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Kurt Tetzlaff

Kurt Tetzlaff
Regie, Drehbuch

* 22. Februar 1933
Tempelburg (heute Czaplinek)
Deutschland (heute Polen)

KURT TETZLAFF • Biographie Seite 1/1

Kurt Tetzlaff hat mehr als 50 Filme gedreht, davon ca. 40 beim DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Als Dokumentarfilmer treibt ihn die Neugierde, immer wieder interessiert er sich für Menschen, Landschaften und gesellschaftliche Umbrüche. In seinen gelungensten Filmen gelingt ihm die Kunst, so zu beobachten, daß die Dinge selbst sichtbar und sie so für den Zuschauer durchschaubar werden.

Kurt Tetzlaff wird am 22. Februar 1933 in Tempelburg in Pommern (heute Czaplinek, Polen) geboren. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges begibt sich seine Familie auf einen Flüchtlingstreck und wandert bis Querfurt. Hier absolviert Kurt Tetzlaff 1952 sein Abitur. Einer seiner Lehrer ist Fritz Gebhardt, der sich später als Autor und Regisseur im DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme einen Namen machen wird. Kurt Tetzlaff folgt ihm und wird von 1952 bis 1955 als Dramaturgie-Assistent und später als Dramaturg im selbigen Studio tätig. Er wird zum Studium delegiert. Von 1955 bis 1960 studiert er Regie an der Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. Sein Studentenfilm AUF DEM BAHNSTEIG (1957) orientiert sich am italienischen Neorealismus, gerät bei den Verantwortlichen der Hochschule in Mißkredit und ist zugleich einer der ersten Filme der Filmschule, der einen internationalen Preis zugesprochen bekommt.

Nach dem Studium wird Kurt Tetzlaff Regisseur im DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme. 1969 wird das Studio zum DEFA-Studio für Kurzfilme und später mit dem Berliner Studio zum DEFA-Studio für Dokumentarfilme zusammengelegt. Bis 1990 ist Kurt Tetzlaff hier beschäftigt und dreht mehr als 50 Filme. Einer seiner ersten Filme wird der mit ausgezeichnetem Bildmaterial versehene IM JANUAR 63 (1963) über den Braunkohletagebau. Bevor die Dreharbeiten stattfinden, arbeitet das Filmteam drei Wochen vor Ort mit, lebt mit den Arbeitern, stellt eine sinnliche Beziehung zu dem her, was es erzählen will. Dabei gelingen realistische Szenen vom Arbeiterleben. Diese Art der Herangehensweise wählt Kurt Tetzlaff oft, um eine emotionale Beziehung mit seinem Gegenstand einzugehen. Für den Film ALLTAG EINES ABENTEUERS (1976), welcher den Bau der Erdöl-Trasse zum Thema hat, lebt und arbeitet das Filmteam ein halbes Jahr mit den Kumpels zusammen. Aus dem umfangreichen Material entsteht BEGEGNUNGEN AN DER TRASSE (1976). Beide Filme fangen die schweren Arbeitsbedingungen, die Beziehungen zwischen den Deutschen und Russen ein. Mit Fischer der Insel Rügen wohnt das Filmteam in Vorbereitung von DIE DREI ANDEREN JAHRESZEITEN (1980) ebenfalls mehrere Wochen gemeinsam auf der Insel.

Auftragsfilme gehören wie bei vielen DEFA-Dokumentaristen zum Werk, ebenso bei Kurt Tetzlaff. Dazu zählt unter anderem der Zweiteiler IM AUFTRAG DER KLASSE (1971) zum 25. Jahrestag der Gründung der SED. In der Dokumentation montiert das Filmteam Archivmaterial, um die zentrale Macht der Partei in allen gesellschaftlichen Bereichen zu verdeutlichen. Alle kritischen Passagen der Partei werden ausgeblendet. Unter anderem wird über den ersten Neuerer der Republik berichtet, über den Initiator der Aktivistenbewegung Adolf Hennecke, zahlreich sind die Auftritte der politischen Verantwortlichen des Landes. Im Auftrag des FDJ-Zentralrat stellt er den Film AUF BALD IN BERLIN (1973) her, bei dem die Vorbereitung auf die X. Weltfestspiele in Berlin gezeigt werden. 13 Jahre später dreht Kurt Tetzlaff einen Film über Ernst Thälmann. IM JAHR 1932 - DER ROTE KANDIDAT (1986) ist bemüht, die politischen Ereignisse und den Menschen Ernst Thälmann differenziert darzustellen.

Künstlerporträts werden eines seiner bevorzugten Genres im Dokumentarfilmbereich. Das Porträt über Käthe Kollwitz SAATFRüCHTE SOLLEN NICHT VERMAHLEN WERDEN (1967) wird viel beachtet. Brief- und Tagebuch-Zitate beschreiben die Entstehung des Anti-Kriegs-Denkmal der Künstlerin. Später dreht er das Künstlerporträt ER HAT VORSCHLÄGE GEMACHT (1978) zum 80. Geburtstag von Bertolt Brecht. Der Regisseur schildert das Leben und den künstlerischen Werdegang des Dichters, bedient sich dabei auch dessen dialektischer Methode. Mit Bertolt Brecht beschäftigt sich Kurt Tetzlaff auch weiter. In DIE PFLAUMENBäUME SIND WOHL ABGEHAUEN (1978) interviewt er Marie Rose Aman, eine Jugendfreundin Brechts, der ihr ein Gedicht widmet. Die nunmehr 80-jährige Frau bietet dabei vor der Kamera einen etwas anderen Blick auf den großen Dichter. ...UND SIE BEWEGT SICH DOCH (1980) schildert die Entstehung des Bühnenstücks "Galilei". Später folgen Porträts für das Fernsehen der DDR über den Schauspieler Erwin Geschonneck und den amerikanischen Sänger Paul Robeson.

Eine seiner frühen Arbeiten ES GENÜGT NICHT, ACHTZEHN ZU SEIN (1964) wird von der Hauptverwaltung Film nicht zugelassen und verschwinden für 25 Jahre in den Tresoren. Erzählt wird von einer Jugendbrigade aus Grimmen, die in Mecklenburg nach Erdöl bohrt. Zu offen und ungeschminkt werden hier die Probleme und Sorgen der Jugendlichen angesprochen. Ähnliches Problembewußtsein - mit Aufführungsrecht - zeigt sich in anderen Filmen des Regisseurs. Einen Berliner Jungen porträtiert er in PAULE - PORTRäT EINES JUNGEN (1969). Der Regisseur gibt den 10-jährigen die Gelegenheit, seine Sicht der Welt mit eigenen Worten zu schildern. Ein weiteres sensibles Porträt legt er mit ICH WERDE ARTIST (1977) vor. Hier beobachtet er ein Mädchen, wie es einen Salto lernt. Nach unzähligen mißglückten Versuchen, schafft sie ihn. Die Glückwünsche ihrer Lehrer und Mitschüler nimmt sie freudig entgegen, danach mißlingt der Sprung wieder. Beide Filme zeichnet eine Intensität aus, die sich aus der vertrauensvollen Nähe des Regisseurs zu seinen Protagonisten ergibt. Ähnliches gelingt Kurt Tetzlaff in DIALOG MIT EINEM BAUERN (1984). Porträtiert wird der Vorsitzende einer LPG, sein scheinbar gradliniger Werdegang. Aber die Filmemacher scheuen sich nicht, Widersprüche auf die Leinwand zu bannen, etwa die Frau des Vorsitzenden, die mit ihren Problemen häufig allein gelassen wird. So bodenständig wie der Mann, der porträtiert wird, ist auch die Dokumentation - widerspruchsvoll und emotional.

Einmal wagt sich der Dokumentarist in den Spielfilmbereich. Er inszeniert LOOPING (1975), die Geschichte um den 30-jährigen Biene (gespielt von Hans-Gerd Sonnenburg), einem Draufgänger, der durch einen Unfall am Karbidofen aus seiner Unbekümmertheit gerissen wird. Er soll für die Explosion und den Tod eines Kollegen verantwortlich sein. Nach einer nochmaligen Überprüfung stellt sich heraus, daß es sich nicht um menschliches Versagen handelt. Der Film entsteht in den Chemischen Werken BUNA.

Über mehrere Jahre hinweg kehrt Kurt Tetzlaff in das Braunkohlegebiet zurück. Er beobachtet die Menschen in den zum Abriß freigegebenen Gemeinden. Vier Jahre dauert die Arbeit an dem Film ERINNERUNG AN EINE LANDSCHAFT - FÜR MANUELA (1983). Die Menschen reden offen über ihre Ängste und Hoffnungen, beschreiben die Opfer, die sie für die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Staates erbringen müssen. Die Langzeitdokumentation ist künstlerisch wie inhaltlich bemerkenswert. Sie scheut sich nicht, die Politik der DDR-Führung zu kritisieren, leise zwar, aber unüberhörbar. Wie auch andere bekannte Regisseure der DEFA arbeitet Kurt Tetzlaff mit einem festen Team. Dazu gehört unter anderem der Kameramann Karl Farber, der hier aussagekräftige Bilder für den Verlust von Natur und Leben findet.

Im März 1989 beginnt Kurt Tetzlaff mit Dreharbeiten für IM DURCHGANG - PROTOKOLL FüR DAS GEDäCHTNIS (1990). Er will eine Potsdamer Schulklasse beobachten, wie sie ein Bühnenstück von Michael Schatrow einstudieren. Aus dem Gruppenporträt wird ein einzelnes: der Pfarrerssohn Alexander wird herausgehoben, seine Aussagen stehen symptomatisch für eine bevormundete Generation. Die Dokumentation gehört zu den ersten, die sich endlich systemkritisch zur DDR äußern. Zugleich ist es eine der letzten ihrer Art, da das Land schon bald nicht mehr existiert. Mit IM ÜBERGANG - PROTOKOLL EINER HOFFNUNG (1991) setzt der Regisseur sein Projekt fort, persönliche Erfahrungen und Reflektionen eines Jugendlichen untermalen das Jahr des Übergangs in das wiedervereinigte Deutschland. Aus Euphorie ist Resignation geworden, wirklich bestimmen kann Alexander nicht.

Wie viele seiner Kollegen muß Kurt Tetzlaff nach dem Zusammenbruch der DDR und der Abwicklung der DEFA im gesamtdeutschen Film Fuß fassen. Es gelingt ihm, die Tradition der DEFA fortzusetzen. Filme wie DIE GARNISONKIRCHE - PROTOKOLL EINER ZERSTÖRUNG (1992) oder BIS DIE RUSSEN KAMEN - KRIEGSENDE IN MITTELDEUTSCHLAND (1995) beweisen das. Neben seiner Filmarbeit ist Kurt Tetzlaff Dozent an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg. Von 1964 bis 1969 unterrichtet er. 1977 wird er Vorsitzender des Künstlerischen Rates des DEFA-Studios für Dokumentarfilme. Von 1973 bis 1984 ist er Mitglied des Komitees der Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche. Bei diesem Festival hat er für seine Filme auch zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Kurt Tetzlaff wohnt mit seiner Familie in Groß Glienicke, in der Nähe von Potsdam.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit der Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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