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Jacques Rivette

Jacques Rivette
Regie, Drehbuch

* 01. März 1928
Rouen
Frankreich

JACQUES RIVETTE • Biographie Seite 1/1

Jacques Rivette ist ein französischer Regisseur und Mitbegründer der Nouvelle Vague. Innerhalb dieser Bewegung nimmt der Filmemacher wie sein Kollege Jean-Luc Godard eine Sonderrolle ein. Er kämpft gegen konventionelles Erzählkino und entwirft eine eigene Arbeitsweise zwischen Improvisation und Phantasie. Gleichzeitig erobert die Realität in seinen Werken den filmischen Raum zurück – in Form von Dauer und Perspektive.

Jacques Rivette wird am 01. März 1928 in Rouen geboren. Nach dem Schulabschluss geht der Sohn eines Apothekers 1949 nach Paris, um Literatur zu studieren. Im Ciné-Club des Quartier Latin lernt er seine späteren Nouvelle Vague-Kollegen Francois Truffaut und Jean-Luc Godard kennen, ebenso wie Eric Rohmer. Letzterer leitet den Ciné-Club und gründet im Jahr 1950 die "Gazette du Cinéma", für die Jacques Rivette erste Artikel schreibt. Von der Zeitschrift erscheinen jedoch nur fünf Ausgaben, bis sie eingestellt wird. Nach dem Mißerfolg der Gazette schreibt der Cinephile wie seine Freunde und späteren Kollegen für die "Cahiers du Cinéma", die damals einflußreichste Filmzeitschrift. Von 1963 bis 1965 fungiert Jacques Rivette sogar als deren Chefredakteur. Wie für seine späteren Kollegen auch führt für den jungen Regisseur der Weg zum Film über die Cinephilie und Filmkritik.

Mit Hilfe seiner Freunde aus dem Kreise der Cahiers dreht er 1956 den Kurzfilm LE COUP DU BERGER (1956), in dem es um eine verheiratete Frau geht, die ein Geschenk ihres Geliebten annehmen will, ohne bei ihrem Mann Verdachtsmomente zu wecken. Der Titel spielt auf eine Strategie im Schach an, das Schäfermatt, das als Grundlage für die Handlungsführung des Films dient. Diese vergleichsweise rigide Form des Erzählens hat keine Dauer im Werk des Cineasten. In seinen folgenden Filmen gibt er eine strenge Handlungsführung zu Gunsten offener Erzählformen auf. Er kommt damit den Forderungen nach, die er selbst in seinen frühen Aufsätzen fordert. Im Jahre 1950 stellt er in seinem Essay "Wir sind nicht mehr unschuldig" das klassische Erzählkino an den Pranger und wirft ihm eine "fatale Austrocknung des Realen" vor.

Den formalen Konventionen tritt der Regisseur mit Phantasie und Improvisation entgegen. Neben der Improvisation spielen Raum und Zeit in den Filmen von Jacques Rivette eine zentrale Rolle im Kampf gegen das klassische Erzählkino, im Kampf gegen eine illusionistisch entleerte Realität. Der Hauptangriffspunkt, den der Cineast am Status quo des etablierten Kinos kritisiert, ist die Montage. Durch Schnitte, schräge Einstellungen und Kamerafahrten wird der filmische Raum zerstückelt, die reale Dauer physischer Erscheinungen im Raum verfälscht. Konsequent verweigert sich der Regisseur dieser Art der Montage und versucht stets, die szenische Einheit zu wahren. Die Schauplätze, an denen seine Filme spielen, sind meist begrenzt und beschränken sich beispielsweise auf ein einzelnes altes Haus. Der Filmemacher bevorzugt klar eine Halbtotale und legt Szenen gerne als Plansequenzen an; so schafft er für die Darsteller einen filmischen Raum, der sich der Realität annähert, anstatt dieser eine fertige Sprachlichkeit aufzudiktieren, und sie damit zu verfälschen und zu zerstören. Aus diesem Gedanken heraus entspringt auch seine beharrliche Weigerung, Überflüssiges aus seinen Filmen herauszuschneiden - was allerdings häufig zur Überlänge seiner Filme führt. Kein Film des Regisseurs ist kürzer als zwei Stunden, der längste beläuft sich auf über 12 Stunden.

Im Jahre 1958 beginnen die Arbeiten an seinem erster abendfüllenden Spielfilm, PARIS GEHÖRT UNS (1961). Über drei Jahre ziehen sich die Dreharbeiten aufgrund von konstanten finanziellen Problemen hin. Sein Spielfilmdebüt versammelt eine Reihe von Motiven, die der Autorenfilmer im Laufe seiner Karriere immer wieder aufgreift. Das ist einerseits das Theater, dem sowohl in seiner cineastischen wie in seiner filmtheoretischen Arbeit eine große Bedeutung zukommt. Der Film zeigt eine Theatergruppe bei den Proben und spinnt rätselhafte Ereignisse im Umfeld der Gruppe zu den Rudimenten einer Kriminalgeschichte zusammen. Auch die Idee einer verschwörerischen Geheimorganisation, die hinter den mysteriören Ereignissen stecken soll und sich am Ende als Hirngespinst entpuppt, taucht nicht zum letzten Mal in einem seiner Filme auf. Die Stadt Paris selbst schließt den Kreis – als Bild für eine komplizierte und vielschichtige Realität, die als das Thema aller Filme von Jacques Rivette gelten darf.

Dem kommerziellen Mißerfolg von PARIS GEHÖRT UNS (1961) folgt ein paar Jahre später der skandalumwobene Film DIE NONNE (1966), der seinen Erfolg hauptsächlich dem öffentlichen Aufruhr verdankt, der 1965 schon die Dreharbeiten begleitet. Katholische Verbände protestieren lauthals gegen den Film, in dem es um eine junge Frau geht, die gegen ihren Willen in ein Kloster gesteckt wird und unter einer sadistischen Äbbin sexuellen Belästigungen ausgesetzt ist. Im April 1966 wird der Film nach dem gleichnamigen Roman von Denis Diderot verboten – und erst nach monatelangen Protesten im Jahre 1967 wieder freigegeben.

In AMOUR FOU (1969), der erneut im Theatermilieu spielt, erzählt Jacques Rivette von der schrittweisen Auflösung der Ehe zwischen einer Schauspielerin und einem Theaterregisseur. Der Film, der Kunst und Leben in einem vielschichtigen Spiel miteinander verwebt, entsteht ohne Drehbuch. Lediglich ein grober Handlungsumriss dient als Vorlage für die Improvisation. Diese Arbeitsweise radikalisiert der Filmemacher in seinem nächsten Projekt OUT 1 – NOLI ME TANGERE (1971). Als einzige Basis für die Dreharbeiten fungiert eine Art Diagramm, auf dem die Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren zueinander verzeichnet sind. Die Szenen werden vollständig improvisiert, die Ausgestaltung der Figuren überläßt der Autorenfilmer ganz den Darstellern. Der Film greift erneut das Theater- und das Geheimbundmotiv auf. In Anlehnung an Balzacs Roman "Histoire des Treize" entwirft der Filmemacher einen Geheimbund, der zwischen zwei Theatergruppen Intrigen und Zwietracht sät. Nach Ende der Dreharbeiten im Jahr 1970 montiert der Regisseur das Material zu einer fast 13-stündigen Fassung, die in acht Teilen im Fernsehen ausgestrahlt werden soll. Da das Fernsehen den Film weder kaufen noch senden will, schneidet Jacques Rivette schließlich eine etwas über vier Stunden lange Kinofassung unter dem Titel OUT 1 – SPECTRE (1974). Die ursprüngliche Fassung wird erst im Jahre 1990 veröffentlicht.

Die Ereignisse der 1968er Bewegung gehen an Jacques Rivette nicht spurlos vorbei. Er setzt sich jedoch auf ganz andere Art und Weise mit ihnen auseinander, als beispielsweise ein Jean-Luc Godard, der nicht nur wegen seiner dezidiert politischen Art und Weise, Filme zu machen, als enfant terrible der Nouvelle Vague gelten darf. Bei Jacques Rivette ist der Film kein Mittel politischer Stellungnahme – oder er ist es durch eben diese Weigerung. Anstatt mit seinen Filmen Stellung zur Realität zu beziehen, durchsetzt er sie mit Phantasie und Fiktion, um dem unabhängigen und kreativen Geist ein Refugium zu bieten. CELINE UND JULIE FAHREN BOOT (1974) ist der erste dieser Filme, die die Phantasie zum Heilmittel der zerbrechenden Welt erheben. Zwischen "Alice im Wunderland" und der spannungsgeladenen Kriminalgeschichte "The Other House" spielt der Regisseur mit den Grenzen zwischen Realität und Fiktion und schafft einen Film, der einen der letzten Höhepunkte der Nouvelle Vague markiert. Sein kommerzielle Erfolg ermöglicht dem Cineasten die Tetralogie "Scénes de la vie parallèle" zu drehen, die sich in verschiedenen Genres mit Begegnungen zwischen Sterblichen und Unsterblichen beschäftigen soll. Tatsächlich dreht der Regisseur mit UNSTERBLICHES DUELL (1976) und NORDWESTWIND (1976) nur Teil 2 und 3 der Tetralogie und wendet sich mit MERRY-GO-ROUND (1980) schließlich wieder einem anderen Projekt zu, das sich auf improvisative Art und Weise um die Rudimente einer Liebesgeschichte dreht.

Die Arbeitsmethode der Improvisation weicht in THEATER DER LIEBE (1984) wieder einer kontrollierteren Inszenierung. Der Film handelt von einem Schriftsteller, der zwei Schauspielerinnen in sein Haus einlädt, um sein neuestes Stück einzustudieren – wobei für den Zuschauer die Grenzen zwischen Theater und filmischer Realität verschwimmen. Mit STURMHÖHE (1985) verfilmt der Regisseur den gleichnamigen Roman von Emily Brontë it jungen Schauspielern, die die Gefühle von Hass und Liebe, um die sich die Geschichte dreht, mit bewusster Distanz und Theatralität spielen. Mit DIE VIERERBANDE (1989) dreht er seit langem wieder einen Film, dem ein großer kommerzieller Erfolg zuteil wird. Er erzählt von vier jungen Schauspielerinnen, die gemeinsam ein Haus bewohnen und sich auf die Abschlussprüfung ihrer Ausbildung vorbereiten.

Ein noch größerer Erfolg – sein größter überhaupt – wird der nächste Film, den der Regisseur nach Balzacs Erzählung "Le Chef d’œuvre inconnu" inszeniert. DIE SCHÖNE QUERULANTIN (1991) erhält in Cannes den Großen Preis der Jury und erfreut sich auch sonst beim Publikum und in der Kritik größter Beliebtheit. Der Film handelt von einem Maler, der mit einem jungen Modell die Arbeit an einem unvollendeten Meisterwerk wieder aufnimmt – und sich unweigerlich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen muss. Während vier Stunden erzählt die ursprüngliche Fassung des Films ohne Rücksicht auf die Zeit von Kunst und Leben, von Körper und Schönheit.

Im Jahre 1994 dreht der Filmemacher mit JOHANNA, DIE JUNGFRAU (1994) eine zweiteilige Neuverfilmung der Geschichte um Jeanne d’Arc in die Kinos. Im Jahr darauf folgt das poetische Musical VORSICHT: ZERBRECHLICH! (1995). Mit der Kriminalgeschichte GEHEIMSACHE (1998) entwirft der Autorenfilmer die Figur einer Frau, die sich auf einem Rachefeldzug immer mehr in ein Netz aus Widersprüchen verstrickt. In seinem nächsten Film VA SAVOIR (2001) erkundet der Regisseur anhand einer literarischen Vorlage von Luigi Pirandello die Grenzen zwischen Theater und Realität. Wie in seinen früheren Filmen läßt er die Grenzen bewusst verschwimmen und erweist so dem Widerspruch Reverenz, der zwischen der realen Welt und dem klafft, was wir über sie denken. Mit DIE GESCHICHTE VON MARIE UND JULIEN (2004) nimmt Jacques Rivette den nie gedrehten ersten Teil seiner Tetralogie "Scénes de la vie parallèle" wieder auf. Er betont jedoch die Eigenständigkeit des Films, der von mysteriösen Zwischenreichen handelt, aus denen heraus die Toten mit den Lebenden Kontakt aufnehmen. Sein bisher letzter Film DIE HERZOGIN VON LANGEAIS (2007) ist eine originaltreue Adaption von Balzacs Roman "Die Herzogin von Langeais".

Jacques Rivette nimmt eine Sonderrolle im Kreis der Nouvelle Vague ein. Er wehrte sich nicht unbedingt gegen sein Publikum – er findet es teilweise nie, denn wer ist schon gewillt, 12 Stunden in einem Kino zu sitzen und einer Theatergruppe beim Proben zuzusehen. Er steht im Schatten seiner Kollegen wie Claube Chabrol und Francois Truffaut, die beim Publikum teils sehr erfolgreiche Filme drehen. Er sticht heraus, weil er – ähnlich wie Jean-Luc Godard – ein besonderes Kino macht, das sich vor keinem Zuschauer, sondern nur vor sich selbst zu verantworten hat.

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Autor: Mario Kaiser
Stand: März 2009

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