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Hans Weingartner

Hans Weingartner
Regie, Drehbuch, Kamera, Produzent, Ko-Produzent

* 02. November 1970
Feldkirch
Österreich

HANS WEINGARTNER • Biographie Seite 1/1

Der Regisseur Hans Weingartner gilt als eines der größten Talente im deutschsprachigen Film. In seinen beiden Kinospielfilmen DAS WEIßE RAUSCHEN (2001) und DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI (2004) greift er komplexe und politisch brisante Sachverhalte auf, die authentisch und wirklichkeitsnah inszeniert werden. Die Arbeiten des Regisseurs stehen für eine neue Art politischen Kinos, wie es schon lange nicht mehr in Deutschland zu sehen war.

Hans Weingartner wird am 02. November 1970 im österreichischen Feldkirch geboren. Er ist das fünfte von acht Kindern. Bereits als Jugendlicher experimentiert er mit der Videokamera, dreht Action-Filme, mit viel Pyrotechnik, halsbrecherischen Stunts und Verfolgungsjagden mit dem Mofa. Nach seinem Abitur, welches er 1988 absolviert, arbeitet er zunächst als Skilehrer in Vorarlberg und Kanuführer in Kanada. Nach dieser Auszeit entscheidet er sich 1990, an der Universität in Wien technische Physik und Informatik zu studieren. Zudem ist er Gasthörer an der Filmakademie in Wien. Nach kurzer Zeit entscheidet er sich um und studiert Gehirnforschung. Er arbeitet in der Neurochirugie im Klinikum Berlin-Steglitz und absolviert 1997 sein Diplom.

Parallel zu seinem Studium belegt Hans Weingartner einen Kameraassistenten-Lehrgang an der Austrian Association of Cinematography (AAC) in Wien. Als Kleindarsteller und Produktions-Assistent ist er an dem amerikanischen Liebesfilm BEFORE SUNRISE (1995) von Richard Linklater beteiligt, der in Wien entsteht. Außerdem dreht er bereits eigene kleine Filme. Zu den Arbeiten zählen die Kurzfilme DER JUNGE MANN AUF DEM BLAUEN SOFA (1994) und DER DREIFACHSTECKER (1994) sowie die Kurz-Dokumentation §263 (1995). Der österreichische Regisseur Michael Glawogger dreht den Film KINO IM KOPF (1996). Hier erzählen andere Regisseure, was für einen Film sie gerne einmal drehen würden. Die Zuschauer können außerdem den Regisseuren zusehen, wie sie über ihre Filmideen reden. Auch Hans Weingartner hat mit SPLIT BRAIN eine 10minütige Episode beigesteuert, in dem ein männlicher Sonderling im Zentrum steht, der getragene Damenschuhe sammelt.

Nach dem Abschluß seines Medizin-Studiums absolviert er von 1997 bis 2001 ein Aufbaustudium an der Kunsthochschule für Medien in Köln im Fachbereich Film/Fernsehen. 1998 erhält er ein Einjahres-Stipendium des Landes Nordrhein-Westfalen für Hochbegabte. Dank dieser Finanzierung kann er sich intensiv mit dem Thema Schizophrenie beschäftigen. Während seiner Studienzeit in Köln wird sein 20minütiger Kurzfilm FRANK (1999) uraufgeführt, der sich bereits mit dem Thema Persönlichkeitsstörungen beschäftigt. Erzählt wird die Geschichte einer als Kind misshandelten Frau, die in ihrer Ehe die Situationen ihrer Kindheit wiederholt. Sie entflieht der Wirklichkeit, indem sich ihre Persönlichkeit spaltet. Eines Nachts ruft sie den Namen eines unbekannten Mannes "Frank".

Als Abschluß seines Studiums legt der junge Regisseur das Spielfilm-Debüt DAS WEIßE RAUSCHEN (2001) vor. Erzählt wird von dem 21jährigen Lukas, der zu seiner Schwester in eine WG zieht. Nach Parties, Drogen und einer Menge Spaß beginnt Lukas plötzlich Stimmen zu hören. Paranoide Schizophrenie, lautet die Diagnose der Ärzte. Nun beginnt für Lukas der Kampf gegen das Chaos in seinem Kopf. Der Film wird in sechs Wochen von sieben Leuten mit einem Budget von 400 000,00 DM auf digitalen Video-Kameras gedreht. Für die Produktion verschuldet sich Hans Weingartner hoch. Er fungiert zudem als Co-Produzent, legt den ersten abendfüllenden Spielfilm der Kunsthochschule für Medien vor. Das Team orientiert sich an den DOGMA-Regeln. Ursächlich aus ökonomischen Gründen, aber auch, um sich ganz auf die Geschichte konzentrieren zu können und die psychologische Wirklichkeit der Figur physisch erfahrbar, die Krankheit des Protagonisten erlebbar zu machen. Handkamera und Jump Cuts verstärken den Eindruck der latenten Desorientierung der Hauptfigur, Improvisation und souveräne Schauspielführung führen zu einer unmittelbaren Präsenz des Hauptdarstellers Daniel Brühl, der für seine Leistung unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wird. Der mit Herzblut gemachte und verwegen produzierte Film arbeitet virtuos mit Bild und Ton. Eine entfesselte Kamera zeigt eine Welt, in der die Grenzen zwischen Normalität und Wahnsinn fließend sind. DAS WEIßE RAUSCHEN (2001) wird mit mehreren Preisen bedacht, ist auf verschiedenen Festivals zu sehen und feiert zudem auch Erfolg an den Kinokassen.

Der zweite Spielfilm des Regisseurs wird DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI (2004). Jan, Peter und Jule sind drei unbekümmerte junge Rebellen, die in Häuser reicher Leute einbrechen und alles durcheinanderbringen. Als sie bei einem ihrer Streifzüge entdeckt werden, kidnappen sie den Unternehmer Hardenberg. In den Bergen kommt es zu einer Konfrontation der drei jungen Idealisten mit der Generation, die an der Macht ist. Wie schon bei DAS WEIßE RAUSCHEN (2001) arbeitet der Regisseur mit einem kleinen Team. Die Kameraleute Matthias Schellenberg und Daniela Knapp drehen mit der Handkamera. Die vier Hauptdarsteller Daniel Brühl, Julia Jentsch, Stipe Erceg und Burghardt Klaußner leben auf engstem Raum in einer Hütte zusammen. So gelingt eine authentische Beschreibung von Wirklichkeit. Der Film wird von Kritikern gelobt, weil er ein präzises wie ironisches Bild auf die gegenwärtige Situation in Deutschland wirft. Mit DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI (2004) läuft zum ersten Mal nach elf Jahren wieder ein deutschsprachiger Film im Wettbewerb 2004 in Cannes. Der Film wird zwar an der Côte d'Azur nicht ausgezeichnet, erhält aber anderen Ortes zahlreiche Preise, unter anderem ist er in der Kategorie Bester Film für den Deutschen Filmpreis 2005 nominiert und wird mit dem Filmpreis in Silber ausgezeichnet.

Im Oktober 2007 kommt seine Mediensatire FREE RAINER (2007) (FREE RAINER (2007) Trailer) in die Kinos. Erzählt wird von TV-Produzent Rainer, der nach einem Unfall, sein Leben ändern will und nun einen Guerilla-Feldzug gegen die quotenbesessene Unterhaltungsindustrie führt.

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Autorin: Ines Walk
Stand: März 2008
Diese Biografie ist mit einer Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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