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Thomas Heise

Thomas Heise
Regie, Drehbuch

* 22. August 1955
Berlin
Deutschland (DDR)

THOMAS HEISE • Biographie Seite 1/1

Der Dokumentarfilmregisseur Thomas Heise blickt in seinen Filmen auf jüngste deutsche Geschichte, etwa auf den bürokratischen Apparat der DDR, die Stasi-Aufarbeitung oder auf Erfahrungen und Chancen Jugendlicher in der bundesdeutschen Gesellschaft. Sichtbar steht er in der Tradition des genauen filmischen Beobachtens wie etwa in jener des Regisseurs Jürgen Böttcher. Vielfach findet er ganz eigene Wege, den Alltag im wiedervereinigten Deutschland und seine eigene Vergangenheit in der DDR zu thematisieren. Er zählt zu den erfolgreichsten Dokumentarfilmern der Zeit. Seine Werke sind mehrfach ausgezeichnet und dies, obwohl sie nie einfach sind und kontrovers diskutiert werden.

Thomas Heise wird am 22. August 1955 in Berlin geboren. Sein Vater ist der ostdeutsche Philosoph Wolfgang Heise. Nach seinem Schulabschluss beginnt er 1971 eine Ausbildung zum Facharbeiter für Drucktechnik. Ab 1975 ist er als Aufnahmehilfe und später als Regieassistent im DEFA-Studio für Spielfilme in Potsdam-Babelsberg beschäftigt, sein Mentor wird der Produktionsleiter Volkmar Leweck. Zwischenzeitlich absolviert er für 18 Monate seinen Wehrdienst bei der NVA, wird bei den Luftstreitkräften in Peenemünde stationiert. Danach arbeitet er an zwei DEFA-Produktionen für das Fernsehen mit, den Märchenfilmen DER MEISTERDIEB (1977) von Wolfgang Hübner und DIE ZERTANZTEN SCHUHE (1977) von Ursula Schmenger. Zu einer wichtigen Arbeit wird die Recherche für Regisseur Heiner Carow zu dessen Film BIS DAß DER TOD EUCH SCHEIDET (1979). Thomas Heise geht in Betriebe und befragt junge Eheleute um die 20 sowie Jugendbrigaden über ihr Leben. Während dieser Zeit holt er neben seiner Arbeit das Abitur an der Volkshochschule nach.

Von 1978 bis 1982 studiert Thomas Heise an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg im Fachbereich Regie. Der Dokumentarfilm IMBISS (1978) ist seine erste Filmübung an der Hochschule. Als publizistisch-dokumentarische Filmübung des 2. Studienjahres stellt er die 30minütige Dokumentation WOZU DENN ÜBER DIESE LEUTE EINEN FILM (1980) vor. Er beobachtet zwei kleinkriminelle Brüder in Ostberliner Prenzlauer Berg. Sujet wie Inszenierung stoßen auf Unverständnis, werden als Provokation angesehen. Sujet wie Inszenierung stoßen auf Unverständnis, werden als Provokation angesehen. Der Dokumentarfilm ANKA UND ... (1981), der Jugendliche in Eisenhüttenstadt porträtieren soll, wird nach Beginn der Dreharbeiten durch die Abteilung Innere Angelegenheiten von Eisenhüttenstadt und durch die Hochschule abgebrochen. Auch andere Arbeiten werden seitens der Hochschulleitung torpediert: Eine Fortsetzung von WOZU DENN ÜBER DIESE LEUTE EINEN FILM (1980) wird kurz vor Drehbeginn untersagt. Das bestellte Spielfilmszenarium "Hör auf zu bluten, komm mit ins Kino", welches Thomas Heise gemeinsam mit Wolf Rüdiger Schulz verfasst, wird vom Direktor der DEFA Hans Dieter Mäde nicht abgenommen. Sein geplanter Hauptprüfungsfilm ERFINDER 82 (1982) findet nach dem Rohschnitt beim DEFA-Studio für Dokumentarfilme und an der Hochschule keine politische Akzeptanz, wird nicht abgenommen. Der Regisseur weigert sich, eingeforderte Änderungen auszuführen; er bricht das Studium an der Hochschule ab. Der Film wird später vernichtet.

Danach ist Thomas Heise mehrere Jahre freiberuflich als Autor und Regisseur für den Rundfunk, für die staatliche Filmdokumentation des DDR-Filmarchivs sowie am Theater tätig. Es entstehen zahlreiche Drehbücher, Entwürfe, Fragmente und Videoprotokolle, die alle verboten werden. Von 1976 bis 1988 wird der Künstler durch die Staatssicherheit operativ bearbeitet, um zu verhindern, dass er künstlerische Beiträge produziert, die nach Ansicht der Verantwortlichen das Ansehen des Landes schädigen könnten. Er inszeniert für den Rundfunk der DDR Originalton-Hörspiele, die er "Dokumentarfilme ohne Bild" nennt. So entsteht unter anderem "Vorname Jonas" (1983), in dem er einen Jugendlichen nach seinem Gefängnisaufenthalt bei seinen Wiedereingliederungsversuchen beobachtet. Nach Vorlage des Schnittszenariums wird die Arbeit verboten; erst 1989 kann sie an der Akademie der Künste fertig gestellt werden. 1985 wird die Idee zur Bearbeitung der Geschichte eines Zuges von 6000 Häftlingen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Dorf in Mecklenburg als Fernsehdokumentation sowie als Hörspiel abgelehnt; 1988 finden Stoff und die Originalprotokolle in Form eines Theaterstücks endlich eine Öffentlichkeit. Auch das Radiofeature "Widerstand und Anpassung, Überlebensstrategie - Erinnerungen eines Mannes an das Lager Dachau" (1987) für den Rundfunk der DDR wird verboten. Hierfür hat Thomas Heise mit dem Schauspieler Erwin Geschonneck gesprochen. Aus Anlass des 100. Geburtstages des Darstellers am 27. Dezember 2006 produziert der Regisseur eine Toninstallation auf dem Pariser Platz mit dem Originaltonfeature.

Mitte der 80er Jahre entstehen zwei Filme für die staatliche Filmdokumentation des Filmarchivs der DDR. Für DAS HAUS - 1984 (1984) filmt er mit Kameramann Peter Badel im Berolinahaus am Alexanderplatz, damals Sitz der Abteilungen Soziales, Wohnungspolitik, Jugendfürsorge und Inneres des Stadtbezirkes Berlin-Mitte. Das Filmteam beobachtet Verwaltungsangestellte und Bürger. In VOLKSPOLIZEI - 1985 (1985) dreht er im Polizeirevier in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte. Beiden Filmen gemeinsam ist der ungeschminkte Blick auf die DDR, auf Menschen und Situationen im vormundschaftlichen Staat. Den Filmen gelingt, Kontrollsucht und Trägheit der Institutionen zu verdeutlichen; sie zeigen auf, wie grundlegend Ideologie den Alltag beherrschte. Keine der Dokumentationen wird im Kino oder im Fernsehen gezeigt; sie erhalten keine Möglichkeit, wahrgenommen zu werden. Die Filme von Thomas Heise aus den 80er Jahren gelangen erst Anfang des neuen Jahrtausends an die Öffentlichkeit.

Von 1987 bis 1990 ist Thomas Heise auf Initiative von Heiner Müller und Gerhard Scheumann Meisterschüler an der Akademie der Künste. Die Dokumentation IMBISS-SPEZIAL (1989) wird sein Abschlussfilm. In einer Schnellgaststätte auf dem Lichtenberger Bahnhof in Berlin nimmt er in den Tagen und Nächten um den 40 Jahrestag der DDR, den 07. Oktober 1989, die vielfältigen, kleinen Ereignisse und Sorgen der Menschen auf, die sich in einer gesellschaftlichen Umbruchphase befinden. Der Film gilt als einer der wichtigsten "Wendefilme", da er in Bild und Ton präzise die politische Situation einfängt. Nach dem Zusammenbruch der DDR im November 1989 ist der Regisseur einer der wenigen seiner Generation, die nahezu kontinuierlich im dokumentarischen Bereich weiter arbeiten können. Anfang der 90er Jahre kommt EISENZEIT (1991) in die Kinos, ein Dokumentarfilm über vier Jugendliche aus Eisenhüttenstadt, die sich in Alkohol und Drogen flüchten, weil sie Schwierigkeiten mit dem Staat, der Gesellschaft und ihren Familien hatten. Zwei von ihnen begehen Selbstmord. Schon 1981 wird die Idee zum Film geboren, der junge Regisseur besucht die Clique. Aber der Film ANKA UND ... kann aus politischen Gründen nicht umgesetzt werden. Erst 10 Jahre später zeigt die Dokumentation, überaus schmerzlich und quälend, wie selbstdenkende Jugendliche am Alltag in der DDR zerbrochen sind.

Danach dreht Thomas Heise in Halle. Es entsteht der Film STAU – JETZT GEHT'S LOS (1992), der öffentlich überaus kontrovers diskutiert wird. Der Regisseur beobachtet fünf rechtsradikale Jugendliche, führt lange Interviews mit ihnen und ihren Eltern, forscht nach den Ursachen ihres Denkens und politischen Verhaltens. Vorgeworfen wird dem Film, dass er kommentarlos die Aussagen der Protagonisten stehen lässt. Andere Kritiker loben die sensible Aufdeckung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Regisseur stellt die Jugendlichen in ihren familiären Bindungen, bei der Arbeit und in der Freizeit vor. Er zeigt den Alltag, in dem ein rechtes Bewusstsein Fuß fassen kann. Acht Jahre später führt Thomas Heise das Projekt fort. In NEUSTADT (2000) besucht er nochmals die Jugendlichen, konzentriert sich diesmal noch stärker auf die Familien und untersucht, wie rechtes Gedankengut sich in der Mitte der Gesellschaft festsetzen kann. Wieder hat der Regisseur eine kontroverse Studie gedreht, die den ersten Teil nicht nur fortsetzt, sondern auch mit seiner dokumentarischen Arbeitsweise - ohne pädagogischen Zeigefinger auszukommen - überaus schlüssig erscheinen lässt.

Dazwischen dreht Thomas Heise den Dokumentarfilm BARLUSCHKE (1997). Erzählt wird die Geschichte eines Agenten, der für verschiedene Geheimdienste (Stasi, CIA, BND) arbeitete und ständig seine Ideologien und Identitäten wechselte. Der Film gilt Kritikern als spannendes Psychogramm; gezeigt wird ein Mensch, der sich selbst hinter zahlreichen Masken als Legende in Szene setzt und dem jegliches Moralverständnis fehlt. In MEINE KNEIPE (2000) berichtet er von einem kleinen Lokal in Berlin. Zehn Jahre nach dem Mauerfall hat sich äußerlich an dem Ort wenig verändert, aber für die Stammgäste in ihrem alltäglichen Leben sehr viel. In VATERLAND (2002) begibt sich der Regisseur auf die Spuren seiner Familie. Im Dorf Straguth in Sachsen-Anhalt befand sich ein Zwangsarbeiterlager, wo sein Vater und ein Onkel mit 19 Jahren inhaftiert waren und Briefe an die Familie schickten. Wieder inszeniert der Regisseur sehr persönlich, befragt die Bewohner des Ortes, lässt ihre Worte für sich selbst stehen, verweigert sich eines moralisierenden Kommentars. Der Film ist unbequem und spröde, wird von der Kritik hochgelobt. Die Arbeit mit seiner eigenen Vergangenheit setzt der Regisseur in MEIN BRUDER - WE WILL MEET AGAIN (2005) fort. Er beschreibt Momente im Leben seines Bruders, der Deutschland 2004 schwerkrank in Richtung Südfrankreich verlässt, wo er bis heute nach mehreren Operationen für einen alten Freund arbeitet. Der beste Freund ist zugleich der ehemalige Stasi-IM, der den Regisseur und seinen Bruder jahrelang bespitzelt hat. Auch hier beobachtet Thomas Heise genau, be- und verurteilt das Verhalten seiner Protagonisten nicht.

Seine bisher letzte Filmarbeit ist der Essay IM GLÜCK (NEGER) (2006); er blickt auf Erfahrungen und Chancen fünf junger Leute in der bundesdeutschen Gesellschaft. Der Regisseur montiert Material aus zahlreichen Fragmenten (unter anderem Archivbildern, Erinnerungen, Briefe, Texten von Heiner Müller und Comte de Lautréamont) aus den Jahren 1999 bis 2005. Es werden ganz persönliche Geschichten erzählt, denen sich die offizielle Geschichtsschreibung verweigert. Der Film, bisher ohne Verleih, wird in Berlin im März 2006 uraufgeführt, läuft danach auf verschiedenen Festivals, unter anderem auf dem Filmkunstfestival Schwerin, im Wettbwewerb der Leipziger und der Duisburger Dokumentarfilmwoche sowie im Internationalen Wettbewerb von Visions du Réel, dem Internationalen Dokumentarfilmfestival in Nyon.

Mehrfach arbeitet Thomas Heise am Theater. Bereits Anfang der 80er Jahre absolviert er an der Volksbühne in Berlin ein Praktikum bei der Inszenierung "Der Auftrag" unter der Regie von Heiner Müller. Acht Jahre später ist er Regie-Mitarbeiter bei dem Stück "Der Lohndrücker", ebenfalls unter der Regie von Heiner Müller am Deutschen Theater. Der Bühnenautor gehört zu den Schülern seinen Vaters, Thomas Heise lernt ihn im Alter von 14 Jahren kennen. Beide verbindet eine langjährige Freundschaft. 1988 folgt die Mitarbeit am Stück "Germania Tod in Berlin", welches von Fritz Marquardt inszeniert wird. Von 1993 bis 1997 ist Thomas Heise Mitglied des Berliner Ensembles. Wieder steht mehrfach Heiner Müller auf dem Programm, unter anderem inszeniert er "Zement" (1994) sowie "Der Bau" (1996). 1999 bringt er in eigener Produktion Heiner Müllers Shakespearebearbeitung "Anatomie Titus Fall of Rome" in einer ehemaligen Rüstungsfabrik der Firma Knorr in Berlin-Marzahn auf die Bühne. In der Dokumentation DER AUSLÄNDER (2003) zeigt Thomas Heise Werkstattmaterial. Er hat Heiner Müller und den Proben-Prozess bei der Inszenierung "Der Lohndrücker" 1987 begleitet. Der Film läuft 2004 in deutschen Programmkinos, ist auch international zu sehen.

Außerdem betätigt sich der Künstler in anderen künstlerischen Bereichen. 2003 arbeitet er als Medieninstallateur für die Ausstellung "Götterdämmerung - Luchino Viscontis deutsche Trilogie" im Berliner Filmmuseum. Er übersetzt den Film DIE VERDAMMTEN (1968) in eine Videoinstallation mit dem Titel "Play Visconti". Er veröffentlicht Texte, etwa zum Theatergeschehen, zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte oder zum aktuellen Zeitgeschehen. Als Gastdozent hält Thomas Heise Vorträge, gibt Seminare und leitet Workshops, unter anderem an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg, an der Filmhochschule Ludwigsburg sowie an der Schauspielschule "Ernst Busch" in Berlin. Eingeladen wird er zu Seminaren in die USA, nach Frankreich sowie Tunesien und nach Montevideo (Uruguay).

Thomas Heise lebt in Berlin.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit einer Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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