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Evelyn Carow

Evelyn Carow
Schnitt

* 1931
Berlin
Deutschland

EVELYN CAROW • Biographie Seite 1/1

Evelyn Carow ist die wohl bedeutendste Schnittmeisterin der DEFA. Mit über 50 Filmen, die weit über die Grenzen der DDR Beachtung finden, hat sie die ostdeutsche Filmgeschichte mitgeprägt. Mit den bekanntesten Regisseuren der DEFA geht sie langjährige Arbeitsbeziehungen ein: Sie ist als Schnittmeisterin bei Gerhard Klein, Konrad Wolf, Frank Beyer und ihrem Ehemann Heiner Carow tätig. Die Schnittmeisterin versteht sich als Partnerin auf Augenhöhe, ist frühzeitig in den künstlerischen Arbeitsprozess eingebunden und bringt ihre Ideen ein. Filmarbeit ist für sie immer Teamarbeit.

Evelyn Carow ist 1931 in Berlin geboren. Während ihrer Kindheit singt sie im Kinderchor und spielt Theater. Schön früh will sie einen künstlerischen Beruf ergreifen, begeistert sich für den Film. Nach ihrer Schulausbildung beginnt Evelyn Carow 1949 eine Lehre im Kopierwerk. Nach Abschluss der Fachausbildung wird sie im März 1952 in der Farblicht¬bestimmung eingestellt und kurz darauf vom DEFA-Studio in Potsdam-Babelsberg als Schnittassistentin angefordert. Ihre ersten Projekte sind stumme Unterrichtsfilme über das Metalldrehen und -fräsen. Zunächst ist sie ab September 1952 im Studio für populär¬wissen¬schaftliche Filme, Abteilung Lehrfilm zugeteilt. An der Endfertigung von mehr als 15 Lehrfilmen ist sie beteiligt, setzt Blenden und Tricks ein, schneidet erste kleinere Filme selbst. Im Studio lernt sie ihren späteren Ehemann, den Regisseur Heiner Carow kennen, der hier ebenfalls erste Filme produziert und später im DEFA-Studio für Spielfilme arbeiten wird. Ihr erster gemeinsamer Film wird EIN SCHRITT WEITER (1953).

Im Januar 1953 wird das Studio für populärwissenschaftliche Filme mit dem Bereich Lehrfilm zusammengeschlossen. Hier werden auch Dokumentar- und Beiprogrammfilme hergestellt. Evelyn Carow wird Schnitt-Assistentin bei der Cutterin Putty E. Krafft, die seit den 30er Jahren zu den bekanntesten Schittmeisterinnen gehört. Sie hat unter anderem Filme von Gustaf Gründgens und Carl Boese geschnitten. Als jüngste in der Abteilung Schnitt wird Evelyn Carow gefördert, bis Ende des Jahres 1953 hat sie bereits an sechs Filmen mitgearbeitet. Im Dezember absolviert sie die Prüfung zur Schnittmeisterin mit Erfolg und wird ab 01. Januar 1954 als Schnittmeisterin angestellt. Bis Mitte 1956 arbeitet sie beim Studio für populärwissenschaftliche Filme. Die Themen ihrer kurzen Dokumentarfilme sind vielfältig: so geht es um Mode, eine Reise in den Harz oder das zerstörte Rostock. Bei dem Kurzfilm MARTINS TAGEBUCH (1956) von Heiner Carow macht das Filmteam erste Erfahrungen mit der Zensur: Es kommt zu umfangreichen Änderungsauflagen.

Den Wechsel zum DEFA-Studio für Spielfilme vollzieht Evelyn Carow im Sommer 1956. Der Regisseur Gerhard Klein ist auf sie aufmerksam geworden. Bei dem kurzen Dokumentarfilm ANZIEHENDES (1955) beweist sie ihre Experimentierfreude: statt die Modells immer vor- und zurückgehen zu lassen, hat sie aus dem Material eine Art Tanz montiert. Der Spielfilmregisseur engagiert sie für den Berlin-Film BERLIN ECKE SCHÖNHAUSER (1957), der wegen seiner realistischen Milieuschilderungen berühmt geworden ist. Noch mehrmals werden beide zusammen arbeiten: Die Schnittmeisterin versteht sich als Partnerin auf Augenhöhe, ist frühzeitig in den künstlerischen Arbeitsprozess eingebunden und bringt ihre Ideen ein. Filmarbeit ist für sie immer Teamarbeit. Nach dem Märchenfilm DIE GESCHICHTE DES ARMEN HASSAN (1958) und EIN SOMMERTAG MACHT KEINE LIEBE (1960) entsteht mit dem antifaschistische Streifen DER FALL GLEIWITZ (1961) ihre zweite gemeinsame Arbeit. Gerhard Klein, Wolfgang Kohlhaase und Günther Rücker erarbeiten das Drehbuch, der Kameramann Jan Curik findet eine kühle, geometrische Bildsprache, die die propagandistischen Prinzipien des Nationalsozialismus erlebbar machen soll, und Evelyn Carow schneidet nach ihrem rhythmischen Gefühl. Der Film beeindruckt durch seine experimentelle Form und gilt heute als eines der wichtigsten Werke antifaschistischer Kunst. Alle weiteren Filme von Gerhard Klein schneidet ebenfalls Evelyn Carow. Dabei kommt es auch zu Enttäuschungen: Der Film BERLIN UM DIE ECKE (1965) wird verboten. Das Filmteam hat vielfach experimentiert. Es gibt kaum eine dramaturgische Handlung, lose sind die Szenen miteinander verknüpft, reportagehaft wird die Geschichte erzählt. Nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED wird die Arbeit an dem Film, der sich im Zustand des Rohschnitts befindet, unterbrochen. Ihm wird eine zu kritische Haltung im Generationskonflikt attestiert, Pessimismus und Subjektivismus vorgeworfen. Erst 1990 kommt er in die Kinos.

Eine weitere Arbeitspartnerschaft verbindet die Cutterin mit dem Regisseur Konrad Wolf. Ihr erster gemeinsamer Film wird ICH WAR NEUNZEHN (1968), den autobiografischen und persönlichsten Film des Regisseurs. Später entsteht in gemeinsamer Arbeit DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ (1974), der sich mit einem Künstler beschäftigt und mit der Geschichte sowie den Bildern leise, stille Töne anschlägt. Einer ihrer größten Erfolge wird SOLO SUNNY (1980), der durch ausgefeilte Charakterzeichnung und realistische Stimmung national wie international überzeugt. Auch mit Regisseur Frank Beyer arbeitet Evelyn Carow mehrfach zusammen. Ihre Zusammenarbeit beginnt mit FÜNF PATRONENHÜLSEN (1960), eine dramatische Geschichte von fünf Soldaten der Internationalen Brigade im Spanienkrieg. Ihr nächster Film SPUR DER STEINE (1965) wird im Zuge des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED verboten. Nach dem Fall der Mauer 1989 kommt der Film endlich zum Einsatz und wird zum Publikumserfolg, gleichwohl zum Synonym für die "Verbotenen Filme der DEFA".

Seit 1955 schneidet Evelyn Carow ausnahmslos die Filme ihres Ehemannes Heiner Carow. Auch hier stehen künstlerischer Erfolg und Enttäuschung eng beieinander. Ihr wohl größter Erfolg wird der Film DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1973), einer der erfolgreichsten DEFA-Filme überhaupt. Dem Filmteam gelingt ein unterhaltsamer, komisch wie tragischer Film, der soziale Wirklichkeit und poetischen Traum gekonnt miteinander verbindet. Die größte Enttäuschung wird das Werk DIE RUSSEN KOMMEN (1968), ein Film über einen 15-jährigen Hitlerjungen, der gegen Ende des Krieges in die Ermordung eines Russen verstrickt ist. Das Filmteam schildert das traumatische Erlebnis des Jungen in expressiven Bildern sowie mit einer dynamischen und zugleich verlangsamenden Montage. Optisch ausgefeilte Visionen und Traumsequenzen zeugen von der experimentellen Kraft des Teams, bringen ihre konsequent subjektive Erzählweise zum Ausdruck. Der Film kommt allerdings erst 20 Jahre später in die Kinos. Dass er überhaupt erhalten geblieben ist, ist maßgeblich Evelyn Carow zu verdanken. Nachdem der Streifen von der Hauptverwaltung Film im Januar 1968 zerstückelt ins Studio zurückkommt, hat die Schnittmeisterin ihn mühselig neu montiert und zur späteren Weiterarbeit eine Kopie ziehen lassen. 1970 entsteht unter massiven Druck seitens der Hauptverwaltung Film und der DEFA-Studioleitung das Werk KARRIERE (1970), in dem Material aus DIE RUSSEN KOMMEN (1968) benutzt wird. Beim Regisseur findet KARRIERE (1970) später keine Gnade. Erst 1987 gelangt DIE RUSSEN KOMMEN (1968) in einer restaurieren Fassung in die Kinos.

Die letzten Arbeiten der Schnittmeisterin sind auch die letzten Filme der DEFA. 2005 wird sie vom Forum für Filmschnitt und Montagekunst für ihre Leistungen um den Deutschen Film mit dem Schnitt Preis ausgezeichnet.

Evelyn Carow ist seit 1954 mit dem Regisseur Heiner Carow verheiratet. Sie haben zwei gemeinsame Kinder. Ihr Ehemann stirbt am 31. Januar 1997. Evelyn Carow lebt in Potsdam.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit der Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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