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Jiri Menzel

Jiri Menzel
Regie, Drehbuch, Darsteller

* 23. Februar 1938
Prag
Tschechische Republik
andere Namen Jirí Menzel

JIRI MENZEL • Biographie Seite 1/1

Jiri Menzel ist ein Meister der Komödie: Seine Helden sind die Außenseiter, Querdenker und Gestrauchelten, die in ihrem Leben trotz aller Widrigkeiten Mut und Klugheit beweisen. In der böhmischen Provinz leben sie ihren Traum von Individualität. Seine Filme, frei von Dogmatismus und Schönfärberei, haben es im eigenen Land schwierig nach dem Ende des Prager Frühlings. Einige seiner Arbeiten verschwinden in den Kellern der Institutionen. Der Regisseur kann nur mit Einschränkungen weiterarbeiten, erobert sich aber in den 1980er Jahren mit kleinen Filmen sein nationales und internationales Publikum zurück.

Jiri Menzel wird am 23. Februar 1938 in Prag geboren. Sein Vater ist der Kinderbuchautor Joszef Menzel. Nach seinem Abitur will er Theaterwissenschaften studieren, fällt aber bei der Aufnahmeprüfung an der Prager Theaterfakultät durch. Er jobbt als Kabelträger beim Fernsehen und beginnt sich für das neue Medium zu begeistern. Die Aufnahmeprüfung an der Prager Filmakademie besteht er, studiert von 1957 bis 1961 an der FAMU. Nach dem Abschluss seines Studiums wird er zum Wehrdienst eingezogen, dreht dort zwischen 1963 und 1965 Wochenschauen für das Armeefilm-Studio. 1961 tritt er auch erstmals als Schauspieler auf, arbeitet seitdem in beiden Bereichen. Dem Theater bleibt der Filmregisseur auch Zeit seines Lebens verbunden. Er inszeniert unter anderem am "Schauspielclub", einem Theater, das 1965 in Prag neu gegründet wird. Seine Aufführung "Mandragora" nach Machiavelli wird dort elf Jahre lang gespielt. In Deutschland arbeitet er in Bochum unter Peter Zadek und Claus Peymann, in Budapest stehen ebenfalls Stücke vom ihm auf dem Programm. In den 90er Jahren bringt er auf der Bühne des Theaters am Kurfürstendamm "Eine Mittsommernachts-Sex-Komödie" nach Woody Allen heraus.

Ein Beitrag für einen Episodenfilm ist die erste Arbeit des jungen Regisseurs. Für die Kriminalfälle des Kommissar Boruvka in VERBRECHEN IN DER MÄDCHENSCHULE (1965) steuert er eine Episode bei. Sein erster eigener Spielfilm wird LIEBE NACH FAHRPLAN (1966) nach einer Novelle von Bohumil Hrabal. Mit dem Autor, der neben Vaclav Havel vielleicht der bedeutendste tschechische Schriftsteller ist, arbeitet Jiri Menzel intensiv zusammen. Erzählt wird von einem Lehrling auf einem Bahnhof in der Provinz, der sich danach sehnt, endlich ein Mann zu werden, aber plötzlich in eine Aktion der Partisanen gegen die deutsche Wehrmacht hineingezogen wird und dabei umkommt. Die gut konstruierte Geschichte kommt nicht bierernst daher, sondern wird tragikomisch und melancholisch erzählt. Die kluge Posse erhält einen Oscar als Bester Fremdsprachiger Film, gehört in der Folge zu den erfolgreichsten tschechischen Filmen.

In der Komödie EIN LAUNISCHER SOMMER (1968) nach einer Novelle des tschechischen Schriftstellers Vladislav Vancura erzählt er, wie die Begegnung mit einer Seiltänzerin das Leben dreier, nicht mehr ganz junger Freunde durcheinander bringt. Dieser Sommer, sonst getragen von Langeweile und Müßiggang, wird ganz anders: Die Freunde verleben ihn in einer genüsslichen Leichtigkeit mit trivialen Gesprächen und verschiedenen Blödsinnigkeiten. Der Film gewinnt beim Internationalen Filmfestival in Karlovy Vary den Grand Prix. Wieder erzählt der Regisseur mit menschlicher Wärme von kleinen Leuten, deren Welt am Zerbrechen ist. Der Film zählt wegen seiner präzisen und psychologisch genauen Beschreibung zu den bedeutendsten Werken der Neuen Welle tschechischer Filme. Die Bewegung wird durch den Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag im August 1968 jäh unterbrochen. Jiri Menzel bleibt in seiner Heimat, äußert sich aber eindeutig. Als Mitglied der Jury beim Filmfestival in Locarno verlässt er das Festival, als sowjetische, ungarische und ostdeutsche Filme prämiert werden sollen. Er ruft öffentlich zum Boykott kultureller Veranstaltungen jener Länder auf, die sich am Einmarsch in Prag beteiligt haben.

Nach dem Prager Frühling entsteht LERCHEN AM FADEN (1969) und wird sofort verboten. Wieder nach einer Erzählung von Bohumil Hrabal porträtiert der Regisseur Menschen, die auf einem Schrottplatz arbeiten. Als "Feinde des Sozialismus" sind sie hier gelandet, sollen nun umerzogen werden. Der Regisseur inszeniert seine Geschichte poetisch und so wirkt der Film entlarvender als manch pathetische Anklage. Auf der Berlinale 1990, wo der Film nach 20 Jahren der internationalen Öffentlichkeit vorgestellt wird, wird er mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Der Regisseur erhält nach LERCHEN AM FADEN (1969) Arbeitsverbot, wendet sich dem Theater zu und inszeniert in Prag mehrere Stücke, mit denen er auch erfolgreich durchs östliche und westliche Ausland reist. Außerdem organisiert er Popkonzerte und arbeitet für das Fernsehen, setzt populäre Fernsehshows in Szene.

Anfang der 1970er Jahre besetzt ihn der DEFA-Regisseur Rainer Simon als Schauspieler in der satirischen Märchenparabel SECHSE KOMMEN DURCH DIE WELT (1972). Ab 1975 darf Jiri Menzel wieder als Filmregisseur arbeiten. Sein erster Film nach der auferlegten Arbeitspause wird WER DEN GOLDENEN BODEN SUCHT (1974), das Porträt eines jungen Arbeiters, der sich für den unbequemen und harten, aber ehrlichen Weg entscheiden. Wenig ist hier noch von dem früheren Jiri Menzel zu sehen. Der Regisseur erarbeitet sich aber in den nächsten Jahren mit kleinen Filmen wieder ein nationales und internationales Publikum. Jiri Menzel bleibt trotz seiner intensiven staatlichen Beobachtung dem böhmischen Humor treu, der sich durch Subversivität und Nadelstiche gegen das etablierte System auszeichnet. Sein Humor ist nicht derb und deftig, kommt eher mit feinen Pointen aus und enthält häufig etwas Bitterkeit, einen Spur melancholischen Weltschmerz.

Die Groteske HÄUSCHEN IM GRÜNEN GESUCHT (1976), ein Familienfilm, wird in Tschechien ein Kassenschlager. Erzählt wird von einer Familie, die auf dem Land ein Bauernhaus findet und fortan dort leben will, sich mit den neuen Bedingungen erst anfreunden muss. In der Komödie DIE MÄNNER MIT DER KURBEL (1978) über die Pionierzeit des tschechischen Kinos übernimmt der Regisseur auch die Hauptrolle und setzt sich auch künstlerisch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinander. Er reflektiert über die Zugeständnisse, die Künstler machen müssen. Ein großer Publikumserfolg wird die deftige Familiengeschichte KURZGESCHNITTEN (1980), die ein Hohelied auf den Individualismus singt. In der Kleinstadtromanze trifft ein träger Mann eine lebenslustige Frau. Die Satire DAS WILDSCHEIN IST LOS (1983) berichtet von einem Streit zweier Dörfer um einen Eber. DÖRFCHEN, MEIN DÖRFCHEN (1985) blickt ebenfalls auf unscheinbare Ereignisse in einem tschechischen Dorf, auf kleinen Menschen mit ihren Alltagssorgen und menschlichen Schwächen. Der poetische Film bringt dem Regisseur eine zweite Oscar-Nominierung für den Besten Fremdsprachigen Film ein. Die genannten Filme haben alles, was die Arbeiten von Jiri Menzel auszeichnen: Humor und Ironie sowie liebenswerte Figuren mit einem Tick.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks arbeitet Jiri Menzel weiter, kann aber nicht mehr so häufig Filme realisieren. In der Komödie ENDE DER ALTEN ZEITEN (1989) will ein neureicher Witwer mit Hilfe von Politikern ein altes Schloss ergattert, scheitert aber an einem charmanten Aristokraten. Anfang der 1990er Jahre arbeitet er gemeinsam mit Vaclav Havel an dem Film PRAGER BETTLEROPER (1991), der sich an Motiven aus Bertolt Brechts Dreigroschenoper orientiert und ihre Abrechung mit dem "real existierenden Sozialismus" ist. In der Militärklamotte LEBEN UND UNGEWÖHNLICHE ABENTEUER DES SOLDATEN IVAN CONKIN (1993) gerät der liebenswerte Held in den Strudel der Zeit. Ivan, ein Flieger, landet während des Zweiten Weltkrieges in einer sowjetischen Kolchose und ist an der Beschießung des Dorfes schuld. Wieder versammelt der Regisseur zahlreiche groteske Figuren, die satirisch die Mär vom Heldenkrieg der Sowjetarmee untergraben.

Nach dem Roman "Ich habe den englischen König bedient" von Bohumil Hrabal entsteht die Schelmengeschichte I SERVED THE KING OF ENGLAND (2006), die zur Berlinale 2007 in den Internationalen Wettbewerb eingeladen ist. Der 1971 fertig gestellte Roman erscheint in der Tschechoslowakei nur heimlich im Eigenverlag. Die Tragikomödie erzählt vom Aufstieg und Fall eines Kellners in einer böhmischen Kleinstadt zwischen 1930 und 1950. Sein Traum vom schnellen Geld erfüllt sich nach der deutschen Besetzung, nach der Zeit der Kollaboration und nach dem Putsch der Kommunisten nie.

1990 wird Jiri Menzel Dekan des Fachbereichs Regie der Prager Filmakademie. Der Regisseur lebt in Prag.

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