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Otto Preminger

Otto Preminger
Regie, Darsteller, Produzent

* 05. Dezember 1905
Wien
Österreich
† 23. April 1986
New York City
USA

OTTO PREMINGER • Biographie Seite 1/1

Otto Preminger ist ein Regisseur der leisen Töne. Nie geht es ihm nur um die Story allein, vielmehr entwirft er ein inneres Panorama seiner Protagonisten, deren Innenwelten er tief auslotet. Er besitzt die Gabe, die Schauspieler zu Höchstleistungen zu treiben. Zugleich aber bewahrt er sich jene Distanz, die notwendig ist, um nicht ins Melodramatische abzugleiten. In einem Balanceakt von Emotion und deren Analyse, von Dramatik und einem Gespür für Grenzen, fürs Detail und das strukturierte Ganze verdichtet er seine Filme zu komplexen Erzählungen, die unter die Haut gehen.

Otto Preminger wird am 5. Dezember 1905 im heutigen Wisnicz Nowy (Polen) geboren, damals Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie. Sein Vater, ein Jurist jüdischer Herkunft, zieht zu Beginn des Ersten Weltkrieges mit seiner Frau und den beiden Kindern Otto und Ingo nach Graz, wo sie die Volksschule besuchen. Schon früh interessiert sich Otto Preminger fürs Theater. Im Alter von elf Jahren - die Familie ist inzwischen nach Wien umgezogen - nimmt er heimlich an Theaterproben teil, anstatt zur Schule zu gehen. Zwar absolviert er später auf Wunsch des Vaters ein Jurastudium, welches er 1926 mit Auszeichnung abschließt, doch mit 17 Jahren debütiert er im Theater an der Josefstadt unter Leitung von Max Reinhardt. Bald inszeniert er selbst Stücke, gibt 1925 sein Regie-Debüt in Außig (heute Tschechien), arbeitet später in Wien, Prag, Zürich.

Anfang der 1930er Jahre dreht Otto Preminger seinen ersten Film, die Komödie DIE GROßE LIEBE (1931). Als sein Mentor Max Reinhardt in Ruhestand geht, übernimmt er im Juli 1933 als Direktor das Theater in der Josefstadt. Von Max Reinhardt hat er den sensiblen Umgang mit den Schauspielern gelernt, sowie vieles über die Bedeutung des Bühnenraumes. Er versteht es, das komödiantische oder dramatische Moment zuzuspitzen. All dies wird er später als Filmregisseur weiterentwickeln, jedoch mit einem Gespür für die Möglichkeiten des anderen Mediums.

Im April 1935 wird Otto Preminger von Josef Schenk, einem Agenten der 20th Century Fox nach Hollywood eingeladen. Doch die Anfänge sind hart. Die Studios unterliegen ganz der Kontrolle ihrer Inhaber. Darryl F. Zanuck, der Kopf der 20th Century Fox, ist ein Machtmensch, der keinen Widerspruch duldet. Der erste Film, der unter der Regie von Otto Preminger gedreht wird, ist ein B-Movie, die Musical-Komödie UNDER YOUR SPELL (1936). Da sie ein Kassenerfolg wird, darf der Regisseur ein A-Movie drehen. Sein nächster Film DANGER, LOVE AT WORK (1937) findet das Wohlgefallen von Darryl F. Zanuck, für den Otto Preminger zum Lieblingsregisseur avanciert. Er erhält einen Sieben-Jahres-Vertrag. Während der Dreharbeiten zu KIDNAPPED (1937) kommt es zum Zerwürfnis zwischen Regisseur und Produzent. Otto Preminger wird die Arbeit entzogen. Da er keine Anstellung in Hollywood findet, zieht er Ende 1937 nach New York und wendet sich wieder dem Theater zu, inszeniert Musicals und Komödien am Broadway, betätigt sich auch als Schauspieler. 1938 holt er seine Angehörigen aus Wien in die USA.

Nach dem Angriff japanischer Truppen auf Pearl Harbour verlässt Darryl F. Zanuck das Studio, um sich als Kriegsphotograf zu betätigen. Sein Assistent holt Otto Preminger zurück nach Los Angeles. Er dreht seinen ersten Klassiker, den Film noir LAURA (1944). Der Film lebt durch die geheimnisvolle Atmosphäre der Räume und der einzigartigen Ausstrahlung von Gene Tierney, dem Opfer eines Mordanschlags. Doch der Täter hat versehentlich eine andere Frau umgebracht und der Kriminalbeamte McPherson ermittelt verzweifelt weiter im Wissen, dass Laura in Gefahr ist. Kameramann Joseph LaShelle erhält den Oskar für die Beste Kameraführung. Der psychologische Thriller LAURA (1944) zeigt Stilmittel Otto Premingers, die er auch später immer wieder verwenden wird: Durch lange Einstellungen und eigenwillige Lichtregie baut sich eine traumhafte Stimmung auf; die Darsteller bewegen sich ruhelos in Räumen; die Atmosphäre macht die innere Befindlichkeit der Figuren deutlich. LAURA (1944) wird einer der Klassiker des film noir und in der Folge dreht der Regisseur einige der interessantesten Werke des Genres, die auch Erfolge an den Kinokassen werden und bis heute zeitlose Klassiker sind.

In MORD IN DER HOCHZEITSNACHT (1945), FRAU AM ABGRUND (1949), FAUSTRECHT DER GROßSTADT (1950) und ENGELSGESICHT (1952) geht es um die brüchige Existenz von Menschen, die in Konflikt mit anderen geraten, die allein auf der Welt sind und versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen, die sich irgendwie fremd fühlen. Neurotische und hysterische Frauen, Schlafwandler, Empfindsame und Träumer sind seine liebsten Figuren. Dabei gelingen dem Filmemacher, der gern auf Schauspieler wie Gene Tierney, Dana Andrews, Jean Simmons sowie Robert Mitchum und James Stewart zurückgreift, besondere Bilder. Er wählt ruhige Szenerien, beobachtet seine Figuren im Raum, hat Geduld für Details. Dadurch werden die Handlungen der Personen nachvollziehbar, ihre Isolation in der Gesellschaft umso deutlicher. Die Femmes fatales sind nie ganz schwarz, die Helden nie ganz stark. Otto Preminger wertet seine Figuren nicht, er lässt sie vor der Kamera einfach die verwinkelten Züge ihres Inneren entfalten.

Nicht selten geraten sie in paradoxe Situationen wie zum Beispiel der zum Detektiv degradierte Polizeibeamte Mark Dixon in FAUSTRECHT DER GROßSTADT (1950). Er schwankt zwischen einem Hüter des Gesetzes und seinem Hang zur Gewalttätigkeit. Er wird ungewollt zum Verbrecher und ist dazu gezwungen, in der folgenden polizeilichen Untersuchung gegen sich selbst zu ermitteln. In ENGELSGESICHT (1952) erhält die Sehnsucht nach Liebe der schönen Diane (Jean Simmons) mehr Raum in der Erzählung, als ihre mörderische Handlung. Und der Heiratsschwindler in MORD IN DER HOCHZEITSNACHT (1945), gespielt von Dana Andrews, entpuppt sich als weicher und verletzlicher Mensch, der sein ganzes Leben vor einer feindlichen Umwelt auf der Flucht ist und dessen gequältes Selbst angesichts seiner inneren Ausweglosigkeit plötzlich zusammenbricht. Otto Preminger zeigt immer wieder erneut die Widersprüchlichkeit, ja paradoxe Gleichzeitigkeit von Empfindungen der menschlichen Seele, die er meisterhaft dramatisiert, indem er seinen Schauspielern das Äußerste abverlangt.

Anfang der 1950er Jahre befreit sich Otto Preminger aus seinem abhängigen Vertrag bei 20th Century Fox. Sechs Monate im Jahr dreht er nun auf eigene Kosten. Damit ist er einer der ersten unabhängigen Filmemacher Hollywoods, dem es gelingt, die Zensurmaßnahmen der Studios gekonnt zu unterlaufen. FLUß OHNE WIEDERKEHR (1954), eine Western-Komödie mit Marilyn Monroe, dreht er für 20th Century Vox, allerdings nicht im Studio sondern in Kanada. Sein erster eigenständiger Film WOLKEN SIND ÜBERALL (1953) wird ein großer Erfolg. Es folgt CARMEN JONES (1954), eine Adaption von Georges Bizets "Carmen", welche nur mit schwarzen Schauspielern besetzt ist. 1955 gewinnt der Film den Großen Preis beim Internationalen Filmfestival von Locarno. Im selben Jahr dreht der Regisseur das Drama DER MANN MIT DEM GOLDENEN ARM (1955), der vom heroinabhängigen Musiker Frankie Machine, glänzend dargestellt von Frank Sinatra, erzählt. Es folgt ANATOMIE EINES MORDES (1959) mit James Stewart in der Hauptrolle als verarmter, musisch begabter Provinzanwalt, welcher einen jungen Leutnant der US-Armee verteidigt, der den Vergewaltiger seiner Frau erschossen hat. Aber auch hier hütet sich Otto Preminger vor jeder Schwarz-Weiß-Malerei. Der Angeklagte und dessen Frau Laura, hervorragend gespielt von Lee Remick, sind zwielichtige Figuren, die sich per se dem Gesetz entziehen. Die Filmmusik komponiert Duke Ellington, der während der Dreharbeiten mit am Set war. Er übernahm sogar eine winzige Rolle als Barpianist. Der nächste Film PORGY UND BESS (1959) ist ganz dem Jazz gewidmet. Auch diese Produktion, wieder mit schwarzen Schauspielern besetzt, ist eine Adaption eines erfolgreichen Broadway Musicals.

Ein Misserfolg wird DIE HEILIGE JOHANNA (1957) nach einem Drehbuch von Graham Greene. Die heilige Johanna wird von der Französin Jean Seberg gespielt, die von Otto Preminger entdeckt wird. Bald darauf übernimmt sie die weibliche Hauptrolle in BONJOUR TRISTESSE (1957) nach dem gleichnamigen Roman von Françoise Sagan. Hier vereitelt sie als verwöhntes Mädchen die Heirat des Vaters (David Niven) und verursacht damit den Selbstmord seiner Geliebten. Der Film handelt von der Oberflächlichkeit des Scheins, von der Verstrickung in ein Leben voller Genuss, das sich letztlich in eine Hölle verwandelt. Er wird zum Klassiker und Vorbild für die bald darauf folgenden Filme der Nouvelle Vague in Frankreich.

Otto Preminger kommt immer wieder mit der Filmzensur in Konflikt. Selbst ein so harmloses Wort wie Verhütungsmittel, wie zum Beispiel in ANATOMIE EINES MORDES (1959) reicht aus, um den Film mit dem Bann zu belegen. Der Filmemacher ist aber ein überaus geschickter Diplomat. Er besteht auf seinen Scripts, die er oft selbst schreibt. Als unabhängiger Regisseur kann er sich über Filmzensuren hinweg setzen. Der Film DER KARDINAL (1963) erzählt von der Entwicklung eines jungen Priesters (Tom Tryon), der zum Kardinal aufsteigt. Er muss sich heftigen Anfechtungen entgegenstellen und schwierige Bewährungsproben meistern. Obwohl das Script von der katholischen Kirche Amerikas abgelehnt wird, Otto Preminger keine Erlaubnis für Dreharbeiten in amerikanischen Kirchen erhält, gelingt ihm ein glaubwürdiges Plädoyer über einen spirituell veranlagten Menschen, für den der Vatikan zu einem Fundament und Ort der Geborgenheit wird.

In den 1960er Jahren dreht er außer EXODUS (1960) und DER KARDINAL (1963) auch noch ERSTER SIEG (1954), BUNNY LAKE IST VERSCHWUNDEN (1965), MORGEN IST EIN NEUER TAG (1966) und SKIDOO (1968). Es folgen TELL ME THAT YOU LOVE ME, JUNIE MOON (1970), SO GUTE FREUNDE (1971) und UNTERNEHMEN ROSEBUD (1975). Sein letzter Film DER MENSCHLICHE FAKTOR (1979), nach dem gleichnamigen Roman von Graham Greene, wird ein großer Erfolg.

Otto Preminger ist dreimal verheiratet. Nur seine letzte Ehe bezeichnet er als glücklich. Seine dritte Frau, Patricia Hope Price, lernt er zunächst als seine Kostümbildnerin schätzen. Am 3. Oktober 1960 werden ihm Zwillinge geboren. Zudem gibt es einen älteren Sohn aus einer unehelichen Verbindung, Eric Preminger. Auf Wunsch der Mutter wird seine Vaterschaft geheim gehalten. Später, als der Sohn erwachsen ist, wird er von Otto Preminger adoptiert und steigt ins Filmgeschäft ein.

Otto Preminger erkrankt gegen Ende seines Lebens an Alzheimer. Er stirbt am 23. April 1986 in New York.

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Autorin: Sanna Böswirth
Stand: November 2008

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