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Peter Reusse

Peter Reusse
Darsteller

* 15. Februar 1941
Teltow
Deutschland

PETER REUSSE • Biographie Seite 1/1

Der Schauspieler Peter Reusse überzeugt in den 60er und 70er Jahren durch seine Jugendhaftigkeit, er spielt Jugendliche unterschiedlichster Prägung. Eine deutsche Tageszeitung nennt ihn im Rückblick den "James Dean des Ostens". Mit zwei Rollen wird der Darsteller in Erinnerung bleiben: als provokanter Oberschüler Peter Naumann in dem Verbotsfilm DENK BLOß NICHT, ICH HEULE (1965) und als Parteisekretär Mattes mit dem zweiten Gesicht in der unterhaltsamen Komödie EIN IRRER DUFT VON FRISCHEM HEU (1977).

Peter Reusse wird am 15. Februar 1941 in Teltow geboren. Nach seiner Schulausbildung will er Graphiker werden, bewirbt sich an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee. Doch dann entscheidet er sich um, beginnt mit 18 Jahren ein Studium an der Babelsberger Filmhochschule. Nach vier Jahren 1963 schließt er das Studium mit dem Diplom ab. Danach ist er an verschiedenen Theatern des Landes beschäftigt, debütiert in Zeitz, spielt unter anderem in Brandenburg und Halle. Seit 1970 ist der Schauspieler am Deutschen Theater in Berlin fest angestellt. Dort ist er unter anderem der Claudio in Shakespeares "Maß für Maß" und Lord Grey in "Richard III.", Glimkin in Gorkis "Falscher Münze" und der Bentham in "Juno und der Pfau" von O'Casey.

Zunächst ist die Jugendhaftigkeit des Schauspielers gefragt. Peter Reusse debütiert vor der Kamera in dem Film DAS RABAUKEN-KABARETT (1961) unter der Regie von Werner W. Wallroth. Das Kabarett bringt einen thüringischen Schieferbau-Betrieb wieder in Schwung. Peter Reusse spielt ein Mitglied der jungen Truppe, auch in seinem nächsten Film agiert er in einer ähnlichen Rolle, gibt einen jungen Schüler. Der Film DIE AUS DER 12 B (1961) unter der Regie von Rudi Kurz erzählt von einer jungen Lehrerin, die sich die Achtung ihrer Klasse hart erkämpfen muß. Peter Reusse spielt den Schüler Lothar. In dem 36minütigen Kurzfilm MONOLOG FÜR EINEN TAXIFAHRER (1962) von Günter Stahnke stellt er einen werdenden Vater dar. Der Film mit Fred Düren in der Hauptrolle des Taxifahrers wird erst 1990 aufgeführt.

Auch in seinen nächsten Filmen spielt er Schulkameraden bzw. jugendliche Mitstreiter. In BESCHREIBUNG EINES SOMMERS (1963) von Ralf Kirsten spielt er einen der Kollegen Dschick der FDJ-Sekretärin Grit (gespielt von Christel Bodenstein). Die verheiratete Frau hat sich in den Ingenieur Tom Breitsprecher (Manfred Krug) verliebt. Die Kollegen empören sich, es kommt zu Auseinandersetzungen über die richtige Moral. In dem populären Film DIE ABENTEUER DES WERNER HOLT (1965) von Joachim Kunert agiert er neben der Hauptfigur Werner Holt (gespielt von Klaus-Peter Thiele) wiederum als Schulkamerad. Er mimt einen jungen, sensiblen, künstlerisch-kreativen Mann, der mit der Grobschlächtigkeit der Nationalsozialisten nichts anfangen kann.

Seine erste große Hauptrolle erhält der junge Schauspieler vom Regisseur Frank Vogel. In dessen DENK BLOß NICHT, ICH HEULE (1965) spielt den Oberschüler Peter Naumann, der in einem Schulaufsatz offen verkündet, daß er die "Republik nicht braucht". Er wird von der Schule geworfen. Verständnis für seine Auflehnung gegen Heuchelei findet er nirgends, außer bei seiner Freundin - er zieht zu ihr aufs Land. Seine Zukunft ist ungewiß. In dem Film wird der "real existierende Sozialismus" so gezeigt, wie er tatsächlich existiert, die Probleme der Nachkriegsjugend und die Schwierigkeiten unangepaßter Jugendlicher in der Gesellschaftsordnung werden deutlich gemacht. Allzu deutlich, denn der Film wird zwar noch einem Probepublikum - nach wenigen Testaufführungen und verschiedenen Änderungen des Schlusses - vorgeführt, dann aber für 25 Jahre in den Tresor verbannt. Ihm wird Skeptizismus sowie Verabsolutierung von Widersprüchen vorgeworfen. DENK BLOß NICHT, ICH HEULE (1965) ist einer der meist gerügten Filme jenes DEFA-Jahrgangs und kommt erst 1990 rekonstruiert zur Uraufführung.

In der Folge wird der Darsteller wieder mit größeren Nebenrollen bei der DEFA bedacht. In der Komödie FRAU VENUS UND IHR TEUFEL (1967) von Ralf Kirsten ist er ebenso zu sehen wie in dem Episodenfilm GESCHICHTEN JENER NACHT (1967), in welchem von unterschiedlichen Menschen in Entscheidungssituationen am Tag des Mauerbaus erzählt wird. Auch in dem Musikfilm HOCHZEITSNACHT IM REGEN (1967) agiert er. Neben seinen Kinoarbeiten ist der Schauspieler auch im Fernsehen der DDR präsent. In den TV-Serien "Polizeiruf 110" und "Der Staatsanwalt hat das Wort" spielt er häufig mit.

Erst 1977 erhält Peter Reusse von der DEFA wieder eine Hauptrolle. In der Komödie EIN IRRER DUFT VON FRISCHEM HEU (1977) unter der Regie von Roland Oehme ist er als LPG-Bauern und Parteisekretär Mattes aus Trutzlaff zu sehen. Er besitzt das zweite Gesicht, kann das Wetter vorhersagen, verschwundene Ehemänner finden und wundersame Dinge vollbringen. Seine Fähigkeiten werden vom Vatikan sowie von der Bezirksparteileitung in Gestalt von Dr. Unglaube überprüft. Sie erliegt letztlich dem Charme Mattes. Der Film zählt zu den erfolgreichsten des Jahres. Lustvoll und leicht wird über Gott und die Partei gefachsimpelt. Die zwei Hauptdarsteller Peter Reusse und Ursula Werner überzeugen mit ihrem komödiantischen Talent und einem guten Gespür für Situationskomik.

Wieder unter der Regie von Frank Vogel spielt er in EINE HANDVOLL HOFFNUNG (1978) den Verbrecher Dieter Wollnick, Chef einer Bande Krimineller, die von Raubüberfällen leben. Auch in dem Kriminalstück FAMILIENBANDE (1982) unter der Regie von Horst E. Brandt agiert er als Bösewicht und mimt einen westdeutschen Antiquitätenhändler, der seinen ostdeutschen Bruder zum Verbrechen anstiftet. Beide Filme haben weder an den Kinokassen noch bei den Kritikern Erfolg.

Beim Fernsehen der DDR erhält der Schauspieler über Jahre hinweg anspruchsvolle Rollen, die ihm die Möglichkeit zur künstlerischen Profilierung geben. Erwähnt sei die Titelrolle in Bernhard Seegers "Fiete Stein" (1970) sowie die Hauptrolle in "Heimkehr in ein fremdes Land" (1976) nach dem gleichnamigen Roman von Günter Görlich. In dem TV-Film "Es geht einer vor die Hunde" (1983) wird nach der literarischen Vorlage von Otto Nagel die Geschichte eines jungen Schlossers aus Berlin erzählt, der in den 30er-Jahren seinen Arbeitsplatz verliert und immer tiefer ins Elend sinkt. In der siebenteiligen TV-Serie "Kiezgeschichten" (1987) überzeugt er als fast 40jährige Berliner Bauarbeiter Matti Wruck, der eigentlich die Stadt verlassen will. Aber der Kiez wird für Matti mehr als eine vorübergehende Bleibe. Der Schauspieler arbeitet auch als Synchronsprecher und leiht seine Stimmen Figuren in Hörspielen.

Während der "Wende" engagiert sich der Schauspieler politisch. Peter Reusse arbeitet im Bürgerkomitee zur Aufklärung der Stasiverbrechen mit, ist bei der großen Demonstration ostdeutscher Intellektueller am 04. November 1989 dabei. Nach dem Zusammenbruch der DDR ist der Schauspieler im gesamtdeutschen Fernsehen. Er arbeitet unter anderem mit Iris Berben und Nadja Tiller zusammen, steht mit dem Sänger und Schauspieler Charles Aznavour vor der Kamera.

Am 22. März 1993 bricht Peter Reusse bei den letzten Proben zu dem Theaterstück "Der Eismann kommt" von Eugene O'Neill am Deutschen Theater zusammen. Er leidet kurzzeitig unter Gedächtnisverlust, danach bricht bei ihm eine Lebenskrise aus. Seitdem hat der Schauspieler keine Bühne mehr betreten, synchronisiert nicht, dreht keine Filme mehr. Er begibt sich in ärztliche Behandlung. Peter Reusse konzentriert sich auf seine anderen Talente, er malt und bildhauert. Außerdem schreibt und veröffentlicht er Gedichte, Geschichten, Romane und Drehbücher.

Peter Reusse ist mit der Schauspielerin Sigrid Göhler verheiratet. Sie spielt über Jahre die weibliche Kommissarin in "Polizeiruf 110". Heute leitet sie das Besetzungsbüro einer Dresdener Filmproduktionsfirma. Ihr gemeinsamer Sohn Sebastian Reusse hat ebenfalls die Laufbahn der Eltern eingeschlagen. Die Familie lebt in Berlin.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit einer Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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