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Agnes Jaoui

Agnes Jaoui
Regie, Drehbuch, Darsteller

* 19. Oktober 1964
Antony
Frankreich
andere Namen Agnès Jaoui

AGNES JAOUI • Biographie Seite 1/1

Agnes Jaoui ist derzeit eine der erfolgreichsten Frauen im französischen Filmgeschäft. Sie ist zugleich Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin. Berühmt ist sie für ihre brillanten Drehbücher zu melancholischen und gesellschaftskritischen Komödien, die sie allesamt mit ihrem Lebensgefährten, dem Schauspieler Jean-Pierre Bacri, schreibt. Zusammen kann das Paar nach nur sechs gemeinsamen Drehbüchern bereits eine Sammlung von vier gewonnenen "Césars" vorweisen. In Frankreich wird dieses Duo "Les Jabacs" genannt. Aber auch als Schauspielerin und Regisseurin gehört Agnes Jaoui zur ersten Riege.

Agnes Jaoui ist am 19. Oktober 1964 in Antony in der Pariser Umgebung geboren. Sie stammt aus einer jüdisch-tunesischen Familie. Ihr Vater ist Marketing-Berater, ihre Mutter Psychotherapeutin und ihr Bruder Laurent Jaoui arbeitet als Regisseur für Fernsehfilme. Nach ihrem Abitur studiert sie bis 1984 Literatur. Dann nimmt sie, nachdem sie mit LE FAUCON (1983) von Paul Boujenah schon erste Filmerfahrungen gesammelt hat, Schauspielunterricht im "Théâtre des Amandiers" in Nanterre unter der Leitung des berühmten Film- und Theaterregisseurs Patrice Chereau. Obwohl sie 1987 in dessen Ensemble-Film HOTEL DE FRANCE (1987) spielen darf, fühlt sie sich dort nicht wohl. Das herrschende Gruppengefühl kommt ihr sektenähnlich vor. Diese Erfahrung in einer geschlossenen Künstlertruppe wird ihr später beim Schreiben ihrer Drehbücher noch nützlich sein.

Privat und beruflich aufwärts geht es, als sie 1987 bei der Arbeit an einer Aufführung von Harold Pinters "Die Geburtstagsfeier" den Schauspieler Jean-Pierre Bacri kennen lernt. Die beiden werden ein Paar. Da auch Jean-Pierre Bacri mit seiner Schauspielkarriere nicht zufrieden ist, beschließen sie sich selbst ihre Rollen zu schreiben. Zunächst schreiben sie "Cuisine et dépendences" noch für das Theater, die Bühneninszenierung wird ein großer Erfolg und monatelang aufgeführt. Zusammen mit dem Regisseur Philippe Muyl adaptieren sie das Stück fürs Kino, wo CUISINE ET DEPENDANCES (1993) ("Küche und Abhängigkeiten"), mit dem Autorenpaar besetzt, ebenfalls ein Erfolg wird. Der Film beschreibt, wie alte Freundschaften nach Jahren aufgrund von Erfolg und Neid zerbrechen können.

Für den Regie-Altmeister Alain Resnais adaptieren Agnes Jaoui und Jean-Pierre Bacri die Theaterstückreihe "Intimate Exchanges" von Alan Ayckbourn. Es werden zwei Filme, die parallel zueinander stehen. Für die Arbeit an SMOKING / NO SMOKING (1993) erhalten sie zum ersten Mal einen "César" für das beste Drehbuch. Die zwei Filme erzählen das Leben einiger Protagonisten in verschiedenen Variationen. Gewisse Entscheidungen verändern die Handlung, so dass es zu mehreren Enden kommt. Die Zufälligkeit und Willkürlichkeit des Lebens kommt dabei zum Ausdruck. Es ist bisher die einzige Arbeit des Duos, in der sie nicht selbst auftreten, alle neun Figuren werden von Sabine Azema und Pierre Arditi gespielt.

Neben ihren filmischen Arbeiten können Agnes Jaoui und Jean-Pierre Bacri nochmals einen Theaterhit verbuchen. "Un air de famille" ("Ein Anschein von Familie") mit ihnen selbst besetzt erhält wie schon "Cuisine et dépendences" einen "Molière", den französischen Theaterpreis. Auch dieses Stück wird mit der Beteiligung des Duos an Drehbuch und Besetzung verfilmt. TYPISCH FAMILIE! (1996) ("Un air de famille") unter der Regie von Cedric Klapisch wird ihr bis dahin größter Erfolg. Das tragikomische Familientreffen, bei dem sich herausstellt, dass die Familie nicht so friedlich vereint ist wie gedacht, lockt über zwei Millionen Zuschauer in die Kinos und wird mit den "Césars" für das beste Drehbuch und die besten Nebendarsteller (Jean-Pierre Darroussin und Catherine Frot, nicht Agnes Jaoui, die ebenfalls nominiert ist) ausgezeichnet.

Von nun an bleiben Agnes Jaoui und Jean-Pierre Bacri auf der Erfolgsspur. Sie schreiben wieder ein Drehbuch für Alain Resnais: DAS LEBEN IST EIN CHANSON (1997) ("On connaît la chanson"), ein Musical, in dem die Schauspieler nicht selbst singen, sondern zum Playback französischer Hits des ganzen 20. Jahrhunderts agieren. Diese untermalen auf komödiantische Weise die sehr ernsten Reflexionen über das Heuchlertum und den Schein in unserer Gesellschaft. Wieder werden sie mit Preisen überschüttet, darunter dem Drehbuch-"César", den sie sich als Vorjahressieger selbst überreichen müssen und den beiden Nebendarsteller-"Césars". Agnes Jaoui spielt hier eine depressive Langzeitstudentin und Fremdenführerin, der alles über den Kopf wächst als sie ihre Doktorarbeit vorbereitet und merkt, dass sie sich in den falschen Mann verliebt.

Neben ihren Tätigkeiten zusammen mit Jean-Pierre Bacri etabliert sich Agnes Jaoui auch zunehmend als Schauspielerin in Filmen anderer Regisseure. Dabei stellt sie ihr dramatisches Talent stets unter Beweis. In UNE FEMME D'EXTERIEUR (2000) ("Eine Frau von außerhalb") von Christophe Blanc spielt sie eine Frau, die nach ihrer Scheidung anfängt Neues im Leben auszuprobieren, wobei sie damit ihre Kinder vernachlässigt. 24 HEURES DE LA VIE D'UNE FEMME (2002) ("24 Stunden aus dem Leben einer Frau") von Laurent Bouhnik ist die Verfilmung eines Stefan Zweig-Romans. In LE ROLE DE SA VIE (2004) ("Die Rolle ihres Lebens") von François Favrat spielt sie neben Karin Viard einen Filmstar, der die Freundschaft zu einer Assistentin ausnutzt. LA MAISON DE NINA (2005) ("Ninas Haus") von Richard Dembo erzählt von einem Waisenhaus nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ein weiterer großer Schritt in Agnes Jaouis filmischer Entwicklung stellt LUST AUF ANDERES (2000) ("Le goût des autres") dar. Wie üblich sind Agnes Jaoui und Jean-Pierre Bacri die Autoren und Teil des Ensembles, zudem führt sie hier zum ersten Mal selbst Regie. Dies gelingt ihr vortrefflich, es wird ihr bisher größter Erfolg überhaupt: "César" für den besten Film, das beste Drehbuch und die besten Nebendarsteller (Anne Alvaro und Gérard Lanvin) und Nominierungen unter anderem in den Kategorien Regie und Nebendarstellerin (beides Agnes Jaoui). Dazu kommt noch der Europäische Filmpreis für das beste Drehbuch und eine "Oscar"-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film. Mit 3,8 Millionen Zuschauern allein in Frankreich wird der Film zum Kassenschlager. Das Thema ist der Konflikt zwischen den Milieus, wobei bemerkenswert ist, dass die Künstler Agnes Jaoui und Jean-Pierre Bacri das Künstlermilieu im Vergleich zum "Spießermilieu" erstaunlich schlecht wegkommen lassen.

Mit SCHAU MICH AN! (2004) ("Comme une image") konnte Agnes Jaoui auf dem Filmfestival von Cannes die Erwartungen bestätigen, die LUST AUF ANDERES (2000) geschürt hatte. Wieder gelingt dem Duo eine bitter-süße Komödie über die Lügen in der Gesellschaft. Der Film dreht sich um einen selbstherrlichen Schriftsteller und dessen vernachlässigter Tochter, die durch Gesang echte Anerkennung erreichen will. Scheinbar jedoch interessiert sich alle Welt nur für ihren Vater. Hier zeigt sich, wie auch schon in ihren anderen Drehbüchern, dass sie mit den durchdachten Geschichten und feinen Dialogen den Vergleich zu ihrem Idol Woody Allen nicht scheuen muss. Für das Drehbuch gibt es den Europäischen Filmpreis und den Drehbuch-Preis von Cannes.

Agnes Jaoui wird für ihre künstlerische Leistung geachtet, doch sie verdient ebenso Respekt für ihr politisches Engagement. Bei der "César"-Verleihung 2004 spricht sie den französischen Kulturminister direkt an und kritisiert die neuen Gesetze der Regierung hinsichtlich der Beschäftigten im Bereich Kultur. Die müssen in der Regel mit Zeitverträgen ihren Lebensunterhalt sichern. Sie lässt es sich auch nicht nehmen den großen Einfluss der Amerikaner auf den internationalen Filmverleihmarkt anzuprangern. Agnes Jaoui hat den Ruf einer linken Intellektuellen, die sich nicht nur auf Parolen beschränkt, sondern auf intelligente Weise Problematiken anspricht.

Agnes Jaoui lebt zusammen mit Jean-Pierre Bacri.


Pierre Protz, 19.01.2006

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