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Annelie Thorndike

Annelie Thorndike
Regie, Künstlerische Leitung, Drehbuch

* 17. April 1925
Klützow (heute Kluczewo)
Deutschland (heute Polen)
andere Namen Annelie Kunigk

ANNELIE THORNDIKE • Biographie Seite 1/1

Anneliese Thorndike ist eine der bekanntesten Dokumentaristinnen der DDR. Im westlichen Deutschland sind ihre Arbeiten aus politischen Gründen nicht zu sehen, die Regisseurin und Drehbuchautorin ist vielen unbekannt. Ihre Filme loben die DDR, greifen die westliche, kapitalistische Welt an und interpretieren Geschichte im Sinne der sozialistischen Theorie. Die Werke polarisieren, laufen auf zahlreichen Festivals. Mit Werken wie DU UND MANCHER KAMERAD (1955) und UNTERNEHMEN TEUTONENSCHWERT (1958), die sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Andrew Thorndike realisiert, wird sie national wie international bekannt.

Anneliese Thorndike wird am 17. April 1925 in pommerschen Klützow (heute Kluczewo, Polen) als Anneliese Kunigk geboren. Ihr Vater verdient seinen Lebensunterhalt als Schlosser, ihre Mutter ist die Tochter eines Fischers. Nach dem Abschluß des Abiturs besucht sie eine Pädagogische Hochschule. Noch während des Zweiten Weltkrieges legt sie 1944 die 1. Lehrerprüfung ab, 1947 folgt die 2. Lehrerprüfung. Nach dem Ende des Krieges geht sie als Neulehrerin nach Mecklenburg, nach Penzlin. In einem ehemaligen Rittergutsschloß in Penzlin gründet sie 1948 die erste ländliche Zentralschule Mecklenburgs, eine Schule mit Internat, wird später deren Rektorin.

Anfang der 50er Jahre lernt sie den Regisseur Andrew Thorndike kennen. Recherchen für seine Dokumentation DER WEG NACH OBEN (1950) führen ihn nach Penzlin an die Schule. Anneliese Thorndike schreibt ihr erstes Drehbuch DIE PRÜFUNG (1952) für ihren Ehemann, den sie 1953 heiratet. Seit 1952 arbeitet sie im DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme. Mehr als 20 Jahre werden beide gemeinsam an Filmen arbeiten, meist mit mehreren Regisseuren und Autoren gemeinsam. Ihnen steht in den häufigsten Fällen ein großes Team zur Verfügung. Anfangs arbeitet Anneliese Thorndike an den Drehbüchern, später führt sie neben ihrem Ehemann Co-Regie, übernimmt die künstlerische Leitung von Filmproduktionen.

Der erste große Erfolg stellt sich mit DU UND MANCHER KAMERAD (1955) ein, einem Kompilationsfilm zum deutschen Militarismus und der Geschichte der beiden Weltkriege. Mit ihren Co-Autoren Karl Eduard von Schnitzler und Günther Rücker produzieren sie einen der erfolgreichsten Dokumentarfilme der DEFA. An diesem Film wird die Problematik ihrer Arbeiten bereits deutlich: die Bilder dienen zur Illustration der Thesen, Prinzipien der Analogie und des Kontrasts strukturieren die Montage, um die Aussagen eindeutig zu belegen. Seine Stärken liegen dagegen in den bis dahin unveröffentlichten Originalaufnahmen aus deutschen und sowjetischen Archiven, die den Zuschauer mit der grausamen Kriegswirklichkeit konfrontieren.

Thematisch setzen sich die Thorndikes immer wieder mit Westdeutschland auseinander. In URLAUB AUF SYLT (1957) enthüllen sie die Vergangenheit des CDU-Bürgermeisters Dr. Hans Reinefarth, der als ehemaliger SS-Führer und "Schlächter von Warschau" seine Karriere ungebrochen fortsetzen kann. Zwei Kameramänner besuchen Reinefarth, er läßt sich interviewen, ohne zu wissen, für wen die Besucher arbeiten. Später wird das Material mit Archivbildern aus dem Warschauer Ghetto zusammen montiert. In UNTERNEHMEN TEUTONENSCHWERT (1958) werden dem Nato-General Dr. Hans Speidel Kriegsverbrechen in der Sowjetunion vorgeworfen. Die beiden Protagonisten wehrten sich gegen die filmischen Anschuldigen, teilweise wurde ihnen Recht gegen. Beide Filme werden zum Politikum, in der Bundesrepublik und anderen westlichen Ländern werden die Filme nicht gezeigt.

Fünf Jahre arbeiten sie an DAS RUSSISCHE WUNDER - 1. TEIL (1963) und DAS RUSSISCHE WUNDER - 2. TEIL (1963). Der Kompilationsfilm wird ein zweiteiliges, insgesamt vierstündiges Werk über die Geschichte Rußlands, ein Loblied auf die Sowjetunion. Wieder werden die Bilder als politischer Beleg benutzt; sie ordnen die Bilder in Auswahl und Montage ihrer marxistischen Argumentation unter. Zum Film erscheint ein Bildband, für den Annelie Thorndike die Fotos zusammenstellt. Das Buch wird in insgesamt 20 Sprachen übersetzt. Beide Teile erreicht ca. 150 Millionen Zuschauer in fast 90 Ländern, das Künstlerehepaar wird mit dem Leninorden und dem Nationalpreis I. Klasse ausgezeichnet. Aus dem umfangreichen, gesammelten Material zum Film entstehen zahlreiche Nachfolgefilme, unter anderem DIE KONZESSIONEN DES MISTER URQUHART (1961), über die Lage der Bergarbeiter in Kasachstan.

1969 legt Annelie Thorndike ihren persönlichsten Film vor. In DU BIST MIN - EIN DEUTSCHES TAGEBUCH (1969) berichtet sie, aufwendig im 70 mm-Format produziert, von persönlichen Erlebnissen und wichtigen Lebensetappen. Grundlage bilden ihre Tagebücher, die von freundschaflichen Briefkontakten zu Walter Ulbricht erzählen und die ostdeutsche Landschaft bebildern. Sie wird Gründungsmitglied der DEFA-Gruppe 67, die sich 1968 konstituiert sich in Potsdam-Babelsberg und die bis zu seinem Tod 1979 von Andrew Thorndike geleitet wird. Neben den eigenen Filmen der beiden Dokumentaristen werden in der Gruppe außerdem Industrie- und Dokumentarfilme hergestellt.

Anfang der 70er Jahre lassen sich Andrew und Annelie Thorndike scheiden, arbeiten aber immer noch gemeinsam an Filmen. Zur Entwicklungsgeschichte der Menschheit entsteht das Werk DIE ALTE NEUE WELT (1977), das auch diese Geschichte marxistisch interpretiert. Zum Film erscheint wieder ein umfangreiches, bunt bebildertes Sachbuch. Der Anspruch bei dem Werk ist riesig. Populärwissenschaftlich wird filmisch viel versucht: die bildhafte Ergänzung von Sinneswahrnehmungen, Trickdarstellungen von hoher Professionalität. Trotzdem aller sachlichen Argumentation kann der Film seinen propagandistischen Hintergrund nicht verleugnen.

Nach dem Ende der Gruppe 67 schließt sich Annelie Thorndike der Gruppe defa kinobox an. Hier entstehen auch ihre zwei letzten, eigenständigen Filme. In AUFBRUCH (1985) schildert sie die Wiedergeburt Dresdens. Für die Fotochronik verwendet sie, ohne viel Kommentar, zahlreiches altes Filmmaterial. In ALLE IDEEN BEGINNEN ALS TRAUM (1987) porträtiert sie den Physikprofessors Dr. Heiner Vollstädt, der als Mineraloge am Zentralinstitut Physik der Erde in Potsdam tätig ist und der DDR-Volkswirtschaft hilft, wichtige Diamanten aus einheimischen Rohstoffen herzustellen. Bis Ende Mai 1990 ist sie als Autorin und Regisseurin im DEFA-Studio für Dokumentarfilme beschäftigt.

Anneliese Thorndike hat zahlreiche Funktionen inne. Ab 1960 arbeitet sie beim Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche als Jurymitglied, 1961 ist sie Jurypräsidentin. Von 1962 bis 1966 agiert sie als Präsidentin des Ehrenpräsidiums des Dokumentarfilmfestes. Mehr als 15 Jahren, von 1973 bis 1989, ist sie Präsidentin des Komitees der Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche. Auch bei internationalen Filmfesten im Ausland ist die Dokumentaristin Mitglied zahlreicher Jurys, unter anderem in Moskau, Odense und Mannheim. Von 1980 bis 1990 ist sie Vorstandsmitglied des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR. Neben ihrer Filmarbeit engagiert sich die Künstlerin auch politisch. 1946 tritt sie der SED bei, 1963 wird sie als Abgeordnete in die Volkskammer der DDR gewählt.

Annelie Thorndike hat ihren Nachlaß dem Filmarchiv Potsdam übergeben. Sie lebt heute auf der Insel Usedom in Heringsdorf.

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