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Philippe Noiret

Philippe Noiret
* 01. Oktober 1930
Lille
Frankreich
† 23. November 2006
Paris
Frankreich

PHILIPPE NOIRET • Biographie Seite 1/1

Philippe Noiret vereinigt viele Nuancen in seinen Rollen: Er kann tapsig sein und doch Grazie ausstrahlen, sein Lächeln bringt Melancholie und Ironie zugleich hervor, der manchmal stoischer Gesichtsausdruck kann seinen Charme nicht verbergen, hinter der etwas schwerfälligen Erscheinung und scheinbaren Schläfrigkeit verbergen sich häufig gefährliche Brutalität und Schlauheit, aber auch großen Herzensbrecher-Qualitäten. Mit besonderer Bravour spielt der Schauspieler Film-Trottel, bei denen die Qual bis in allen Nervenenden zu spüren ist. Er wirkt in seiner mehr als 50-jährigen Karriere in zirka 150 Filmen mit, tritt zudem in zahlreichen Theater- und Kabarettstücken auf.

Philippe Noiret wird am 01. Oktober 1930 in Lille, Nordfrankreich geboren. An seiner Abiturprüfung scheitert er mehrere Male. Er geht nach Paris und versucht sich als Schauspieler. Ein Jahr lässt er sich bei Roger Blin ausbilden, beginnt danach als Darsteller an verschiedenen Theatern zu arbeiten, unter anderem am Centre Dramatique de l'Quest in Rennes. Er arbeitet mit Jean Vilar in dessen renommierten "Théâtre National Populaire" und erlangt dort erste größere Aufmerksamkeit. Sieben Jahre arbeitet er an dem Theater. Von Anbeginn seiner Karriere steht er allerdings nicht nur in Theaterstücken auf der Bühne, sondern macht sich auch als Kabarettist und Entertainer einen Namen. Er tritt in Café-Bars auf, wirkt auch in einigen Fernsehspielen mit. Nach seinen Filmerfolgen Mitte der 60er Jahre kehrt er dem Theater für viele Jahre den Rücken. Erst 1997 ist er wieder auf einer Theaterbühne zu sehen.

Mitte der 50er Jahre erhält der Schauspieler erste Rollen beim Film. Die Regisseurin Agnès Varda holt in erstmals vor die Kamera. Er spielt in dem dokumentarischen Spielfilm LA POINTE COURTE (1955) einen jungen Ehemann, der mit seiner Frau auf einem Heimaturlaub am Mittelmeer seine Eheprobleme bereinigen will. Erste Aufmerksamkeit erregt er mit der Rolle des liebenswert chaotischen Onkels Gabriel in ZAZIE (1960) von Louis Malle. Das junge Mädchen Zazie entdeckt 36 Stunden lang Paris, und der Zuschauer nicht nur die Großstadt, sondern auch eine Geschichte der Kinematographie. Danach ist der Darsteller in zahlreichen Nebenrollen zu sehen. Besonderen Erfolg feiert er mit der Hauptrolle in ALEXANDER, DER GLÜCKSELIGE TRÄUMER (1966) unter der Regie von Yves Robert. Er spielt einen liebenswerten Phlegmatiker, der sich fröhlich und philosophisch tiefschürfend dem Faulsein hingibt. Alfred Hitchcock holt in für den Spionagefilm TOPAS (1968) vor die Kamera. Aber besonders glänzen kann er in DAS GROSSE FRESSEN (1973) von Marco Ferreri. Neben Michel Piccoli, Marcello Mastroianni und Ugo Tognazzi ist er einer der vier Männer, die sich jedes Wochenende in eine Villa zurückziehen und sich einer nach dem anderen durch große Fresserei umbringen.

Neben Michel Piccoli und Michel Serrault gehört Philippe Noiret seit Mitte der 60er Jahre zu den meistbeschäftigsten Charakterdarstellern Frankreichs. Besonders häufig arbeitet er mit dem Regisseur Bertrand Tavernier zusammen. Als Charakterdarsteller überzeugt er einmal mehr in DER UHRMACHER VON SAINT-PAUL (1974). Er gibt einen rechtschaffenen Kleinbürger, der plötzlich damit konfrontiert wird, dass sein Sohn ein politischer Mörder ist. Nach anfänglicher Überraschung, Verzweiflung und Hilflosigkeit bis hin zur Entfremdung zwischen Vater und Sohn wächst er über sich hinaus und erklärt sich mit seinem Jungen solidarisch. Mit dem Regisseur, der Philippe Noiret als seinen bevorzugten Darsteller sieht, dreht er unter anderem auch die historische Komödie WENN DAS FEST BEGINNT (1974), in der er den lasterhaften, schwachen Staatschef Philippe von Orléans spielt. In dem Psychothriller DER RICHTER UND DER MÖRDER (1975) gibt er einen ehrgeizigen Untersuchungsrichter, der einen kranken Massenmörder zum Tode verurteilen will. FERIEN FÜR EINE WOCHE (1981) schildert den Alltag an einer Schule. Dem Kriminalfilm DER SAUSTALL (1981) berichtet von einem Zwischenfall in einer französischen Kolonie in Westafrika. Ein gedemütigter Polizist bringt seine Peiniger der Reihe nach um. In DAS LEBEN UND NICHTS ANDERES (1988) muss er sich als frustrierter Kommandant einer militärischen Einheit, die mit der Suche und Identifizierung von Kriegsopfern beauftragt ist, mit verschiedenen Formen der Vergangenheitsbewältigung beschäftigen.

Auch andere Regisseur nutzen das Potential des Darstellers. Unter der Regie von Robert Enrico spielt er in DAS ALTE GEWEHR (1975) den Chirurgen Dandieu, dessen Frau und Kinder von faschistischen Besatzern bestialisch ermordet worden sind. Im Sommer 1944 rächt er sich. Aus dem gesitteten, beherrschten Privatmann wird ein rigoroser Rächer, der zehn SS-Männer tötet. Dem Schauspieler gelingt es, den Akt der Zerstörung, der mit dem eigenen Tod endet, für den Zuschauer glaubhaft darzustellen. In der Kriminalkomödie DIE BESTECHLICHEN (1984) von Claude Zidi spielt er einen bestechlichen Pariser Polizisten, liebenswert und schlitzohrig, der mit den Ganoven seines Viertels kleinere Geschäfte macht. Noch 2003 kommt eine dritte Fortsetzung der Geschichte ins Kino. Mittlerweile ist Philippe Noiret als Polizist René Boirond pensioniert, hat aber trotzdem einige Schwierigkeiten mit der chinesischen Mafia.

Mit zahlreichen weiblichen französischen Stars steht der Schauspieler vor der Kamera, etwa Catherine Deneuve, Romy Schneider oder Simone Signoret. In der melancholisch-komödiantischen Romanze DAS SPÄTE MÄDCHEN (1971) von Jean-Pierre Blanc agiert er gemeinsam mit Annie Girardot auf der Leinwand. Die zwei Alleinstehenden, wirsch und spröde durch Erfahrung, scheuen die Berührung, wollen lieber allein sein und finden am Ende doch zueinander. Der Film überzeugt durch die zwei Darsteller: Beide sind gefangen in dem Wechselspiel von sich für einen anderen öffnen und sich in sein eigenes Schneckenhaus zurückziehen. Mehrfach wird er mit der Schauspielerin zu sehen sein. Besonders erfolgreich sind sie als Paar in EIN VERRÜCKTES HUHN (1977) und WER HAT JUPITERS PO GESTOHLEN?, beide unter der Regie von Philippe de Broca. Annie Girardot gibt eine schlagfertige Kriminalkommissarin, Philippe Noiret einen schrulligen Griechisch-Professor, der lieber studieren, statt das Leben genießen will.

Für seine Darstellung des Filmvorführers Alfredo in CINEMA PARADISO (1989) von Giuseppe Tornatore erhält er den Europäischen Filmpreis. Das Cinema Paradiso ist neben der Kirche der Mittelpunkt im Leben eines kleinen sizilianischen Dorfes. Der kleine Toto verbringt dort jede freie Minute und freundet sich mit Alfredo an, von dem er das Handwerk erlernt. Nach 30 Jahren kehrt er, mittlerweile ein bekannter Regisseur, in seinen Heimatort zurück und erinnert sich an seine Jugend. Der Film bietet mehr als nur eine kleine Story, er erzählt von der Geschichte des Kinos als Ort der Träume und Gefühle: vergnüglich und ironisch, rührend und nostalgisch, witzig und pointiert. Ähnlichen Erfolg feiert er in dem Film DER POSTMANN (1994) von Michael Radford. Als Pablo Neruda, der auf einer italienischen Insel im Exil lebt, schließt er Freundschaft mit seinem Postboten. Hier bewältigen die beiden Hauptdarsteller die Gratwanderung zwischen Gefühl und Kitsch in der Männerfreundschaft überzeugend.

Der Darsteller, der zweimal mit dem César, dem französischen Filmpreis ausgezeichnet wird, lebt in Paris und vor allem auf seinem Landsitz in der Nähe von Carcassonne. Er ist seit 1962 mit der Schauspielerin Monique Chaumette verheiratet. Beide haben eine gemeinsame Tochter.

Philippe Noiret stirbt am 23. November 2006 nach langer Krankheit in Paris.

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