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Orson Welles

Orson Welles
Regie, Drehbuch, Darsteller, Produzent

* 06. Mai 1915
Kenosha (Wisconsin)
USA
† 10. Oktober 1985
Los Angeles (Kalifornien)
USA

ORSON WELLES • Biographie Seite 1/1

Hollywood mochte ihn nicht - aber für viele ist der Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor Orson Welles eines der größten Genies der Filmgeschichte. Viel Nachgeborenen sehen in ihm künstlerisch ein Vorbild; sein Werk ist - trotz seines fragmentarischen Charakters - gewaltig in der geistigen Größe, ständig aufs Neue überraschend und faszinierend in seiner formalen Schönheit. Sein erster Film CITIZEN KANE (1941) (CITIZEN KANE (1941) Trailer) gilt seit Jahrzehnten als einer der besten, wenn nicht gar als bester Film aller Zeiten. Aber dieser erste, meisterhafte Film war auch sein Schicksal. Danach sieht sich der Künstler einen ungeheuren Erwartungsdruck ausgesetzt und versucht Zeit seines Lebens, ähnliches zu produzieren.

Orson Welles wird am 06. Mai 1915 als George Orson Welles in Kenosha, Wisconsin, geboren. Sein Vater ist ein Industrieller und eigenwilliger Erfinder, seine Mutter eine bekannte Pianistin. Bereits mit drei Jahren debütiert er auf der Opernbühne in Chicago. Während seiner Schulausbildung an der Todd School in Woodstock, Illinois, engagiert er sich an der dortigen Schulbühne gleichzeitig in mehreren Funktionen: Er ist Schauspieler, Regisseur und Szenenbildner. Anschließend studiert er am Art Institute in Chicago.

1931 reist er im Alter von 16 Jahren nach Irland. Hier wird Orson Welles als Schauspieler am Gate Theatre in Dublin engagiert. Er debütiert in dem Theaterstück "Jew Süss" als Karl Alexander von Württemberg. Außerdem arbeitet er als Regisseur, Bühnenbilder und schreibt als Journalist Texte. 1933 kehrt er nach Amerika zurück, arbeitet in New York als Autor, Produzent und Sprecher beim Hörfunk. 4 Jahre später gründet er mit John Houseman das Mercury Theatre, wo nicht nur Theater gespielt sondern auch Radioshows für den CBS produziert werden. Am 30. Oktober 1938 wird die Sendung "The War of the World" nach H. G. Welles, eine fiktive Reportage von der Landung einiger Marsmenschen auf der Erde, ausgestrahlt. Zahlreiche amerikanische Zuschauer verfallen aufgrund der realistischen Darstellung in Panik, verlassen fluchtartig ihre Häuser. Die Ausstrahlung der Sendung zählt zu den spektakulärsten Ereignissen der amerikanischen Radio-Geschichte; der 23jährige Orson Welles erreicht über Nacht eine ungemeine Popularität.

Hollywood wird ebenfalls auf das junge Genie aufmerksam. Die Produktionsfirma RKO bietet dem Künstler einen weitreichenden Vertrag: Jedes Jahr könne er nach seinen Vorstellungen einen eigenen Film realisieren und zugleich Regisseur, Schauspieler, Szenarist und Produzent sein. Niemand vor ihm hat solche Freiheiten genossen. Ersten Kontakt mit dem Film hat Orson Welles bereits 1934. Während seiner Zeit beim Rundfunk produziert er seinen ersten Kurzfilm. Jetzt produziert er CITIZEN KANE (1941) (CITIZEN KANE (1941) Trailer), seinen ersten abendfüllenden Spielfilm. Erzählt wird die fiktive Lebensgeschichte des Multimillionärs Charles Foster Kane (dessen lebende Vorlage liefert der Zeitungsmogul Hearst) aus der Perspektive mehrerer Augenzeugen. Dem Regisseur gelingt ein fulminantes Charakter- und Gesellschaftsporträt, das den Mythos vom Amerikanischen Traum auf den Prüfstand stellt. Formal brilliert er mit verschachtelten Erzähltechniken, elliptischen Montagen, raschen Perspektivwechsel, ungewöhnlichen Tiefenschärfen. Inhalt wie Form sind bahnbrechend. Der frühe Erfolg des Film mißlingt, kommerziell ist er nicht erfolgreich. Auch die öffentliche Anerkennung wird dem Künstler versagt. Viermal wird CITIZEN KANE (1941) (CITIZEN KANE (1941) Trailer) für den Oscar nominiert, nur einmal kann er ihn erhalten, in der weniger bedeutenden Kategorie Bestes Drehbuch.

Danach produziert er die Familiensaga DER GLANZ DES HAUSES AMBERSON (1942). Die Familienchronik beginnt 1873 und endet kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Sie handelt von Glanz und Untergang einer reichen amerikanischen Bürgerfamilie zur Zeit der Industrialisierung Amerikas. Auch dieser Film besticht - trotz zahlreicher Kürzungen der Produktionsfirma - durch seine kraftvolle Inszenierung, hervorragende Kameraarbeit und darstellerische Glanzleistungen. Im selben Jahr entsteht der Spionagefilm VON AGENTEN GEJAGT (1942). Das amerikanische Ehepaar Stephanie und Howard Graham wird in Istanbul von Nazi-Agenten verfolgt. Trotz Unterstützung durch den türkischen Geheimdienst kann der Ingenieur Graham erst im Finale seine Bewacher abschütteln. Beide Filme sind eigenmächtig von der Produktionsfirma gekürzt und verstümmelt worden, der Regisseur Orson Welles befindet sich zu diesenm Zeitpunkt in Südamerika und arbeitet dort an dem Projekt ITS ALL TRUE - ORSON WELLES AUF EINER REISE DURCH BRASILIEN (1943). Orson Welles porträtiert vier Floßfischer aus dem Norden des Landes und besucht die Elendsviertel in Rio de Janeiro. Der Film bleibt unvollendet, das Filmmaterial gilt lange Zeit als verschollen, wird erst 1985 wiederentdeckt und rekonstruiert. RKO ist aufgrund des ausbleibenden kommerziellen Erfolgs Orson Welles enttäuscht und entläßt den Regisseur.

Orson Welles arbeitet auch immer wieder als Schauspieler, unter anderem ist er der misanthropische Edward Rochester in Robert Stevensons Film DIE WAISE VON LOWOOD (1944) und agiert in dem Drama MORGEN IST DIE EWIGKEIT (1945). Er inszeniert zudem für die Columbia das Meisterwerk DIE LADY VON SHANGHAI (1946), wo er sich als Matrose in eine schöne, reiche Frau (gespielt von Rita Hayworth) verliebt und schließlich herausfindet, daß er von ihr nur als Werkzeug in einem Mordfall benutzt wird. Szenen des Films, wie jene im Spiegelkabinett, sind gelten als unerreicht.

Da seine Projekte in Amerika wenig kommerziellen Erfolg haben und er unter den ständigen Querelen mit Produzenten leidet, geht er 1948 nach Europa. Hier überzeugt er in dem Thriller DER DRITTE MANN (1949) von Carol Reed als Darsteller des Schwarzhändlers Harry Lime. Auch seine stilistische Handschrift ist in dem Film unverkennbar. Außerdem tourt er mit Bühnenshow "An Evening With Orson Welles" durch Frankreich und Deutschland. Um seine eigenen Projekte zu finanzieren, spielt er in Hollywood-Produktionen, ist unter anderem im Abenteuerfilmen IN DEN KLAUEN DES BORGIA (1950) und DIE SCHWARZE ROSE (1950), in der Literaturverfilmung GRAF CAGLIOSTRO (1952) zu sehen.

Mehrfach inszeniert Orson Welles Klassiker der Weltliteratur, so die Low-Budget-Produktion MACBETH (1948) nach einer Bühneninszenierung von und mit ihm. Zwischen 1949 bis 1952 inszeniert er in Europa stückweise OTHELLO (1952). Die Finanzierung des Projekts gelingt nur durch Doppelbelastung. Tagsüber arbeitet Orson Welles bei Henry Hathaway, nachts dreht er an seinem eigenen Film. Schauspieler und Beteiligt verzichten stellenweise auf ihr Honorar. Auf dem Filmfestival in Cannes erhält er für die eigenwillige Shakespeare-Verfilmung die Goldene Palme, in den USA kommt der Film erst drei Jahre später in die Kinos, erreicht ein miserables Einspielergebnis. Später verfilmt er Franz Kafkas Meisterwerk DER PROZEß (1962), welches bis heute einer der eigenwilligsten und persönlichsten Interpretationen des Textes ist. Die Inszenierung mit Anthony Perkins in der Hauptrolle fasziniert durch die optischen Ideen. In seinem FALSTAFF (1965) nach William Shakespeare sind es wieder die ausschweifenden Bildern, die den Film noch heute zu einem Ereignis machen. Viele seiner Spielfilme sind Patchwork-Arbeiten: Häufig werden sie zu unterschiedlichen Zeiten an ganz verschiedenen Schauplätzen in Szene gesetzt, der Regisseur baut die Dekors aus unterschiedlichen Versatzstücken zusammen und jongliert kunstfertig mit Raum und Zeit.

Mitte der 50er Jahre legt der Regisseur MR. ARKADIN (1955) vor, den er mit amerikanischen, französischen und spanischen Geldern finanziert. Der Millionär Arkadin versucht, seine verbrecherische Vergangenheit als Waffenhändler vor seiner Tochter zu verheimlicht. Wieder verdichtet sich durch die brillante Inszenierung die einfache Kriminalgeschichte zu einer psychologisch ausgeloteten Charakterstudie mit glänzenden Effekten. Zwischenzeitlich kehrt Orson Welles nach Amerika zurück, tritt dort in Theaterstücken und Fernsehshows auf. Besonders hervorstechend ist sein Thriller IM ZEICHEN DES BÖSEN (1958), der von einem Mordfall in einer Kleinstadt an der mexikanischen Grenze erzählt und zum Duell zwischen einem jungen Rauschgiftfahnder und dem alten Polizeichef wird. In dem komplexen Thriller brillert Orson Welles als Darsteller neben Marlene Dietrich, Charlton Heston und Janet Leigh. Die Eingangssequenz gilt als eine der längsten, ungeschnittenen Kamerafahrten der Filmgeschichte und ist bis heute unerreicht.

Aber auch bei IM ZEICHEN DES BÖSEN (1958) hat Orson Welles wieder mit den Produzenten zu kämpfen. Er kehrt wieder nach Europa zurück und läßt sich in Rom nieder. Viele Projekte werden ihm von den Produktionsfirmen in der Endfertigung entrissen und verstümmelt, Finanziers ziehen sich in letzter Minute zurück. Zahllos sind die unvollendeten Projekte des Künstlers oder die Produktionen stehen unter keinem guten Stern. Verfilmungen von "Krieg und Frieden", "Don Quichote" oder "Pickwick Papers" von Charles Dickens können nicht ausgeführt werden; "The Deep" nach einem Roman von Charles Williams scheitert an der Wetterlage, Arbeitskopien des Shakespeare-Films "Der Kaufmann von Venedig" werden gestohlen. Ein vollständiges Werkverzeichnis des Künstlers bisher noch nicht veröffentlicht worden. Sein Mangel an Geld führt dazu, daß Orson Welles zahlreiche Rollen in minderwertigen Filmen annimmt, er ist in Werbespots und TV-Shows zu sehen. Einer seiner letzten eigenen Filme wird der semidokumentarische Spielfilm F WIE FÄLSCHUNG (1970), in dem er über Wahrheit und Lüge, Echtheit und Fälschung von Bildern nachdenkt.

Neben seiner Arbeit als Regisseur und Schauspieler wird Orson Welles auch gern als Sprecher engagiert. Er arbeitet mehrfach beim Rundfunk in Amerika und Großbritannien. Zudem veröffentlicht er Erzählungen und Artikel. Ab den 50er Jahren arbeitet er auch für das Fernsehen. Er ist fasziniert von dem Medium und auch hier immer bemüht, innovativ zu sein. 1971 wird er mit dem Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet. 1972 erhält er den Life Achievement Award des American Film Institute.

Orson Welles ist mehrmals verheiratet. Sein erste Frau Virginia Nicholson, mit der ein Kind hat. Als zweite Frau heiratet er 1943 die Schauspielerin Rita Hayworth. Seitdem ist er in der Boulevardpresse präsent. 1947 trennt sich das Paar. Mit der Schauspielerin Paolo Mori ist er bis zu seinem Tod verheiratet. Orson Welles stirbt am 10. Oktober 1985 in Hollywood an einer Herzattacke.


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Autorin: Ines Walk
Stand: Oktober 2005

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