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Gerhard Scheumann

Gerhard Scheumann
Regie, Drehbuch, Sprecher

* 25. Dezember 1930
Ortelsburg (Ostpreußen)
Deutschland (heute Polen)
† 30. Mai 1998
Berlin
Deutschland

GERHARD SCHEUMANN • Biographie Seite 1/1

Gerhard Scheumann zählt gemeinsam mit seinem Regie-Partner Walter Heynowski zu den wichtigsten Dokumentarfilmern der DDR. In 25 Jahren entstehen mehr als 70 Dokumentarfilme, die zahlreich ausgezeichnet worden sind. Leitgedanke fast aller ihrer Filme ist die Auseinandersetzung mit dem Imperialismus auf der Welt. Durch ihren Erfolg haben sie bald eine priviligierte Stellung innerhalb der DDR-Dokumentaristen inne, verfügen über ein eigenes Studio. Neben allem Enthüllungsjournalismus, grober Polemik und ideologischer Propaganda zeichnen sich ihre Filme durch Engagement und Einfallsreichtum aus, die gepaart mit analytischer Schärfe auf zeithistorische Probleme verweisen. Dies bezeugen auch mehr als 40 Retrospektiven des Studios "H&S", die zwischen 1974 und 1989 auf der ganzen Welt laufen.

Gerhard Scheumann wird am 25. Dezember 1930 in Ortelsburg, Ostpreußen. Während der nationalsozialistischen Diktatur besucht er eine der Eliteschulen NaPoLa. Nach dem Ende des Krieges absolviert er 1949 sein Abitur in Nordhausen/Harz. In der Kreisredaktion der Zeitschrift "Thüringer Volk" beginnt er seine journalistische Tätigkeit. Hier macht er die Bekanntschaft mit Karl Gass, der ihn zum Wechseln nach Berlin veranlaßt. Gerhard Scheumann beginnt beim Berliner Rundfunk zu arbeiten, bis 1953 ist er dort als Reporter und Redakteur im Ressort Innen- und Wirtschaftspolitik beschäftigt. Seine Erfahrungen gibt er bis 1955 an der Fachschule für Rundfunkwesen in Weimar an seine jungen Studenten weiter. Von 1956 bis 1962 ist er als Redaktionsleiter Kulturpolitik und Wissenschaft beim Deutschlandsender tätig, kommentiert zahlreiche Sendungen.

1962 wechselt Gerhard Scheumann zum Deutschen Fernsehfunk nach Berlin-Adlershof. Hier arbeitet er zunächst als Redakteur im Abendprogramm. Mit der wöchentlichen Sendung "Gedanken um ein Bild", bei der er als Sprecher und später als Autor fungiert, macht er auf sich aufmerksam. Am 21. März 1963 läuft die erste Sendung von "Prisma" über den Bildschirm, ein innenpolitisches Magazin über Probleme in der DDR, welches Gerhard Scheumann initiiert hat, nun leitet und moderiert. Bis zum 30. September 1965 betreut er die Sendereihe, die bis zur Abwicklung des Deutschen Fernsehfunk 1990 Bestand hat und stets hohe Zuschauerzahlen verzeichnen kann. Er zieht sich aus dem Fernsehen zurück, als zu sehr politisch eingeschränkt erscheint ihm das System. Seine Kritik an der Medienpolitik des Staates faßt er in dem "Prisma-Testament" zusammen, welches er 1965 schreibt. Es sollte als Diskussionsgrundlage dienen, wird aber im Zuge des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED nicht weiter beachtet.

Seit 1965 arbeitet Gerhard Scheumann mit dem Dokumentarfilmer Walter Heynowski zusammen. Sie lernen sich bei den Dreharbeiten zu O.K. (1965) kennen, bei dem Gerhard Scheumann als Interviewer und Autor beschäftigt ist. Zwischen beiden entsteht eine enge, kreative Arbeitsbeziehung, deren Resultat mehr als 70 Filme sind, die mit vielen Auszeichnungen bedacht worden sind. In der Folge produziert und inszenieren beide zahlreiche Filme, wobei die von der "DEFA-Gruppe 11" produzierte Dokumentation DER LACHENDE MANN (1966) großen internationalen Erfolg verzeichnen konnte. Das Studiogespräch mit Major Müller, der sich im Kongo als Söldner besonders 'rühmlich' hervorgetan hat, gewinnt auf dem Internationalen Dokumentarfilmfest Leipzig den Sonderpreis der Jury. Mit dem Interviewfilm PILOTEN IM PYJAMA - 1. TEIL: YES, SIR (1968) beginnt eine vierteilige Reportage über Vietnam. Hier sprechen sie mit Piloten abgeschossener amerikanischer Bomber über ihre Aufträge und Einstellungen. Trotz aller eventuellen Wahrhaftigkeit in den Filmen, werden in vielen Fällen die Geschichten als Beweismittel benutzt, um die böse Welt des Kapitalismus zu charakterisieren. Kritiker werfen den Filmemachern vor, daß der Mensch hinter den Erzählungen die Filmemacher in den seltesten Fällen interessiert. Besonders kritisiert wird ihre Methode: Einige Male holen sie die Befragten unter Vortäuschung falscher Tatsachen vor die Kamera, in der Regel geben die Interviewer ihre DDR-Identität nicht preis, die politischen Gegner werden mit unlauteren Mitteln aufs Glatteis geführt oder in die Enge getrieben. So wirken ihre Filme heute wie Lehrstücke, in zweierlei Hinsicht: Sie enthüllen die Manipulierbarkeit der Bilder und sind zugleich selbst wirkungsvolle Agitation.

Die kreative Zusammenarbeit zwischen den zwei Publizisten gipfelt am 01. Mai 1969 in der Gründung des Heynowski & Scheumann-Studios, kurz "H & S", die als eigenständige künstlerische Arbeitsgruppe auftritt und - nicht gerade üblich in der zentralorganisierten Filmlandschaft der DDR - ihnen ein eigenes Signet erlaubt, das zur eigenständige Marke wird, die den DDR-Dokumentarfilm im Ausland besonders bekanntmacht. Zu dem Studio gehört neben dem Kameramann Peter Hellmich auch die Schnittmeisterin Waltraud Wischnewski, für die Musik zeichnen in vielen Fällen Reiner Bredemeyer und Siegfried Matthus verantwortlich, für Spezialaufnahmen Horst Donath und Walter Martsch. Produktionsleiter ist Mathias Remmert, der auch die Filme anderer Regisseure, die zeitweise unter dem Dach des Studios arbeiteten - wie Peter Voigt, Harry Hornig, Joop Huisken und Gert Prokop - organisatorisch betreut.

Die nationalen und internationalen Erfolge des Studios erzielen sie mit Werken wie dem Interviewfilm DER PRÄSIDENT IM EXIL (1969) mit Dr. W. Becher, dem Sprecher der Sudentendeutschen Landsmannschaft und Mitglied des Bundestages und mit dem Reportagefilm PSALM 18 (1974), in dem der chilenische Diktator Pinochet versucht, den Segen der Kirche zu erhalten. In den 70er Jahren sind es drei große Themen, mit denen sich das Filmteam beschäftigt, und die ihre "antiimperialistische Propaganda" in zahlreichen Kurz- und Langfilmen transportieren: Vietnam, Chile und Kampuchea. DER KRIEG DER MUMIEN (1974) schildert den Kampf kapitalistischer Konzerne gegen die Regierung von Salvadore Allende, ICH WAR, ICH BIN, ICH WERDE SEIN (1974) beschäftigt sich mit politischen Gefangenen in den Lagern der Pinochet-Diktatur und EL GOLPE BLANCO - DER WEIßE PUTSCH (1975) kritisiert die chilenische Oberschicht, die Allende nicht unterstützt hat. Nach dem Ende des Krieges in Vietnam dokumentieren sie den Neubeginn in dem Land. DIE TEUFELSINSEL - VIETNAM 1 (1976) erzählt von der Gefängnisinsel Con Son, in ICH BEREUE AUFRICHTIG - VIETNAM 3 (1977) stehen vier Offiziere vor der Kamera, Insassen eines Umerziehungslagers, die einen Blick auf ihr Leben werfen und in EIN VIETNAMFLÜCHTLING (1979) ist es ein ehemaliger General der südvietnamischen Polizei, der nun in den USA ein Restaurant betreibt. Anfang der 80er Jahre setzen sie sich mit dem Terrorregime Pol Pots in Kampuchea auseinander. Das Werk DIE ANGKAR (1981) zählt dabei zu ihren wichtigsten und überzeugensten Filmen überhaupt. Sie prangern in einprägsamen Bildern den Mord an Tausenden Menschen im Zentralen Vernichtungslager "S 21" an. Der Zuschauer blickt in die Gesichter der Verschleppten und Ermordeten während ihre Mörder ohne Schuldbewußtsein von der Erfüllung ihrer Pflicht reden. Ihre Filme gewinnen auf vielen Festivals Preise und Auszeichnungen. Besonders ihre Art der Enthüllung gepaart mit politischem Engagement und analytischer Schärfe wird zum damaligen Zeitpunkt gelobt. Aus heutiger Sicht wird ihnen Polemik, grobe Agitation und Ideologie vorgeworfen.

Am 24. September 1982 wird das Studio aufgelöst, wieder in das DEFA-Studio für Dokumentarfilme integriert. Auslöser ist eine kritische Rede, die Gerhard Scheumann 1982 auf dem IV. Kongreß des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden hält. Unter dem Titel "Dokumentarfilm im Spannungsfeld von Strategie und Taktik (Gedanken zur Selbstverständigung und zur Diskussion)" beanstandet er offen die Medien- und Informationspolitik der DDR. Seine Rede führt zu Konsequenzen: neben einer Auseinandersetzung in der Partei wird ihm der Reisepaß entzogen und er wird aufgefordert, als bereits desiginierter Jury-Präsident der 25. Internationalen Dokumentar- und Kurzfilmwoche in Leipzig zurückzutreten. Die Absicht der Zerschlagung der Künstlergemeinschaft Walter Heynowski / Gerhard Scheumann kann durch die Intervention des damaligen Präsidenten der Akademie der Künste, Manfred Wekwerth, verhindert werden, das Studio mußte allerdings seine Selbständigkeit und damit auch Sondervergünstigungen bezüglich finanzieller und technischer Mittel aufgeben.

Gerhard Scheumann arbeitet von 1983 bis 1991 weiter mit Walter Heynowski unter dem Dach des DEFA-Studios, wobei sich das Filmteam nach anfänglichen Problemen, etwa bei der Ausreise ins westliche Ausland, langsam wieder die alte bevorzugte Stelle erarbeitet und ab 1986 die Filme erneut mit dem Signet der "Werkstatt H & S" gezeichnet werden dürfen. Unter diesem Namen stellen sie von 1986 bis 1991 vierzehn Filme her, wobei KAMERAD KRÜGER (1988) einer ihrer erfolgreichsten ist. Sie porträtieren den in der Bundesrepublik lebenden, ehemaligen SS-Sturmbannführer Krüger und zeigen, wie attraktiv nationalsozialistisches Gedankengut immer noch ist. Das Thema beschäftigt sie auch in den Filmen DIE LÜGE UND DER TOD (1988), in dem sie – unter Mitarbeit von Stephan Hermelin – die Nazipropaganda zur Deportation der Juden in Deutschland thematisieren sowie DER MANN AN DER RAMPE (1989). Hier finden sie jenen Mann, der den Zugverkehr in Auschwitz organisierte und nun unbehelligt in der Bundesrepublik lebt. 1991 wurde die Werkstatt im Zuge der Auflösung der DEFA ebenfalls aufgelöst.

Neben seinen Filmarbeiten ist Gerhard Scheumann auch vielfach gesellschaftlich aktiv. Seit 1967 ist er Vorstandsmitglied des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR. Von 1972 bis 1977 fungiert er als Präsidiumsmitglied. 1988 tritt er aus dem Verband aus. Ordentliches Mitglied der Akademie der Künste der DDR ist er seit 1972. Hier wird er Sekretär der Sektion Darstellende Kunst von 1986 bis 1990. 1989 folgt er einem Ruf der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg und arbeitet als Professor.

Gerhard Scheumann stirbt am 30. Mai 1998 an Krebs in Berlin.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit der Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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