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Jean-Luc Godard

Jean-Luc Godard
Regie, Drehbuch

* 03. Dezember 1930
Paris
Frankreich

JEAN-LUC GODARD • Biographie Seite 1/1

Jean-Luc Godard ist einer der bedeutendsten französischen Regisseure und einer der bekanntesten Vertreter der Nouvelle Vague, der Bewegung, die ab Ende der 1950er Jahre das französische Kino revolutioniert und die Film- und Bildsprache bis in die Gegenwart nachhaltig beeinflusst. Der Autorenfilmer darf als ihr innovativster und radikalster Vertreter gelten und entwickelt eine Filmsprache, die mit sämtlichen Konventionen filmischen Erzählens bricht. Zwischen Montage und Bruch verknüpft der Filmemacher Literatur und Musik und Bild zu einem essayhaften Nebeneinander, in dem sich die Wahrnehmung des Regisseurs wie die des Zuschauers stets neu konfiguriert.

Jean-Luc Godard wird am 3. Dezember 1930 in Paris geboren und wächst in Nyon in der Schweiz auf. Sein Vater leitet dort eine Privatklinik, seine Mutter kommt aus einer angesehenen Schweizer Bankiersfamilie. Im Jahr 1948 siedelt der Schüler nach Paris um, besucht für ein Jahr das Lycée Rohmer und schreibt sich im darauffolgenden Jahr an der Sorbonne für ein Studium der Ethnologie ein. Doch anstatt zu studieren, bewegt sich Jean-Luc Godard in Filmkreisen und lernt zum Beispiel Jacques Rivette und Eric Rohmer kennen. Der Filmliebhaber unterstützt die frühen Filmprojekte seiner Freunde als Assistent, aber auch in finanzieller Hinsicht – und verscherzt sich damit die Unterstützung seiner Eltern. Deshalb führt er zunächst ein Leben als Bohemien und gründet mit Jacques Rivette und Eric Rohmer die "Gazette du cinéma", die allerdings nur fünf Ausgaben überlebt. Im Jahre 1952 wird er in den Kritikerstab der "Cahiers du cinéma" aufgenommen, aus deren Redaktion die Nouvelle Vague geboren wird, als die Filmkritiker der Zeitschrift ab Ende der 1950er beginnen, selbst Filme zu machen.

Während einer Reise durch Nord- und Südamerika, die Jean-Luc Godard mit seinem Vater unternimmt, versucht er sich zum erste Mal hinter der Kamera. Der Versuch schlägt fehl. Über den Bau eines Staudamms in der Schweiz, bei dem er aus finanziellen Gründen mitarbeitet, dreht er einen Dokumentarfilm: OPERATION BETON (1955). Seinen ersten Kurzfilm ALLE JUNGEN HEIßEN PATRICK (1957) realisiert der junge Filmemacher im Jahr 1957. Im Jahr darauf folgt ein zweiter: CHARLOTTE UND IHR KERL (1958), der eine Hommage an Jean Cocteau darstellt. Aus unbenutztem Filmmaterial von Francois Truffaut über eine Überschwemmung in Paris schneidet der Regisseur 1958 den Film EINE GESCHICHTE DES WASSERS (1958), der seinerseits eine Hommage an Mack Sennett darstellt.

Nach diesen Experimenten wagt der Regisseur sich an seinen ersten abendfüllenden Spielfilm. Er dreht AUßER ATEM (1959), einen der ersten Filme, der die Prinzipien der Nouvelle Vague umsetzt und mit den etablierten Konventionen filmischen Erzählens bricht. Bei der Kritik wie an der Kinokasse ist der Film ein voller Erfolg und macht seinen Hauptdarsteller Jean-Paul Belmondo über Nacht zum Star. Der Film handelt von einem Kleinkriminellen, der einen Polizisten erschießt und auf der Flucht Unterschlupf bei einer amerikanischen Studentin findet, die ihn letztendlich aber verrät. Die Bildsprache des Films ist revolutionär. Er wird größtenteils mit Handkamera gefilmt und lebt von rasanten Kameraschwenks und der Schnitttechnik des Jump-Cut, die der Regisseur für das Kino gangbar macht. Da der Film außerdem zu lang ist, muss Jean-Luc Godard über eine halbe Stunde kürzen, und macht da auch vor inhaltlich wichtigen Passagen keinen Halt. Das Ergebnis ist ein rauher, schneller Film ohne weiche Übergänge, der die Sehgewohnheiten der Zuschauer radikal vor den Kopf stößt. Das Spielfilmdebüt des jungen Regisseurs gewinnt einen Silbernen Bären auf der Berlinale 1960, außerdem den Prix Jean Vigo.

Ebenfalls im Jahre 1960 dreht Jean-Luc Godard DER KLEINE SOLDAT (1960), einen Film über die Verwüstungen des Krieges, den die Zensur in Frankreich zwei Jahre lang indiziert, bis der Filmemacher einige Änderungen an dem Film vornimmt. Mit DIE GESCHICHTE DER NANA S. (1962), einer Studie über die Verdinglichung des weiblichen Körpers, knüpft er an den kommerziellen Erfolg von AUßER ATEM (1959) an. Im Jahre 1963 beschäftigt sich der Filmemacher in DIE KARABINIERI (1963) erneut mit dem Krieg. Die Hommage an Jean Vigo wird ein kolossaler Mißerfolg beim Publikum und auch in der Kritik kontrovers diskutiert. Mit EINE VERHEIRATETE FRAU (1964), einem Essay über Wahrnehmungen und (Selbst-)Betrug, bekommt Jean-Luc Godard erneut Probleme mit der Zensur und muss eine scheinbar anrüchige Sonnenbadeszene entfernen und den Titel ändern, der zuerst als DIE VERHEIRATETE FRAU konzipiert ist. Die Zensur fürchtet jedoch, die unmoralische Figur aus dem Film könnte den Ruf der französischen Ehefrau gefährden und sich als Klischee durchsetzen.

Als einer der wichtigsten frühen Filme des Regisseurs darf DIE VERACHTUNG (1963) gelten, in dem sich der Regisseur mit seinem eigenen Metier kritisch auseinandersetzt. Der Film mit Brigitte Bardot, Michel Piccoli und Fritz Lang, der sich selbst spielt, legt die Verhältnisse offen, unter denen ein Kinofilm entsteht und erzählt von dem Druck, den Markt und Produzent auf den Künstler und sein Werk ausüben. Ironischerweise entsteht genau dieser Film unter ähnlichen Verhältnissen. Das Recht, den Roman von Alberto Moravio verfilmen zu dürfen, bekommt der Regisseur nur, da er Brigitte Bardot mit in das Projekt bringt, die unbedingt einen Film mit ihm drehen will. Im Nachhinein bestehen die Produzenten außerdem auf einer Nacktszene mit Brigitte Bardot, die Jean-Luc Godard nachliefert – nicht aber ohne seinen Verweigerung durchscheinen zu lassen, indem er die Szene bis an die Grenze zur Abstraktion verfremdet.

In ALPHAVILLE (1965) variiert der Regisseur das etablierte Kino-Image des Schauspielers Eddie Constantine und dessen Figur Lemmy Caution auf ironische Weise. Indem er die dystopische Science-Fiction-Geschichte im Paris des Jahres 1965 spielen läßt und keinerlei Effekte verwendet, um es futuristisch zu gestalten, reflektiert er die Probleme der dystopischen Zukunft der Geschichte auf das gegenwärtige Paris. Mit DIE AUßENSEITERBANDE (1964) und ELF UHR NACHTS (1965) dreht der Filmemacher zwei Balladen über das Abenteuer, jetzt zu leben. ELF UHR NACHTS (1965) gilt als ein Höhepunkt der Nouvelle Vague. Das urbane Roadmovie um ein Liebespaar, das der Gesellschaft entfliehen und sich rückhaltlos ins Leben stürzen will, kommt als kaleidoskopisches Spiel mit Erzählsituationen und Bildern, mit verschiedenen Genres und zahlreichen Anspielungen und Zitaten daher.

In MASKULIN – FEMININ ODER: DIE KINDER VON MARX UND COCA-COLA (1966) geht es um die Oberflächlichkeit der Konsumwelt und die Liebe in "Zeiten von James Bond und Vietnam", wie der Regisseur selbst sagt. Jean-Luc Godard bindet hier sehr zahlreich Elemente der konsumweltlichen Wirklichkeit in seinen Film ein, verwendet Filmschnipsel und Literaturzitate, läßt Wahlkampfreden und Chansons erklingen. Auch wenn die vorhergehenden Filme bereits mit diversen Konventionen des klassischen Erzählkinos brechen, basieren sie immerhin auf einer nacherzählbaren Handlung, sind im Ganzen kohärent. Mit MASKULIN – FEMININ ODER: DIE KINDER VON MARX UND COCA-COLA (1966) beginnt der Filmemacher auch diese in einem widerspenstigen Nebeneinander aufzulösen. Diese Ästhetik des Nebeneinander wird in MADE IN U.S.A (1966) auf die Spitze getrieben; der Film verweigert sich einer Ordnung, das Material ist nebeneinander gestelltes Fundstück, Zitat – und eine Narration läßt sich vergeblich suchen. In ZWEI ODER DREI DINGE, DIE ICH VON IHR WEIß (1966) erzählt der Autorenfilmer essayistisch und fragmentarisch über eine Pariser Mutter und Ehefrau, die als Gelegenheitsprostituierte arbeitet. Mehr und mehr hält eine erkenntnistheoretische Skepsis Einzug in die Filme des Regisseurs, der in seinen gebrochenen und widersprüchlichen Bildern die Brüche und Widersprüche der Realität wiederzugeben versucht.

Mit DIE CHINESIN (1967) beginnt der Regisseur, politische Filme zu machen. Der Film handelt von einer Gruppe Intellektueller, die Marx, Lenin und Mao zu Bezugspunkten ihres Lebens machen wollen, bleibt jedoch skeptisch, ob oder wie den Problemen der Realität politisch beizukommen wäre. Mit der Realität bürgerlicher Kultur selbst rechnet er in WEEK-END (1967) radikal ab. In einer apokalyptischen Zukunftsparabel läßt er die Bourgeoisie mitsamt all ihrer Kultur in Rauch aufgehen. Der Film handelt von einem jungen Paar, das sich aus reiner Profitgier auf den Weg macht, um die Eltern der Frau zu ermorden. Doch der "Wochenendausflug" wird zum bizarren Horrortrip durch eine Gesellschaft, in der alle Grundwerte über Bord gegangen sind. Am Ende sieht der Zuschauer die Frau, wie sie, gemeinsam mit Kannibalen, ihren Mann als Schweinefleisch-Eintopf verspeist. WEEK-END (1967) markiert nicht nur inhaltlich einen Wendepunkt in Jean-Luc Godards Schaffen. Der Filmemacher will das bürgerliche und kapitalistische Kino zerstören und untergraben. Zusammen mit Jean-Pierre Gorin gründet er die "Gruppe Dziga Vertov", die kollektiv arbeitet und die Auflösung des Filmischen so weit treibt, dass ihre Werke praktisch kein Publikum mehr finden.

Erst im Jahre 1980 kehrt Jean-Luc Godard mit RETTE SICH WER KANN (DAS LEBEN) (1979) ins Kino zurück. Der Film spielt mit sich kreuzenden und verlierenden Lebensfäden von Menschen auf der Suche nach dem Leben und dem, was nach dem Zusammenbruch der politischen Utopien der 1968er Glück sein kann. In den folgenden Filmen PASSION (1982), VORNAME CARMEN (1983) und MARIA UND JOSEPH (1985) setzt sich der Filmemacher mit alten Mythen bürgerlicher Kultur auseinander: der Passion künstlerischer Arbeit als Vorbild besserer gesellschaftlicher Praxis, der wahnsinnigen und zerstörerischen Liebe einer Carmen, sowie mit dem katholischen Mythos unbefleckter Empfängnis. Bewusst inszeniert er hier Impressionen der Schönheit – aber er versieht sie mit Skepsis. In VORNAME CARMEN (1983) tritt er selbst als wahnsinnig gewordener Regisseur auf, dem die Welt in ein Puzzle zerfällt, das er nicht wieder zusammen zu setzen vermag.

Im Jahre 1990 dreht Jean-Luc Godard den Film NOUVELLE VAGUE (1990), der ausschließlich aus Zitaten und Anspielungen besteht. Geräusche und Bilder, Musik und narrative Fragmente werden zum Material eines Films. Virtuos spielt das Werk mit Metamorphosen und Identitäten und bezieht sich ironisch auf die Filmbewegung, der er den Titel entlehnt. Nach dem Fall der Mauer realisiert der Regisseur den Film DEUTSCHLAND NEU(N) NULL (1991), der wiederum fragmentarisch ein weiteres Ende kommentiert: das des Sozialismus. Gleichzeitig ist der Film eine Hommage an deutsche Philosophie, Musik und Literatur. Im Jahre 1998 erscheint HISTOIRE(S) DU CINEMA (1998), an dem der Regisseur fast zehn Jahre gearbeitet hatte. Er läßt mit dem Film das Jahrhundert des Kino Revue passieren und verknüpft dessen Geschichte eng mit der Geschichte überhaupt, sei dies nun die politische oder auch die kulturelle, die Kunstgeschichte. Seine letzten Arbeiten wie ELOGE D'AMOUR (2001) oder NOTRE MUSIQUE (2004) sind erneut radikale Infragestellungen des Kinos, kommen aber bei uns in Deutschland schon lange nicht mehr in dasselbe. Lediglich auf Filmfestivals sind seine jüngsten Filme regelmäßig zu sehen.

Der Filmemacher heiratet 1961 Anna Karina, die in vielen seiner frühen Filme die weibliche Hauptrolle besetzt. 1967 läßt sich das Paar scheiden; noch im selben Jahr tritt Jean-Luc Godard ein weiteres Mal vor den Traualtar, diesmal mit Anna Wiazemsky, die die Hauptrolle in DIE CHINESIN (1967) spielt. Die zweite Ehe hält bis 1979. Seitdem lebt der Filmemacher mit der Regisseurin und Produzentin Anna-Marie Miéville zusammen.

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Autor: Mario Kaiser
Stand: März 2009

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