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William Castle

William Castle
Regie, Drehbuch, Produzent, Ko-Produzent

* 24. April 1914
New York (New York)
USA
† 31. Mai 1977
Beverly Hills (Kalifornien)
USA

WILLIAM CASTLE • Biographie Seite 1/1

Dass zum Filmerlebnis mehr gehören kann als das passive Sitzen im Kinosessel und dem dazugehörigen Starren auf die Leinwand hat keiner so gut gewusst wie William Castle, der Meister des Gimmicks. William Castle, US-amerikanischer Regisseur, Produzent, Autor und Schauspieler ist vor allem bekannt durch seine zahlreichen und unvergleichlich trashigen Horrorfilme der 1950er und 1960er Jahre, die er zum Entsetzen seiner Kritiker und zur Freude seines Publikums stets mit ausgefallenen Gags, Tricks und interaktiven Spielen anreichert. Zu Lebzeiten als exzentrischer Spinner verkannt, gilt William Castle heutzutage als Revolutionär des interaktiven Kinos, des crossmedialen Marketings und ist cineastisches Vorbild für Underground Filmemacher John Waters.

William Castle wird 24. April 1914 als William Schloss in New York, USA geboren. Im Alter von 15 Jahren geht er zum Broadway. Wahrscheinlich, um der damals üblichen Diskriminierung ob seiner jüdischen Herkunft zu entgehen, überträgt er seinen Nachnamen "Schloss" ins Englische und arbeitet fortan unter diesem Pseudonym in allen Bereichen vom Bühnenbildner bis hin zu kleinen Rollen als Schauspieler. Legenden nach zu urteilen, zeigen sich hier schon erste Anzeichen seiner genialen Vermarktungsstrategien: Angeblich bekommt er seine erste Rolle, weil er sich als Neffe des legendären Produzenten Samuel Goldwyn ausgibt. 1932 steigt William Castle zum Theaterregisseur auf und produziert "Dracula" mit Bela Lugosi in der Hauptrolle. Doch der Broadway ist dem jungen Künstler nicht genug. 1937 geht er nach Kalifornien.

Schon nach kurzer Zeit macht sich William Castle in Hollywood als Allrounder einen Namen. Er arbeitet für Columbia Pictures und später auch für Universal Pictures als Dialogschreiber und Ko-Autor. Sein Regiedebüt gibt er mit dem Krimi CHANCE OF A LIFETIME (1943). Ein Jahr später inszeniert er in dem Thriller HEIRATE NIEMALS EINEN FREMDEN (1944) den Newcomer Robert Mitchum, der mit dieser Rolle seinen endgültigen Durchbruch als Charakterdarsteller erreicht. In den darauf folgenden Jahren kümmert sich William Castle äußerst erfolgreich um zwei Mystery-Filmserien: Zum einen inszeniert er drei Filme der "Crime Doctor"-Reihe - CRIME DOCTOR'S WARNING (1945), CRIME DOCTOR'S MAN HUNT (1946) und CRIME DOCTOR'S GAMBLE (1947) jeweils mit Warner Baxter in der Hauptrolle - und zum anderen führt er drei Mal Regie in der auf einem Radiohörspiel basierenden "Whistler"-Reihe: DER WHISTLER (1944), DAS ZEICHEN DES WHISTLER (1945) und ein Jahr später VOICE OF THE WHISTLER (1946) jeweils mit Richard Dix in der Hauptrolle. Zum Markenzeichen der letzteren, mit geringem Aufwand produzierten Reihe wird ein geheimnisvoller, pfeifender Schatten in der Eröffnungssequenz.

Auch als Produzent macht sich William Castle einen Namen. Durch die Verfilmung von Radiohörspielen lernt er Orson Welles kennen und wird Ko-Produzent für dessen Film DIE LADY VON SHANGHAI (1946). Anfang der 1950er Jahre wechselt William Castle zum Fernsehen und schreibt für verschiedene Thriller- und Horrorserien wie dem SCIENCE FICTION THEATER. Erst hier begreift er, wie stark seine Liebe zum Horror- und Thrillergenre wirklich ist. Kurz entschlossen gründet er seine eigene Produktionsfirma William Castle Productions und beginnt, B-Horrorfilme zu drehen und zu produzieren.

Die in dieser Schaffenszeit entstehenden Filme sind die wohl bekanntesten Filme William Castles. Alle haben eines gemein: Sie sind der Inbegriff des schlechten Geschmacks. Billig produziert, mit Altstars wie Vincent Price und Joan Crawford in den Hauptrollen, leben sie mehr von dem Hype, den der Regisseur durch seine Marketing-Gimmicks produziert als von Inhalt oder künstlerischem Können. Der Trash-Charakter seiner Filme ist durchaus gewollt. Auf diese Weise setzt er sich mit seinen Filmen nicht nur massiv vom sonst üblichen Standard ab, sondern schafft sich gleichzeitig noch eine eigene Nische, die schon bald ein zähes Stammpublikum und eine noch zähere Masse an hysterischen Kritikern generiert. Letztere wiederum rühren durch ihre zahlreichen negativen Kritiken ganz kostenlos die Werbetrommel. Einen William Castle-Film zu sehen, ist mehr als nur ein Filmerlebnis: Das Publikum weiß nie so recht was als Nächstes geschehen wird.

Für seinen ersten Film MACABRE (1958), in dem eine Arzttochter gekidnappt und bei lebendigen Leib begraben wird, verteilt er am Eingang Versicherungspolicen, die im Falle eines Herzinfarkttodes durch Erschrecken den Angehörigen des verendeten Filmzuschauers eine Prämie von 1000 US-Dollar auszahlen würden. Natürlich kam niemand bei diesem Film um, doch der schiere Gedanke an die Möglichkeit lässt die Zuschauer ins Kino strömen. Ein Jahr später erscheint DAS HAUS AUF DEM GEISTERHÜGEL (1958) mit Vincent Price und Carol Ohmart. Animiert von seinem Erfolg mit der Versicherungspolice lässt William Castle hier parallel zur Filmhandlung ein Gerippe im Kinosaal auferstehen, welches an einer Schnur über die Köpfe der Zuschauer hinwegrast. Dass dieses Skelett ab und an auch mit Köpfen zu groß geratener Besucher zusammenstößt und viele Zuschauer als Reaktion mit Popcorn und Cola nach ihm werfen, macht DAS HAUS AUF DEM GEISTERHÜGEL (1958) quasi zum ersten interaktiven Filmerlebnis noch weit vor den berühmten Mitmachvorführungen von Filmen wie ROCKY HORROR PICTURE SHOW (1975).

Doch all diese Gimmicks sind erst Aufwärmübungen. In SCHREI, WENN DER TINGLER KOMMT (1959) entdeckt Vincent Price als Arzt eine Kreatur, die sich von Angst ernährt und nur durch Schreien getötet werden kann. Am Ende des Filmes wird eines dieser Wesen im Kino losgelassen und die Filmfigur Vincent Prices wendet sich in direkter Ansprache an die Zuschauer und fordert sie auf: "Scream – scream for your lives". Um den Effekt zu verstärken, lässt der Filmemacher an einigen Sitzen Buzzer anbringen, die den Sitz zum Vibrieren brachten. Dieser Gimmick bringt zwar nicht die erschreckende Wirkung, die er sollte (vielmehr löst er meist großes Gelächter aus), doch William Castles interaktive Herangehensweise, die nicht nur Attraktion, sondern auch eine gewisse Katharsis in Form von Lachen oder Schreien mit sich bringt, lässt SCHREI, WENN DER TINGLER KOMMT (1959) zu seinem größten Hit und zum Trash-Klassiker werden. Noch heute gibt es Vorstellungen des Films, die versuchen, das ursprüngliche Konzept beizubehalten.

William Castles nächster Film DAS UNHEIMLICHE ERBE (1959) nutzt die so genannte "Illusion-O"-Technik. Diese ermöglicht es, ähnlich wie in späteren 3D-Filmen, Geister nur dann auf der Leinwand zu sehen, wenn durch farbiges Zellophan geschaut wird. Zwar handelt es sich hier nicht um wirkliche 3D-Effekte, doch zeigt dieser Castlesche Gimmick, wie weit er seiner Zeit voraus ist. Für MÖRDERISCH (1960), dessen Story eine Persiflage auf Alfred Hitchcocks PSYCHO (1960) ist, lässt er eine Ecke im Kinosaal aufbauen, die er "Cowards Corner", Feiglingsecke, nannte. Kurz vor dem Höhepunkt des Films, hält dieser an und zählt 45 Sekunden, in denen Zuschauer aufstehen und zu dieser Ecke laufen können. Lässt sich der "Feigling" dort von einer "Krankenschwester" seine Ängstlichkeit zertifizieren, bekommt er sein Geld zurück.

Der vielleicht interessanteste Gimmick des Regisseurs ist jedoch seine Idee zu DER UNHEIMLICHE MR. SARDONICUS (1961). Hier lässt er am Ende des Filmes das Publikum abstimmen, ob der Antagonist bestraft werden oder davonkommen soll. Bei jeder Vorstellung entscheidet sich das Publikum für die Bestrafung, was William Castle gegrämt haben soll, da er so niemals das alternative Ende zeigen durfte. Dieser Gimmick, für den der Regisseur zu Lebzeiten verspottet wird, ist heutzutage in ähnlicher Form auf vielen DVDs wie der von CHILDREN OF MEN (2006) von Alfonso Cuarón oder I AM LEGEND (2007) (I AM LEGEND (2007) Trailer) von Francis Lawrence zu finden.

Nach einigen weiteren Filmen wie ZOTZ! (1962), KENNWORT KÄTZCHEN (1962), THE STRAIGHT JACKET (1964) und ES GESCHAH UM 8 UHR 30 (1965) beide mit Joan Crawford und LET'S KILL UNCLE BEFORE UNCLE KILLS US (1966) neigt sich William Castles Horrorfilmkarriere dem Ende entgegen. 1968 kauft er die Rechte zu Ira Levins Geschichte ROSEMARY'S BABY (1968) und plant eine Verfilmung des Buches, gibt dann aber die Regie an den jungen Roman Polanski ab. Er bleibt dem Film als Produzent treu und hat - wie in fast allen seinen Filmen - einen Cameo-Auftritt.

Ab 1970 arbeitet William Castle wieder an Fernsehserien, diesmal für die NBC-Reihe CIRCLE OF FEAR. Fünf Jahre später produziert er den Oscar prämierten Film SHAMPOO (1975) von Hal Ashby, mit Warren Beatty, Julie Christie und Goldie Hawn in den Hauptrollen. Im gleichen Jahr schreibt der unermüdliche Workaholic seine Autobiographie "Step Right Up!: I'm Gonna Scare the Pants Off America".

Ein Jahr nach der Buchveröffentlichung stirbt William Castle im Alter von 63 Jahren plötzlich und unerwartet an Herzversagen. Er hinterlässt seine Frau Ellen Falck, zwei Töchter und über 60 einzigartige Filme.

Als Hommage an William Castle gründen 1999 Robert Zemeckis, Joel Silver und Gilbert Adlerdie Produktionsfirma Dark Castle Entertainment, die neben Originalmaterial auch alte Castle-Klassiker wie DAS HAUS AUF DEM GEISTERHÜGEL (1958) und DAS UNHEIMLICHE ERBE (1959) wiederverfilmt.

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Autorin: Beatrice Behn
Stand: September 2008

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