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Walter Heynowski

Walter Heynowski
Regie, Drehbuch

* 20. November 1927
Ingolstadt
Deutschland

WALTER HEYNOWSKI • Biographie Seite 1/1

Walter Heynowski zählt gemeinsam mit seinem Regie-Partner Gerhard Scheumann zu den wichtigsten Dokumentarfilmern der DDR. In 25 Jahren entstehen mehr als 70 Dokumentarfilme, die zahlreich ausgezeichnet worden sind. Leitgedanke fast aller ihrer Filme ist die Auseinandersetzung mit dem Imperialismus auf der Welt. Durch ihren Erfolg haben sie bald eine priviligierte Stellung innerhalb der DDR-Dokumentaristen inne, verfügen über ein eigenes Studio. Neben allem Enthüllungsjournalismus, grober Polemik und ideologischer Propaganda zeichnen sich ihre Filme durch Engagement und Einfallsreichtum aus, die gepaart mit analytischer Schärfe auf zeithistorische Probleme verweisen. Dies bezeugen auch mehr als 40 Retrospektiven des Studios "H&S", die zwischen 1974 und 1989 auf der ganzen Welt laufen.

Walter Heynowski wird am 20. November 1927 in Ingolstadt geboren. Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt er als Luftwaffenhelfer. Er gerät in Kriegsgefangenschaft und wird im Lager Bad Kreuznach gefangen gehalten. Nach der deutschen Kapitulation beginnt er Ende 1945 ein Studium der katholischen Theologie an der Universität Tübingen. Nach einigen Semestern wechselt er das Fach und studiert Volkswirtschaftslehre. Während seines Studiums beginnt er bei der Jugendzeitschrift "Die Zukunft", die in Reutlingen herausgegeben wird, als Volontär und späterer Redakteur zu arbeiten.

1948 siedelt Walter Heynowski nach Berlin. Er arbeitet kurzzeitig als Redakteur in der Berliner Zeitung, ist dort im innenpolitischen Ressort beschäftigt. Von 1949 bis 1953 ist er Chefredakteur der Satire-Zeitschrift "Frischer Wind", die 1955 in den " Eulenspiegel" umbenannt wird. 1954 gründet er den "Eulenspiegel"-Verlag in Berlin, der noch bis kurz nach dem Zusammenbruch der DDR Bestand hatte. 1956 wechselt er zum Deutschen Fernsehfunk und beginnt als Autor, Regisseur und redaktioneller Leiter der Sendereihe "Zeitgezeichnet" zu arbeiten, bis 1963 ist er stellvertretender Intendant und Programmdirektor. Das wöchentlich ausgestrahlte Magazin versteht sich als satirische Sendung, welche sich mit aktuell-politischem Zeitgeschehen auseinandersetzt. Bei insgesamt 31 Sendungen zwischen 1957 bis 1959 führt Walter Heynowski Regie.

Seit 1960 konzentriert sich Walter Heynowski auf die Herstellung von Dokumentationen. Er inszeniert mehrere Sendungen, die vom Deutschen Fernsehfunk produziert und ausgestrahlt werden. Dazu zählt unter anderem "Hoppla, jetzt kommt Willy" (1959), eine Glosse über Willy Brand, der zum damaligen Zeitpunkt Bürgermeister von West-Berlin ist, sowie die Reportage "Mord in Lwow" (1960), die die nationalsozialistische Vergangenheit von Theodor Oberländer, dem Bundesvertriebenenminster unter der Ära Adenauer, thematisiert. In "Aktion J" (1960) entlarvt der Regisseur den bundesrepublikanischen Staatssekretär Joseph Maria Globke, der vor 1945 als Oberregierungsrat im Innenministerium die "Endlösung der Judenfrage" vorantrieb. Die Themen der Filme beziehen sich in den meisten Fällen auf westdeutsche Wirklichkeiten, beschäftigen sich mit jüngster deutscher Vergangenheit.

Von 1963 bis 1969 wird Walter Heynowski als Autor und Regisseur im DEFA-Studio für Dokumentarfilme tätig. Bei den Dreharbeiten zu O.K. (1965) lernt er 1965 Gerhard Scheumann kennen, mit dem ihm bis zu dessen Tod eine intensive Arbeitsbeziehung verbindet. Der Film schildert den Lebensweg des Mädchens Doris S., die in einem Aufnahmeheim in Eisenach interviewt wird. Im Zuge einer Familienzusammenführung siedelt sie nach Westdeutschland über, arbeitet zeitweise als Barmädchen und findet nun in die DDR, ins "richtige Deutschland", zurück. In der Folge inszenieren beide zahlreiche Filme, wobei die von der "DEFA-Gruppe 11" produzierte Dokumentation DER LACHENDE MANN (1966) großen internationalen Erfolg verzeichnen konnte. Das Studiogespräch mit Major Müller, der sich im Kongo als Söldner besonders 'rühmlich' hervorgetan hat, gewinnt auf dem Internationalen Dokumentarfilmfest Leipzig den Sonderpreis der Jury. Mit dem Interviewfilm PILOTEN IM PYJAMA - 1. TEIL: YES, SIR (1968) beginnt eine vierteilige Reportage über Vietnam. Hier sprechen sie mit Piloten abgeschossener amerikanischer Bomber über ihre Aufträge und Einstellungen. Trotz aller eventuellen Wahrhaftigkeit in den Filmen, werden in vielen Fällen die Geschichten als Beweismittel benutzt, um die böse Welt des Kapitalismus zu charakterisieren. Kritiker werfen den Filmemachern vor, daß der Mensch hinter den Erzählungen sie in den seltesten Fällen interessiert. Besonders kritisiert wird ihre Methode: Einige Male holen sie die Befragten unter Vortäuschung falscher Tatsachen vor die Kamera, in der Regel geben die Interviewer ihre DDR-Identität nicht preis, die politischen Gegner werden mit unlauteren Mitteln aufs Glatteis geführt oder in die Enge getrieben. So wirken ihre Filme heute wie Lehrstücke, in zweierlei Hinsicht: Sie enthüllen die Manipulierbarkeit der Bilder und sind zugleich selbst wirkungsvolle Agitation.

Die kreative Zusammenarbeit zwischen den zwei Publizisten gipfelt am 01. Mai 1969 in der Gründung des Heynowski & Scheumann-Studios, kurz "H & S", die als eigenständige künstlerische Arbeitsgruppe auftritt und - nicht gerade üblich in der zentralorganisierten Filmlandschaft der DDR - ihnen ein eigenes Signet erlaubt, das zur eigenständige Marke wird, die den DDR-Dokumentarfilm im Ausland besonders bekanntmacht. Zu dem Studio gehört neben dem Kameramann Peter Hellmich auch die Schnittmeisterin Waltraud Wischnewski, für die Musik zeichnen in vielen Fällen Reiner Bredemeyer und Siegfried Matthus verantwortlich, für Spezialaufnahmen Horst Donath und Walter Martsch. Produktionsleiter ist Mathias Remmert, der auch die Filme anderer Regisseure, die zeitweise unter dem Dach des Studios arbeiteten - wie Peter Voigt, Harry Hornig, Joop Huisken und Gert Prokop - organisatorisch betreut.

Die nationalen und internationalen Erfolge des Studios erzielen sie mit Werken wie dem Interviewfilm DER PRÄSIDENT IM EXIL (1969) mit Dr. W. Becher, dem Sprecher der Sudentendeutschen Landsmannschaft und Mitglied des Bundestages und mit Reportagefilm PSALM 18 (1974), in dem der chilenische Diktator Pinochet versucht, den Segen der Kirche zu erhalten. In den 70er Jahren sind es drei große Themen, mit denen sich das Filmteam beschäftigt, und die ihre "antiimperialistische Propaganda" in zahlreichen Kurz- und Langfilmen transportieren: Vietnam, Chile und Kampuchea. DER KRIEG DER MUMIEN (1974) schildert den Kampf kapitalistischer Konzerne gegen die Regierung von Salvadore Allende, ICH WAR, ICH BIN, ICH WERDE SEIN (1974) beschäftigt sich mit politischen Gefangenen in den Lagern der Pinochet-Diktatur und in EL GOLPE BLANCO - DER WEIßE PUTSCH (1975) kritisiert die chilenische Oberschicht, die Allende nicht unterstützt hat. Nach dem Ende des Krieges in Vietnam dokumentieren sie den Neubeginn in dem Land. DIE TEUFELSINSEL - VIETNAM 1 (1976) erzählt von der Gefängnisinsel Con Son, ICH BEREUE AUFRICHTIG - VIETNAM 3 (1977) stehen vier Offiziere vor der Kamera, Insassen eines Umerziehungslagers, die einen Blick auf ihr Leben werfen und in EIN VIETNAMFLÜCHTLING (1979) ist es ein ehemaliger General der südvietnamischen Polizei, der nun in den USA ein Restaurant betreibt. Anfang der 80er Jahre setzen sie sich mit dem Terrorregime Pol Pots in Kampuchea auseinander. Das Werk DIE ANGKAR (1981) zählt dabei zu ihren wichtigsten und überzeugensten Filmen überhaupt. Sie prangern in einprägsamen Bildern den Mord an Tausenden Menschen im Zentralen Vernichtungslager "S 21" an. Der Zuschauer blickt in die Gesichter der Verschleppten und Ermordeten während ihre Mörder ohne Schuldbewußtsein von der Erfüllung ihrer Pflicht reden. Ihre Filme gewinnen auf vielen Festivals Preise und Auszeichnungen. Besonders ihre Art der Enthüllung gepaart mit politischem Engagement und analytischer Schärfe wird zum damaligen Zeitpunkt gelobt. Aus heutiger Sicht wird ihnen Polemik, grobe Agitation und Ideologie vorgeworfen.

Am 24. September 1982 wird das Studio aufgelöst, wieder in das DEFA-Studio für Dokumentarfilme integriert. Auslöser ist eine kritische Rede, die Gerhard Scheumann 1982 auf dem IV. Kongreß des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden hält. Walter Heynowski arbeitet von 1983 bis 1991 unter dem Dach des DEFA-Studios, wobei sich das Filmteam nach anfänglichen Problemen, etwa bei der Ausreise ins westliche Ausland, langsam wieder die alte bevorzugte Stelle erarbeitet und ab 1986 die Filme erneut mit dem Signet der "Werkstatt H & S" gezeichnet werden dürfen. Unter diesem Namen stellen sie von 1986 bis 1991 vierzehn Filme her, wobei KAMERAD KRÜGER (1988) einer ihrer erfolgreichsten ist. Sie porträtieren den in der Bundesrepublik lebenden, ehemaligen SS-Sturmbannführer Krüger und zeigen, wie attraktiv nationalsozialistisches Gedankengut immer noch ist. Das Thema beschäftigt sie auch in den Filmen DIE LÜGE UND DER TOD (1988), in dem sie – unter Mitarbeit von Stephan Hermelin – die Nazipropaganda zur Deportation der Juden in Deutschland thematisieren sowie DER MANN AN DER RAMPE (1989). Hier finden sie jenen Mann, der den Zugverkehr in Auschwitz organisierte und nun unbehelligt in der Bundesrepublik lebt. 1991 wurde die Werkstatt im Zuge der Auflösung der DEFA ebenfalls aufgelöst.

Walter Heynowski ist neben seiner umfangreichen Filmtätigkeit als Vorstandsmitglied des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR tätig. Diese Funktion hat er von 1967 bis 1990 inne. Als ordentliches Mitglied der Akademie der Künste der DDR ist er ab 1972 registriert. Zahlreiche Publikationen erscheinen im In- und Ausland zu seinen Filmen; er schreibt auch selbst über das Filmemachen.

Walter Heynowski lebt in Berlin.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit der Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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