Film-Zeit auf  Film-Zeit bei Facebook   Film-Zeit auf Twitter

Egon Günther

Egon Günther
Regie, Drehbuch, Szenarium, Darsteller

* 30. März 1927
Schneeberg
Deutschland

EGON GÜNTHER • Biographie Seite 1/1

Egon Günther ist Schlosser, Lehrer, Lektor, Lyriker, Romancier, Drehbuchautor, Regisseur und Professor. Er gilt in den 60er und 70er Jahren als Avantgardist der DEFA, inszeniert formal überaus interessante Filme, die sich am internationalen Maßstab messen. Von den künstlerischen und politischen Verantwortlichen wird die unkonventionelle Form seiner Filme nicht akzeptiert. Einige seiner Produktionen werden verboten, aus den Kinos entfernt oder dürfen nur in der DDR gespielt werden. 1978 verläßt der Künstler die DDR und dreht im westlichen Ausland.

Egon Günther wird am 30. März 1927 in Schneeberg/Erzgebirge geboren. Er wächst in Arbeiterverhältnissen auf, sein Vater ist Motorenschlosser. Nach seiner Schulausbildung absolviert er eine Schlosserlehre. Seine Gesellenprüfung macht er als technischer Zeichner im Maschinenbau. Mit 17 Jahren wird er 1944 zum Wehrdienst eingezogen, ist kurzzeitig Fallschirmspringer. In den Niederlanden kommt er in Gefangenschaft, kann aber fliehen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges will er Neulehrer werden, beginnt 1948 ein Studium der Pädagogik, Germanistik und Philosophie an der Universität Leipzig bei Ernst Bloch und Hans Mayer. Danach arbeitet er auch kurzzeitig als Lehrer, wechselt dann aber als Lektor in die Verlagsbranche. Mitte der 50er Jahre veröffentlich Egon Günther einen Gedichtband, es folgen Romane, Bühnenstücke und Erzählungen. Häufig tragen seine literarischen Stoffe autobiographische Züge.

Ab 1958 ist Egon Günther als Dramaturg und Drehbuchautor beim DEFA-Studio für Spielfilme in Potsdam-Babelsberg angestellt. In dieser Funktion ist er an verschiedenen Filmen beteiligt, schreibt Drehbücher für Lutz Köhler, Johannes Arpe und Werner W. Wallroth. Unter anderem verfaßt er das Drehbuch zu dem Film DAS KLEID (1961) von Konrad Petzold. Dafür hat er das Christian Andersen-Märchen "Des Kaisers neue Kleider" aufbereitet. Der Film macht sich über die Selbstherrlichkeit und Leere des Kaisers lustig und wird aus diesem Grund von den Verantwortlichen verboten, wird erst 1991 uraufgeführt.

Mitte der 60er Jahre legt er als Regisseur seinen ersten Film vor: LOTS WEIB (1965). Erzählt wird die Geschichte von Katrin und Richard Lot. Die Lehrerin will sich scheiden lassen, der Kapitän erlaubt es nicht. Erst als sie in einem Kaufhaus stiehlt, und ihr Mann um sein Ansehen fürchtet, ist sie frei. Der ernsthafte Film setzt sich problembewußt mit überkommenen Werten in der DDR auseinander, ist mit Günther Simon und Marita Böhme brillant besetzt. Der nächste Film des Regisseurs wird in Folge des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED verboten. WENN DU GROSS BIST, LIEBER ADAM (1965) berichtet spielerisch-philosophisch vom 10jährigen Adam, der in den Besitz einer Lampe gerät, die jeden, der lügt, in die Luft schweben läßt. Egon Günther inszeniert die Geschichte mit vielen komischen Einfällen, geht überaus leicht und ironisch mit dem Thema um. Aber eine Diskussion um Wahrheit und Ehrlichkeit will die Hauptverwaltung Film nicht. Erst 1990 ist der Film zu sehen.

In ABSCHIED (1968) nach der gleichnamigen Erzählung von Johannes R. Becher beschäftigt sich der Regisseur mit dem 17jährigen Münchner Bürgersohn Hans Gastl, der sich entscheidet, nicht am Ersten Weltkrieg teilzunehmen und sich dadurch von seinem gesellschaftlichen Stand verabschieden muß. Der Film wendet sich gegen Autorität und Bürgerlichkeit. Bestechend ist eine Form, mit verschiedenen Erzählebenen, raffinierten Effekten und Traumbildern orientiert er sich an internationalen Filmstandards. Nach einer glanzvollen Abnahme wird das Werk kurze Zeit später aus dem Kinoprogramm genommen. Ihm wird Skeptizismus und Subjektivismus vorgeworfen. Das Thema des Ersten Weltkrieges läßt Egon Günther allerdings nicht los. Für das Fernsehen der DDR dreht er den Zweiteiler JUNGE FRAU VON 1914 (1969) nach dem gleichnamigen Roman von Arnold Zweig. Nochmals beschäftigt er sich 1973 mit dem Stoff. Wieder verfilmt er für das Fernsehen mit ERZIEHUNG VOR VERDUN (1973) eine Vorlage von Arnold Zweig. In beiden Fällen wird die Souveränität gelobt, mit der Egon Günther formal interessant und psychologisch differenziert Literatur verfilmt.

Mit DER DRITTE (1972) wendet sich der Regisseur wieder einem Gegenwartsstoff und der Frauenproblematik zu. Die Mathematikerin Margit ist eine emanzipierte Frau, aber einsam. Hinter sich hat sie eine Diakonissen-Schule, zwei Männer, zwei Kinder. Selbstbewußt wählt sie sich ihren Kollegen Hrlitschka als ihren dritten Man aus. Jutta Hoffmann spielt die Margit Fließer in einer wunderbaren Mischung aus Naivität und Unabhängigkeit. Der Film wird wegen seines für wahrhaftig befundenen Frauenbildes nicht nur ein Publikumserfolg, sondern erringt auch Aufsehen im Ausland und gewinnt Preise.

Mit DER SCHLÜSSEL (1974) setzt Egon Günther seine Arbeit mit Gegenwartsthemen fort. Ric und Klaus reisen nach Krakow. Während ihres Urlaubs erkennen sie die Unterschiedlichkeiten ihrer Lebensauffassung. Erst als Ric bei einem Unfall umkommt, nimmt Klaus seine Unfähigkeit wahr, sich in andere Menschen hineinzufühlen. Mit Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz ist der Film hervorragend besetzt, wieder gelingt dem Regisseur ein locker, impressionistisch inszenierter Film, der wichtige Themen aufrichtig verhandelt. Dem Publikum gefällt der Film nicht. Außerdem darf er, da polnische Institutionen gegen ihn protestiert haben, außerhalb der DDR nicht gezeigt werden. Erst nach zahlreichen Zensurschnitten wird er für Aufführung im eigenen Land freigegeben.

Danach verfilmt Egon Günther bei der DEFA nur noch literarische Stoffe, konzentriert sich dabei auf Thomas Mann und Johann Wolfgang Goethe. Diese können aber ihren Bezug zur Gegenwart nie ganz verleugnen. LOTTE IN WEIMAR (1975), mit Lilli Palmer, Martin Hellberg und Rolf Ludwig großartig besetzt, erzählt vom Besuch der einstigen Jugendliebe beim nunmehr gealterten Goethe. Der Film besticht durch seine Leichtigkeit, ist mit Selbstironie in Szene gesetzt. Nach dem Indianerfilm BLUTSBRÜDER (1974) ist er der erfolgreichste Film des Jahres. Danach wendet sich der Regisseur dem jungen Goethe zu, dreht DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHERS (1976) mit Hans-Jürgen Wolf und Katharina Thalbach in den Hauptrollen. Die Geschichte eines jungen Mannes, der sich wegen einer hoffnungslosen Liebe zu einer mit einem anderen verlobten Frau in den Freitod treiben läßt, wird wegen ihrer sorgfältigen Inszenierung gelobt. Dabei gelingt es dem Regisseur, die private Dimension des Liebesdramas in einen gesellschaftlichen Zusammenhang voller Widersprüche zu stellen.

1977 verläßt Egon Günther den Verband der Film- und Fernsehschaffenden der DDR. Ab 1978 dreht er im westlichen Ausland. Dort entsteht unter anderem die Co-Produktion des DDR-Fernsehens mit der Schweiz: URSULA (1978). Nachdem der Film nach einmaliger Ausstrahlung im Fernsehen der DDR verboten wird, arbeitet der Regisseur nur noch in der Bundesrepublik. Mehrfach inszeniert er für das Fernsehen, unter anderem den siebenteiligen TV-Film EXIL (1983) nach einem Roman von Lion Feuchtwanger Für das ZDF realisiert er HANNA VON ACHT BIS ACHT (1983). Seine Produktionen heben sich aus dem bundesdeutschen Fernsehalltag ab, können aber die Qualität seiner früheren Arbeiten nicht erreichen.

Nach dem Zusammenbruch der DDR inszeniert der Regisseur auch wieder Kinofilme. Er arbeitet wieder in seiner alten Heimstätte bei der DEFA in Potsdam-Babelsberg. Mit Rolf Ludwig in der Hauptrolle dreht er STEIN (1990). Erzählt wird die Geschichte des einst berühmten Schauspielers Ernst Stein, der seit 20 Jahren verlassen am Rand von Berlin lebt. Sein Haus wird zeitweise zu einem Heim für Außenseiter und Ausgestoßene. Im wiedervereinigten Deutschland geht der Film allerdings völlig unter. Danach entsteht der TV-Film LENZ (1992), in dem der Poet auf Goethe trifft. Jörg Schüttauf bietet hier eine großartige darstellerische Leistung als junger Lenz. Zu einem seiner letzten Kinofilme zählt DIE BRAUT (1999), in dem sich Egon Günther wieder mit der deutschen Klassik auseinandersetzt und die Liebesgeschichte der 23jährigen, armen Christiane Vulpius mit dem Dichter und Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe schildert.

Seit 1992 ist Egon Günther Professor an der Filmhochschule Babelsberg. Er veröffentlicht Artikel in verschiedenen Zeitschriften. Egon Günther ist in erster Ehe mit der Schriftstellerin, Szenaristin und Drehbuchautorin Helga Schütz verheiratet. Er wohnt in Berlin-Glienicke.

-----
Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit einer Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

Aktueller Stand der Datenbank:
18738 Filme,
72604 Personen,
6594 Trailer,
873 Biographien,
54 Themen & Listen
all: 1,3457