Film-Zeit auf  Film-Zeit bei Facebook   Film-Zeit auf Twitter

Claude Chabrol

Claude Chabrol
Regie, Drehbuch, Darsteller

* 24. Juni 1930
Sardent
Frankreich
† 12. September 2010
Paris
Frankreich

CLAUDE CHABROL • Biographie Seite 1/1

Claude Chabrol ist seit über 50 Jahren einer der größten und produktivsten französischen Filmemacher. Als Begründer der Nouvelle Vague beschäftigt er sich mit den verborgenen Abgründen und der Doppelmoral der französischen Bourgeoisie, analysiert das Bürgertum, wie es wirklich ist - hinter der Fassade der Harmonie und intakten Welt. Und er zeichnet diese Analysen mit einer ihm ganz eigenen (und auch nicht ganz unumstrittenen) Objektivität und Distanz, die das Markenzeichen seiner persönlichen Filmsprache wird.

Claude Chabrol wird am 24. Juni 1930 in Paris geboren. Der Sohn einer Apothekersfamilie interessiert sich schon früh für den Film. Die Eltern verbieten ihm jedoch ein Studium an der Pariser Filmhochschule. Stattdessen studiert der cinephile Claude Chabrol zuerst Literaturwisssenschaft, dann Jura und Pharmazie, allerdings ohne große Begeisterung. Er ist öfter in diversen Ciné-Clubs und der Cinémateque française als in seinen Vorlesungen. Sein Studium bricht er schließlich ab, um in der Pariser Presseabteilung der 20th Century Fox, und ab 1953 für die Cahiers du Cinéma als Kritiker zu arbeiten. Sie ist die bedeutendste Filmzeitschrift Frankreichs, bei der fast alle Filmemacher der Nouvelle Vague schreiben, bevor sie Ende der 1950er auf den Regiestuhl wechseln. Mit seinem Freund und Cahiers-Kollegen Eric Rohmer veröffentlicht er 1957 eine Monographie über Alfred Hitchcock, den er neben dem deutschen Filmemacher Fritz Lang Zeit seines Lebens als großes Vorbild sieht.

Im selben Jahr realisiert der zukünftige Filmemacher mit der finanziellen Hilfe seiner ersten Frau Agnès seinen ersten Spielfilm. Mit dem Geld einer Erbschaft gründet er seine Produktionsfirma AJYM. Ohne jede praktische Erfahrung realisiert er 1957/58 in acht Wochen Drehzeit DIE ENTTÄUSCHTEN (1959), die Geschichte eines Mannes, der aus Paris in sein Heimatdorf zurückkehrt. Der Regisseur dreht den Film in dem Dorf Sardent inmitten von Frankreich, wo er selbst bei seinen Großeltern die Kriegsjahre zugebracht hat. DIE ENTTÄUSCHTEN (1959) gilt als erster Film der Nouvelle Vague. Claude Chabrol zeigt, dass es möglich ist, mit geringem Budget und außerhalb der Konventionen einen Film zu machen, der zudem noch erfolgreich ist. Beim Festival in Locarno 1958 erhält er den Preis für die Beste Regie, im darauffolgenden Jahr der Film den Prix Jean Vigo. Sein zweiter Film SCHREI, WENN DU KANNST (1959), der nur vier Wochen später in die Kinos kommt, übertrifft den Erfolg seines Debüts in kommerzieller Hinsicht bei weitem. Erzählt wird von zwei verwöhnten Cousins, von denen einer den anderen versehentlich erschießt. Der Film gewinnt auf der Berlinale 1959 einen Goldenen Bären. Der unerwartete Erfolg seiner ersten beiden Filme ermöglicht dem Künstler die finanzielle Unterstützung der Spielfilmdebüts seiner zukünftigen Nouvelle Vague-Kollegen Eric Rohmer, Phillippe de Broca und Jacques Rivette.

Mit seinem vierten Film DIE UNBEFRIEDIGTEN (1959) beginnt eine Serie von Mißerfolgen, sowohl beim Publikum, als auch bei der Kritik. Hier blickt er auf eine Gruppe von Verkäuferinnen, ihre Sehnsüchte und Alltagserfahrungen. Schon wie bei SCHREI, WENN DU KANNST (1959) - wenn auch in abgeschwächter Form - werfen die Kritiker ihm Zynismus und Verachtung gegenüber seinen Figuren vor. Die Vorwürfe wenden sich gegen seine spezifische Qualität der Filme – oder besser: verkennen sie. Die Objektivität und Distanz, die Claude Chabrols Filmsprache auszeichnet, empfinden die Kritiker als Kälte. Genau diese Distanz versucht der Filmemacher zu wahren; er lehnt es entschieden ab, seine Zuschauer beeinflussen zu wollen, und bezeichnet Regisseure, die sich mit einer wertenden Deutung des Geschehens nicht zurückhalten, abfällig als "Autoren mit einem Anliegen". Der Filmemacher legt größten Wert darauf, den Zuschauer seine eigenen Position beziehen zu lassen und zeichnet bewusst Figuren, die sich einer kritiklosen Identifikation verwehren. Ganz im Gegenteil zu seinem Vorbild Alfred Hitchcock arbeitet er aus diesem Grunde sehr selten mit subjektiven Kameraeinstellungen. Seine als Kälte empfundene Objektivität ist nicht im Mangel von Menschlichkeit und Mitgefühl zu suchen, sie hat Methode und ist theoretisches Konzept seiner Arbeit. Der Pfeifenraucher des Jahres 1989 bringt es selbst am treffendsten auf den Punkt: "Filme mit einer Botschaft bringen mich entweder zum Kotzen oder zum Lachen. Ich finde es unmoralisch, dem Zuschauer eine Moral aufzudrücken, ihn beeinflussen zu wollen, ihm sozusagen ein Hirn-Klistier einzupflanzen. Ein Film sollte das Publikum vielmehr zum eigenständigen Nachdenken anregen. Darum versuche ich nur, die Menschen präzise so zu zeigen, wie sie sind. Es wäre doch heuchlerisch, sie zu verurteilen - schließlich hat jeder von uns Dreck am Stecken."

Ab 1963 ist der Autorenfilmer aus finanziellen Gründen gezwungen, einige kommerzielle Auftragsproduktionen anzunehmen, um seine Arbeit überhaupt fortsetzen zu können. Er dreht ein paar vergleichsweise belanglose Agentenfilme in James Bond-Manier, die sich zu der Zeit großer Beliebheit bei der breiten Masse erfreuen.

1968 beginnt Claude Chabrol die Zusammenarbeit mit dem Produzenten André Génovèss, die sich als äußerst fruchtbar erweist. Zwischen 1968 und 1974 entstehen eine Reihe von Filmen, die sich zu einer kohärenten Chronik der damaligen französischen Gesellschaft fügen und dem Filmemacher den Ruf als "Chronist des französischen Bürgertums" einbringen. Er arbeitet während dieser Schaffensperiode wiederholt mit denselben Schauspielern, darunter vor allem mit seiner damaligen Frau Stéphane Audran, aber auch mit Michel Bouquet, Jean Yanne und Michel Duchaussoy. Mit ihnen dreht er seine drei Meisterwerke DIE UNTREUE FRAU (1969), DAS BIEST MUSS STERBEN (1969) und DER SCHLACHTER (1970). Die Handlung von DIE UNTREUE FRAU (1969) ist im Wesentlichen das, was der Titel verspricht. In DAS BIEST MUSS STERBEN (1969) geht es um einen ekelhaften Familienvater, dem alle den Tod wünschen, bis sein eigener Sohn ihn vergiftet; DER SCHLACHTER (1970) handelt von einem Kriegsveteranen, der junge Frauen ermordet. Die Filmsprache dieser Schaffensperiode zwischen ZWEI FREUNDINNEN (1968) und NADA (1974) ist eine reifere Version der Ausdrucksweise früherer Filme. Die wütende Abrechnung weicht einer protokollarischen Beobachtung der Bourgeoisie in Krisensituationen. Claude Chabrol entlarvt die Harmonie der bürgerlichen Alltagswelt als Fassade, die um jeden Preis gewahrt werden muss. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse; alle Figuren, bis hin zu den Opfern, haben teil an der Schuld. Dem Zuschauer bieten sich so keine Identifikationsfiguren, er ist gezwungen, sie aktiv in Frage zu stellen.

Nach 1974 wendet sich Claude Chabrol für zehn Jahre wieder vorwiegend kommerzielleren Produktionen zu. Aus dieser Periode stechen als künstlerisch wertvoll lediglich VIOLETTE NOZIERE (1978) und DIE FANTOME DES HUTMACHERS (1982) hervor; beide Filme sind sorgfältige Sozialstudien über merkwürdige Mordgelüste kleinbürgerlicher Kleinstädter. Ersterer handelt von einer 17-Jährigen, die ihre Eltern vergiftet, letzterer von einem Hutmacher, der seine Frau umbringt und schließlich alle Menschen, die sie kannten, um sein Verbrechen zu vertuschen.

1984 wird durch die Zusammenarbeit mit einem neuen Produzenten wieder eine neue Schaffensperiode für den Filmemacher eingeläutet. Zusammen mit Marin Karmitz dreht er zunächst die recht erfolgreichen Filme HÜHNCHEN IN ESSIG (1985), in dem es um eine Serie von mysteriösen Morden in der Immobilienbranche geht, und INSPEKTOR LAVARDIN (1986), der von einem ermordeten Schriftsteller handelt. Beide Filme drehen sich um den zynischen Kommissar Lavardin, der in einer Fernsehserie schließlich noch eine Fortsetzung findet. In MASKEN (1987) befasst der Filmemacher sich mit der Scheinwelt des Fernsehens.

Ab Ende der 1980er Jahre rückt der Regisseur die Frau ins Rampenlicht seiner Filme. Mit EINE FRAUENSACHE (1988) beginnt er, sich zunehmend für weibliche Protagonisten zu interessieren. Das Drama handelt von einer Frau, die mit illegalen Abtreibungen ihr Geld verdient und dafür schließlich hingerichtet wird. Mit MADAME BOVARY (1991) folgte eine konventionell-kommerzielle Verfilmung des Romans von Gustave Flaubert. In BETTY (1992) geht es um eine verzweifelte Frau, die ihre Sorgen im Alkohol ertränkt. Die beiden Protagonistinnen von BIESTER (1995) lehnen sich gemeinsam gegen ein gutbürgerliches Pärchen auf, für das eine der Beiden arbeitet. In seinen Frauenfilmen verbindet der Autorenfilmer kühle Studien bürgerlichen Alltags mit präzisen Porträts und stellt einmal mehr seine kinematographische Virtuosität unter Beweis. Er arbeitet nicht nur wiederholt mit Marin Karmitz zusammen, sondern vor allem mit Isabelle Huppert, die als die Muse seines Spätwerks gelten darf. Bis ins neue Jahrtausend steht sie für ihn vor der Kamera, zuletzt in GEHEIME STAATSAFFÄREN (2006). Der Politthriller um die Bestechungsaffäre bei Elf Aquitaine bietet aber wider Erwarten nicht die genretypische Action, sondern legt das Augenmerk auf die weibliche Hauptdarstellerin, deren kleinste Gesten präzise inszeniert werden. Bis heute beweist Claude Chabrol seine Meisterschaft mit kühler und messerscharfer Analyse. Bei der Berlinale 2009 erhält er eine Berlinale-Kamera für sein Lebenswerk. Dort stellt er auch seinen neuen Film vor, BELLAMY (2009), seinen ersten Film mit Gérard Depardieu. Der Autorenfilmer ist nicht umsonst als Workaholic bekannt. Auch mit knapp achtzig Jahren ist da kein Ende in Sicht.

Claude Chabrol ist dreimal verheiratet. Von seiner ersten Ehefrau lässt er sich 1964 scheiden. Ihr Sohn Mattheu Chabrol (geb. 1956) wird sich später als Filmkomponist einen Namen machen und mehrfach mit seinem Vater zusammenarbeiten. Die zweite Ehe geht er mit der Schauspielerin Stéphane Audran ein. Ihr gemeinsamer Sohn Thomas Chabrol (geb. 1963) wird ebenfalls als Schauspieler arbeiten. 1980 lässt sich das Paar scheiden. Ein drittes Mal tritt der Filmemacher mit der Regie-Assistentin Aurore Maistre vor den Traualtar.

Claude Chabrol stirbt am 12. September 2010 in Paris.

-----
Autor: Mario Kaiser
Stand: März 2009

Aktueller Stand der Datenbank:
18738 Filme,
72604 Personen,
6594 Trailer,
873 Biographien,
54 Themen & Listen
all: 1,64988