Film-Zeit auf  Film-Zeit bei Facebook   Film-Zeit auf Twitter

Eric Rohmer

Eric Rohmer
Regie, Drehbuch

* 04. April 1920
Tulle
Frankreich
† 11. Januar 2010
Paris
Frankreich

ERIC ROHMER • Biographie Seite 1/1

Eric Rohmer ist der Regisseure der Nouvelle Vague und bis heute einer der weltweit bekanntesten französischen Filmemacher. Der älteste Vertreter der französischen Filmbewegung beschäftigt sich vor allem mit jungen Menschen, ihren Gefühlen und ihren Beziehungen. Das gesprochene Wort spielt eine große Rolle in den Filmen des Regisseurs, dem vielleicht nicht ganz zu Unrecht der Ruf anhaftet, ein großer Moralist zu sein.

Eric Rohmer wird am 4. April 1920 in Nancy als Jean-Marie Maurice Scherer geboren. Nach dem Studium der klassischen Literatur wird er Lehrer in Paris. Schon früh beginnt sein Leben als Künstler: Neben der pädagogischen Tätigkeit arbeitet er als Schriftsteller und veröffentlicht im Jahr 1946 seinen ersten Roman "Elisabeth". Bis 1951 schreibt er zahlreiche Erzählungen nieder, die später in seinen Filmen Verwendung finden. Die literarische Herkunft des Regisseurs spiegelt sich auch in seinen Filmen wieder, da Eric Rohmer oftmals einen Hang zum gesprochenen Text, zum eloquenten Monolog, zum Redestrom an den Tag legt.

Ferner zeichnet den Filmemacher eine gewisse Affinität zur Ordnung, zur Struktur aus. Er organisiert den Großteil seiner Filme in Zyklen und zieht in seiner filmischen Arbeit sorgfältige Planung jeder Improvisation vor. Auch wenn seine Dialoge teils sehr natürlich daherkommen, stammen sie in fast allen Fällen aus einem Drehbuch. Der Regisseur arbeitet so lange an Szenen, bis sie leichtfüßig und wie improvisiert wirken und unterscheidet sich damit sehr deutlich von seinen Kollegen wie beispielsweise einem Jacques Rivette. Im Zentrum des Interesses stehen für den Filmemacher die Beziehungen vor allem junger Menschen – deren Gefühlsuniversen leichter zugänglich sind als die älterer, deren Emotionen der Lauf der Zeit unter einer Schicht von Enttäuschungen und Gewohnheiten vergräbt.

Wie der Großteil der Filmemacher, aus denen sich die Nouvelle Vague formt, findet Eric Rohmer seinen Weg zum Film über die Filmkritik. Schon früh schreibt er für die "Revue du Cinéma", dann für die kurzlebige "Gazette du Cinéma", und schließlich seit dem Jahre 1951 für die damals erfolgreichste Filmzeitschrift "Cahiers du Cinéma", die er zwischen 1957 und 1963 mitherausgibt, bis ihn Jacques Rivette als Chefredakteur verdrängt. Ab 1955 verwendet der Filmkritiker nur noch das Pseudonym Eric Rohmer. So unterschreibt er beispielsweise den filmtheoretischen Essay "Zelluloid und Marmor", das über fünf Ausgaben der Cahiers verteilt erscheint, mit diesem Namen. Er fordert in dem Aufsatz, dass die Zuschauer gänzlich unkultiviert ins Kino gehen und sich dort kultivieren lassen sollten; später stellt er jedoch im Angesicht einer jüngeren Generation von Filmemachern fest, dass diese nichts Anderes mehr kennen als den Film und nicht mehr über den Tellerrand des Kinos hinausschauen. So widerruft er die in dem Essay vertretenen Standpunkte später. Auch wenn die Meinung nicht bleibt, die er in dem Essay kundgibt – das Pseudonym bleibt. Mit ihm unterschreibt Eric Rohmer die erste Monographie über Alfred Hitchcock, die er zusammen mit Claude Chabrol verfasst. Ebenso die Hommage an Charles Chaplin und seine Dissertation über die Organisation des Raumes in Friedrich Wilhelm Murnaus FAUST - EINE DEUTSCHE VOLKSSAGE (1926) erscheinen unter seinem Pseudonym.

Im Jahr 1959 tritt der Regisseur nach einigen Kurzfilmen erstmals mit einem abendfüllenden Spielfilm in Erscheinung: Er dreht IM ZEICHEN DES LÖWEN (1959). Der Film handelt von einem Musiker, der in Paris ein unbedachtes Lotterleben führt und Schulden anhäuft, bis er als Obdachloser endet, während seine sogenannten Freunde still und leise verschwinden. Dem Debüt des Regisseurs wird kein allzu großer Erfolg zuteil. Zusammen mit Barbet Schroeder gründet er die Produktionsfirma Les Films du Losange und beginnt mit seinem ersten Filmzyklus, den contes moraux. Der erste von sechs Filmen, die der Regisseur als moralische Geschichten betitelt, ist DIE BÄCKERIN VON MONCEAU (1962). Der Film handelt von einem jungen Mann, der auf der Suche nach einer Unbekannten, die er dort getroffen hat, eine Straße in Paris belagert. Während er vergeblich auf die Angebetete wartet, lernt er eine andere Frau kennen, die ihn jedoch nur so lange interessiert, bis die eigentlich Gesuchte schließlich doch auftaucht. Dieses Schema bezeichnet der Filmemacher selbst als symptomatisch für den gesamten Zyklus, der hauptsächlich von jungen, intellektuellen Männern und ihren fixen amourösen Ideen erzählt, von Beziehungen des Begehrens, Missverständnissen, von Verführungen und Verwicklungen. DIE KARRIERE VON SUZANNE (1963) und DIE SAMMLERIN (1967) handeln ebenfalls von einem jungen Intellektuellen, in deren Leben eine junge Frau tritt, mit der sie zuerst nichts zu tun haben wollen – sich der Zuneigung zu ihr aber schließlich nicht erwehren können. MEINE NACHT BEI MAUD (1969) erzählt von einem Mann, der nach einem Leben in Promiskuität eine katholische Jungfrau heiraten will, die er in der Kirche beobachtet. Er heiratet sie – nur um Jahre später zu erfahren, dass sie keine Jungfrau war. Der nächste Film CLAIRES KNIE (1970) handelt von einem verlobten Mann, der eine junge Frau kennenlernt und die Obsession entwickelt, ihr Knie berühren zu wollen. Um dieses Ziel subtil zu verwirklichen, ist ihm jedes Mittel recht. Der Zyklus der contes moraux schließt mit LIEBE AM NACHMITTAG (1972), der Geschichte eines jungen verheirateten Vaters, der sich nach seiner Freiheit vor der Ehe zurücksehnt und eine alte Bekannte wiedertrifft –und zu ihr eine leidenschaftliche Zuneigung entwickelt.

Nach der Vollendung der contes moraux widmet sich Eric Rohmer zwei Literaturverfilmungen, die außerhalb der Zyklen stehen, in denen der Filmemacher sein Werk organisiert. Zuerst verfilmt er mit Edith Clever und Bruno Ganz in den Hauptrollen DIE MARQUISE VON O... (1976) nach der gleichnamigen Novelle von Heinrich von Kleist. Die Marquise wird von einem Grafen gerettet – und danach vergewaltigt. Trotz einer Schwangerschaft kann sie sich an das Geschehen nicht erinnern. Von ihren Eltern verstoßen, macht sie sich mit Hilfe einer Annonce auf die Suche nach dem Vater, der wieder auftaucht und sie heiratet. Der Film ist ausgesprochen erfolgreich, gewinnt mehrere Preise. PERCEVAL LE GAULOIS (1978) ist seine zweite Literaturverfilmung. Sehr nah am mittelalterlichen Original erzählt der Regisseur die Geschichte einer Grals-Suche, jedoch nicht ohne die heroischen Charaktere zu unterwandern und zu entzaubern, indem er sie als alltägliche Menschen zeigt. König Artus ist wenig königlich und Parzival ein junger Naivling, dessen emotionale Ausbildung mehr Gewicht bekommt als sein kämpferisches Dasein als Ritter.

Nach dem Ausflug in die Literatur beginnt der nunmehr 60-jährige Filmemacher einen neuen Zyklus: Die Komödien und Sprichwörter. In sechs Filmen widmet er sich beinahe ausschließlich den Sehnsüchten und Gefühlskrisen zwischen Jugend und Gesetztheit. Der Auftakt des Zyklus ist DIE FRAU DES FLIEGERS ODER MAN KANN AN NICHTS DENKEN (1980). In einem Verwirrspiel von Verdächtigungen, versucht ein junger Jurastudent die amouröse Vergangenheit seiner Freundin zu erforschen und hält vergeblich um ihre Hand an. In DIE SCHÖNE HOCHZEIT (1982) geht die Verbindung zwischen einer jungen Kunststudentin und ihrem älteren Liebhaber zugunsten eines gleichaltrigen jungen Mannes zu Grunde. PAULINE AM STRAND (1983) darf als eines der Meisterwerke dieser Schaffensphase gelten. Der Film handelt von Pauline, die mit ihrer älteren Cousine einen Sommerurlaub verbringt, der von zahlreichen, wechselnden Liebeskonstellationen durchsetzt ist. Krititker bezeichnen den Film als federleicht, präzise und scharfsinnig. Mit VOLLMONDNÄCHTE (1984) befasst sich der Filmemacher mit der Figur einer Frau, die zwischen Jugend und Reife unentschlossen pendelt und mit einem Mann zuerst zusammenzieht, ihn aber aus Sehnsucht nach Freiheit und Freunden wieder verläßt. Als sie ihn zurückhaben will, er es zu spät, er ist mit einer anderen zusammen. DAS GRÜNE LEUCHTEN (1986) porträtiert eine Pariser Büroangestellte, die Urlaub am Meer macht – aber sich in einer erstarrten Feriengesellschaft bald einsamer fühlt als zu Hause. Dann lernt sie einen Mann kennen, mit dem sich das zu entwickeln scheint, wonach sich ihr einsames und sensibles Herz sehnt. DER FREUND MEINER FREUNDIN (1987) erzählt von vier Menschen, die sich in verschiedenen Liebeskonstellationen befinden. Diese lösen sich auf und konfigurieren sich im Laufe des Films neu, bis sich am Ende zwei neue Pärchen bilden.

Nach den Komödien und Sprichwörtern widmet sich Eric Rohmer dem dritten und letzten Zyklus. Mit FRÜHLINGSERZÄHLUNG (1990) beginnt der Filmemacher die Erzählungen der vier Jahreszeiten. Der Auftakt erzählt von einer Lehrerin, die zeitweise bei einer Freundin wohnt, die ihrerseits versucht, den Gast mit ihrem Vater zu verkuppeln. Der Regisseur inszeniert ein ironisch distanziertes Spiel um die Möglichkeit und Unmöglichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen. Die WINTERERZÄHLUNG (1992) handelt von einer Frau, die ein Kind von einer Sommerliebe bekommt, diese aber aus den Augen verliert und sich mit halbherzigen Affären zu trösten versucht, bis sie sich entschließt, auf den Geliebten zu warten – ein Entschluss, der letztendlich belohnt wird. Die Erfüllung der Sehnsucht bleibt im dritten Teil des Jahreszeiten-Zyklus aus. In SOMMER (1996) geht es um einen Mann, der ein Mädchen zu lieben glaubt und eine Liason mit einer anderen eingeht, und einer Dritten, einer schlichten Freundin, von seinen Leiden erzählt. Er bemerkt nicht, dass sie sich langsam aber sicher in ihn verliebt – aber diese Liebe in Ermangelung jeder Hoffnung für sich behält. Den Kreis der Jahreszeiten schließt mit HERBSTGESCHICHTE (1998). Der stellenweise etwas schleppend erzählte Film handelt von einer verwitweten Winzerin, der verschiedene Personen auf unterschiedliche Art und Weise zum Liebesglück bringen wollen.

Nach der intensiven Beschäftigung mit zwischenmenschlichen Beziehungen und Gefühlskosmen geht das Spätwerk des Filmemachers wieder andere Wege. DIE LADY UND DER HERZOG (2001) kehrt in die Zeit der Französischen Revolution zurück und erzählt von einer englischen Adeligen, die die Revolutionswirren trotz eines Todesurteils überlebt. TRIPLE AGENT (2004) ist ein Agentenfilm, der im Paris der 1930er Jahre spielt. DIE LIEBE VON ASTREE UND CELADON (2007) ist der bisher letzte Film des Regisseurs. Die Verfilmung eines Schäferspiels von Honoré d’Urfé beschränkt sich auf die zärtlichen Empfindungen leicht bekleideter Menschen.

Eric Rohmer stirbt am 11. Januar 2010 in Paris.

-----
Autor: Mario Kaiser
Stand: März 2009

Aktueller Stand der Datenbank:
18738 Filme,
72604 Personen,
6594 Trailer,
873 Biographien,
54 Themen & Listen
all: 1,0377