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WENN GRENZEN FREIHEIT VERSPRECHEN ...

WENN GRENZEN FREIHEIT VERSPRECHEN ... Thema
Autor Ines Walk, 25.01.2009

Die Grenze sollte Freiheit bringen

"Wir haben nicht begriffen, dass es nicht um diese oder jene Brötchen geht, sondern ums Mehl." (Klaus Wischnewski)

1965, vier Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer, wird die Hälfte der ostdeutschen Filmproduktion verboten, abgebrochen oder aus dem Kino verbannt, teilweise sogar zerstört. Erst 24 Jahre später werden Kopien der sogenannten "Kaninchenfilme" aus den Lagern und Tresoren geholt, gelangen – teils neubearbeitet – wieder oder erstmals zur Aufführung. Zerstört hat dieser politische Kahlschlag nicht nur Filme, sondern auch Filmkarrieren. Mit Blick auf internationale Filmneuerungen wie Neorealismus, Nouvelle Vague und cinéma vérité, wollen junge Filmemacher auch die DEFA revolutionieren und mit ihren Filmen wieder Publikum ins Kino ziehen, wollen trotz aller Kritik an der Gesellschaft diese aktiv mitgestalten. Aber die Filmemacher und die neuen Stile haben keine Chance. Ebenso wenig wie die Hoffnungen auf ein besseres Land ... sie erweisen sich als Illusionen. Träume von einer Demokratisierung des Sozialismus und einem Miteinander ohne Bevormundung enthüllen sich als Schäume.

So schizophren es klingt: Nicht nur viele Filmkünstler der DEFA erhoffen sich durch den "antikapitalistischen Schutzwall", schlicht Mauer genannt, die Ost von West, Kapitalismus von Sozialismus, Bruder von Schwester und vieles andere trennt, eine neue, bessere und kritischere Auseinandersetzung mit dem real-existierenden Sozialismus. Natürlich sind auch die Filmemacher – wie Millionen DDR-Bürger – vom Bau der Mauer im August 1961 überrascht worden. Auf einmal fehlen im Studio Szenenbildner, Schauspieler oder Beleuchter, die in Westberlin wohnen und nun nicht mehr in Potsdam-Babelsberg arbeiten können. Für viele gilt, sich jetzt endgültig zu entscheiden, in welchem Teil des Landes sie leben wollen. Sondergenehmigungen gibt es nur für kurze Zeit und so rückt eine neue Generation auf die leeren Plätze vor.

Jene, die sich für den Ostteil des Landes entscheiden, befinden sich jetzt in Aufbruchstimmung. Der "direkte Feind" steht außerhalb des Systems. Die Hoffnung vieler Künstler, sich nun endlich mit den eigentlichen Problemen der Gegenwart im eigenen Land beschäftigen zu können, hält viele und sorgt für Euphorie. Außerdem sind zahlreiche Intellektuelle der Ansicht, dass sie jetzt erst recht – durch ihr Hierbleiben – über eine Legitimation verfügen, mit dem Sozialismus kritisch umzugehen.

Etwa Manfred Freitag, Drehbuchautor von DENK BLOß NICHT, ICH HEULE, sagt im Rückblick: "Als die Mauer da war, sagten wir: 'Jetzt können wir endlich die Ärmel hochkrempeln und anfangen, den Laden zu entrümpeln, jetzt geht es richtig los.' Wir dachten, wir tun der Partei einen Gefallen. Wir räumen endlich die Dogmatiker, die Stalinisten aus dem Weg. Endlich ist es soweit." In jeder Pore des künstlerischen Lebens erwacht der kritische Geist. Es tut sich was. Junge Leute rücken in entscheidende Positionen vor, so wird Jochen Mückenberger mit 35 Jahren Leiter des DEFA-Studios. Die Zeit der scharfen Konfrontationen scheint vorbei. Die "Ankunftsliteratur" mit Werke von Hermann Kant, Erwin Strittmatter, Christa Wolf und Erik Neutsch findet reißend Abnahme in den Buchläden. Diskurs und Diskussion sind gefragt. Politiker suchen die Nähe zu Künstlern, um sich über ihre Probleme zu verständigen. Es scheint, als seien Künstler in den gesellschaftlichen Gestaltungsprozess einbezogen. Aber der Schein trügt.

Realismus ist gewünscht ... vorerst

Beispiel I: SPUR DER STEINE (1965)

Beispiel II: DAS KANINCHEN BIN ICH (1965)

Repressalien gegen Künstler und Funktionäre

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