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Siegfried Kühn

Siegfried Kühn
Regie, Drehbuch, Darsteller

* 14. März 1935
Breslau (heute Wroslaw)
Deutschland (heute Polen)

SIEGFRIED KÜHN • Biographie Seite 1/1

Der Regisseur und Drehbuchautor Siegfried Kühn inszeniert in zwanzig Jahren beim DEFA-Studio für Spielfilme zwölf Spielfilme. Mit der liebenvollen Komödie DAS ZWEITE LEBEN DES FRIEDRICH WILHELM GEORG PLATOW (1973) inszeniert er einen der interessantesten Filme der Zeit, der auch heute noch überzeugt. Nach seiner öffentlichen Parteinahme für die polnische Solidarnosc-Bewegung wird er seitens der politischen Verantwortlichen beobachtet.

Siegfried Kühn wird am 14. März 1935 in Breslau geboren. Er wächst bei seinen Großeltern in Ölschen (Schlesien) auf. Als die Familie im Frühjahr 1945 das Land verlassen muß, geht sie in den westlich Teil Berlins. 1950 zieht sie nach Ost-Berlin. Mit 15 Jahren beginnt Siegfried Kühn im Bergbau zu arbeiten. Bis 1958 wird er in diesem Bereich tätig sein, absolviert zwischen 1952 bis 1955 eine Ausbildung zum Bergbau-Ingenieur.

1958 beginnt Siegfried Kühn an der Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg ein Regie-Studium. Nach einem Jahr studiert er an der Moskauer Filmhochschule (WGIK). Er lernt bei dem Regisseur Sergej A. Gerassimow, der unter anderem mit dem Monumentalfilm DER STILLE DON (1957) erfolgreich ist. Während des Studiums beschäftigt er sich intensiv in Studentenaufführungen mit Bertolt Brecht. 1964 schließt er mit dem Diplom ab und bleibt zunächst in Moskau. In den Studios der Mosfilm dreht er den Film SIE KOMMEN NICHT DURCH (1965). Am Satirikon-Theater inszeniert er das Stück "Der Prozeß Richard Waverly" von Rolf Schneider.

1966 kehrt Siegfried Kühn in die DDR zurück. Zunächst arbeitet er am Deutschen Theater in Berlin unter dem Regisseur und Theaterleiter Benno Besson als Aspirant, bis er 1967 seinen ersten Dokumentarfilm vorlegt. DAS ROTE PLAKAT (1967). Der Film kommt erst 1973 in die Kinos. Danach ist er im DEFA-Studio für Spielfilme angestellt, arbeitet als Regie-Assistent von Günter Reisch bei dessen Komödie JUNGFER, SIE GEFÄLLT MIR (1968) mit.

Der erste Film des Regisseurs ist IM SPANNUNGSFELD (1970). Erzählt wird vom Mathematiker Dr. Jochen Bernhardt, der mit der Einführung der EDV in einem Werk beauftragt wird. Er setzt sich für Veränderungen im Arbeitsprozeß ein, die zu mehr Effektivität führen sollen. Dadurch werden Auseinandersetzungen und Diskussionen mit den Arbeitern hervorgerufen, es kommt zu Kündigungen. Am Ende setzt ein Prozeß des Umdenkens ein. Das Werk reiht sich in die damals aktuelle Thematik "Der Mensch in der wissenschaftlich-technischen Revolution" ein, zu der auch Filme wie NETZWERK (1969) von Ralf Kirsten oder ZEIT ZU LEBEN (1969) von Horst Seemann zählen. Auch in seinem nächsten Film inszeniert Siegfried Kühn mit ZEIT DER STÖRCHE (1971) wieder einen Gegenwartsstoff, den er aber mehr auf der privaten und intimen Ebene ansiedelt. Während eines kurzen Urlaubs lernen sich eine Lehrerin und ein Ölbohr-Arbeiter kennen und lieben. Die Begegnung mit einem ungewöhnlichen Menschen animiert sie zum Ausbruch aus ihren gelebten Konventionen. Mit Heidemarie Wenzel und Winfried Glatzeder (in seiner ersten Filmrolle) ist der Film glänzend besetzt und hat Erfolg beim Publikum.

Mit seinem nächsten Werk dreht der Regisseur einen der wichtigsten Filme der Zeit: DAS ZWEITE LEBEN DES FRIEDRICH WILHELM GEORG PLATOW (1973). Geschildert wird die Geschichte des 57jährigen Bahnwärters Platow, der überflüssig wird, weil sein Streckenabschnitt elektrifiziert wird. Aber Platow will sich nicht zur Ruhe setzen. Anstelle seines Sohnes besucht er einen Weiterbildungslehrgang und beweist den Jüngeren, daß er durchaus in der Lage ist, Neues zu verstehen und umzusetzen. Der Film blickt in zärtlicher Komik auf Platow, ist überaus menschlich und anrührend inszeniert. Der Schauspieler Fritz Marquardt ist die ideale Besetzung, verhalten und verschmitzt spielt er den Platow. Der Kameramann Roland Dressel findet pointierte Bilder. Der Film zählt zu den interessantesten Werken des Regisseurs und ist eine der besten Komödien der DEFA. Zu einer Premierenfeier kommt es allerdings nicht. Premieren wie Rezensionen sind nicht erwünscht. Grund mögen die kritischen Töne und die ungewöhnliche Form des Films sein, der mit hintergründigen Bildern und Dialogen aufwartet. Der Film startet nur mit wenigen Kopien, läuft fast nur in Programmkinos und wird mit einem Exportverbot belegt.

Danach wagt sich Siegfried Kühn an eine Literaturverfilmung, die er aktuell bearbeitet: WAHLVERWANDTSCHAFTEN (1974) von Johann Wolfgang Goethe. Eduard und Charlotte ziehen sich während der Napoleonischen Kriege auf ihr Schloß zurück, um ihre freundschaftlich-konventionelle Ehe zu führen. Nach kurzer Zeit laden sie sich Wahlverwandte ein, den Hauptmann und die Pflegetochter Ottile. Bald fühlt sich jeder zum anderen hingezogen, und das Paar trennt sich. Auf dem Feld der Historie bewegt sich sein nächster Film. UNTERWEGS NACH ATLANTIS (1977) erzählt vom deutschen Archäologen Bohmann, der sich auf die Suche nach dem sagenumwobenen Atlantis macht. Der Film kann bei Zuschauern und Kritikern keinen Erfolg erzielen; einigen Kritikern ist er zu harmlos in Szene gesetzt. Danach konzentriert sich der Regisseur wieder auf Gegenwartsstoffe. Mit DON JUAN, KARL-LIEBKNECHT-STR. 78 (1979) inszeniert er einen sehr persönlichen Film. Erzählt wird von einem Opernregisseur in der Midlifecrisis, der in der Provinz "Don Giovanni" auf die Bühne bringt. An drei Frauen - der Ehefrau, der Sängerin der Donna Anna und der Sängerin der Donna Elvira - erprobt er seine Don-Juan-Qualitäten. Zwar ist der Film mit Hilmar Thate prominent besetzt, kann aber nicht überzeugen.

Anfang der 80er Jahre reicht der Regisseur verschiedene Filmstoffe ein, die abgelehnt werden. Siegfried Kühn schreibt einen Brief an Kurt Hager, damaliges Politbüromitglied und Chefideologe. Er bemängelt die Ablehnung von Filmstoffen, die sich kritisch mit der DDR-Wirklichkeit auseinandersetzen. Eine Antwort erhält er nicht. 1980 bekundet der Regisseur auf dem Nationalen Polnischen Spielfilmfestival seine Sympathie für die Solidarnosc-Bewegung. 1982 folgt der Austritt aus der SED. Danach wird Siegfried Kühn durch die Staatssicherheit beobachtet.

Auch seinem folgendem Film ROMEO UND JULIA AUF DEM DORFE (1984) nach der Novelle von Gottfried Keller bleibt der Erfolg an den Kinokassen verwehrt. Nach dem Roman von Herbert Otto inszeniert der Regisseur DER TRAUM VOM ELCH (1986), der von den Lebensansprüchen einer Anästhesistin erzählt, die nach gescheiterter Ehe eine neue Liebe sucht. Die Komödie KINDHEIT (1986) trägt autobiographische Züge. Der Regisseur schildert die Erlebnisse eines neunjährigen Jungen zu Kriegsende mit seiner Großmutter und den Bewohnern eines Dorfes in Schlesien. Mit Carmen-Maja Antoni als Oma und Fritz Marquardt als Schweinedompteur eines Wanderzirkus ist die oft skurril inszenierte Geschichte brillant besetzt.

Ende der 80er Jahre entsteht der Film DIE SCHAUSPIELERIN (1988) nach einem Roman von Hedda Zinner. In den 30er Jahren verliebt sich die Schauspielerin Maria Rheine in ihren jüdischen Kollegen Mark Löwenthal. Sie macht Karriere, er darf nach den Nürnberger Gesetzen nicht mehr mit ihr in Kontakt treten. Aber Maria entscheidet sich für die Liebe. Der Regisseur inszeniert die Charakterstudie einer ungewöhnlichen Frau, die von Corinna Harfouch überzeugend gespielt wird.

Nach dem Zusammenbruch der DDR kann der Regisseur noch zwei Filme bei der DEFA realisieren. HEUTE STERBEN IMMER NUR DIE ANDEREN (1991) berichtet von der Freundschaft dreier Schauspielerinnen. Eine von ihnen hat Krebs. Ihre Freundschaft wird auf die Probe gestellt. In DIE LÜGNERIN (1992) schildert er das Leben der Dolmetscherin Titta, die von ihren Alltagsleben belastet, ihren Partner ausgedachte Geschichten auftischt. Sie verfolgt ihren Traum, nach Neuseeland zu gehen, resigniert nicht. Danach erhält der Regisseur keine Möglichkeiten mehr, Filme zu inszenieren.

Siegfried Kühn ist in erster Ehe mit Regine Kühn verheiratet, die als Drehbuchautorin und Szenaristin tätig ist. An einigen Filmprojekten arbeiten sie gemeinsam. Seine zweite Ehe führt er mit der Schauspielerin Katrin Saß. Beide leben auf einem Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern. Nach 16 Jahre Ehe lassen sich in Partner im August 2007 scheiden.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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