsiert.