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Jean-Pierre Jeunet

Jean-Pierre Jeunet
Regie, Drehbuch, Produzent

* 03. September 1953
Roanne
Frankreich

JEAN-PIERRE JEUNET • Biographie Seite 1/1

Jean-Pierre Jeunet hat eine Handschrift entwickelt, deren Wurzeln sich auf französische Comics zurückführen lassen. Gemeinsam mit Marc Caro vollzieht er den Wechsel zum Animations- und schließlich zum Realfilm. Dies hat Spuren in seinem Stil hinterlassen: Seine zauberhaften Welten werden von skurrilen Charakteren bevölkert, die an die Liebe, das Glück und das Gute im Menschen glauben. Bevorzugt arbeitet er mit denselben Kreativen zusammen und kann so Projekte auf hohem Niveau realisieren. Seine Budgets wachsen im Laufe seiner Karriere immer mehr an.

Jean-Pierre Jeunet wird am 3. September 1953 in Roanne, Frankreich geboren. Mit 17 kauft er sich eine Filmkamera von seinem selbstverdienten Geld, denn seit seinem 9. Lebensjahr will er Filme machen. Während er bei den Cinémation Studios Animation lernt, dreht er seine ersten Kurzfilme. Zu dieser Zeit freundet er sich mit dem Designer Marc Caro an, der auch Comics zeichnet. Die beiden wird eine lange Freundschaft und Zusammenarbeit verbinden. Gemeinsam drehen sie Animationsfilme, wobei sie sich die Regie teilen; genauso wie die Preise. Während sich Jean-Pierre Jeunet zunächst dem Genre des französischen Comics widmet und für Magazine wie "Charlie", "À Suivre" und "Fluide Glaciale" arbeitet, entstehen schon die ersten Animationsfilme der beiden. Der erste dieser Filme ist L'ÉVASION (1978).

Ihr erster gemeinsamer live action Kurzfilm ist ein Science Fiction: LETZTER FEUERSTOß IM BUNKER (1981). Eine Gruppe von Soldaten wartet, eingeschlossen in einem Bunker, auf den Feind. Doch dann ereignet sich eine Katastrophe nach der anderen und die Männer beginnen, sich gegenseitig zu ermorden. Bei dem Film nehmen die jungen Filmemacher so viel wie möglich selbst in die Hand, sogar für die Kostüme sind sie verantwortlich. Es folgen weitere Kurzfilme, Werbeclips und Musikvideos. Mit FOUTAISES (1990) gewinnen sie unter anderem den Prix Jaques Tati und den Till-Eulenspiegel-Preis.

Als nächstes Projekt nehmen sie ihren ersten abendfüllenden Spielfilm in Angriff: DELICATESSEN (1991). Die Handlung spielt in einer Stadtruine. Genauer Ort und Zeitpunkt sind unbekannt, genauso wie die Natur der globalen Katastrophe, nach der der Film spielt. Der Fleischer Clapet (Jean-Claude Dreyfus) führt neben seinem einträglichen Handel mit Fleisch ein Mietshaus, für das er immer wieder einen neuen Hausmeister einstellt. Das Fleisch, das wie jegliches Lebensmittel Mangelware ist, "besorgt" er sich von den Hausmeistern, die er schlachtet. Der einstige Clown Louison (Dominique Pinon) ist froh über die Stelle des Hausmeisters. Als sich Clapets Tochter (Marie-Laure Dougnac) in ihn verliebt, nimmt die skurrile Handlung ihren Gang. Der Film sprüht vor visuellen und witzigen Einfällen, der Rhythmus von Bild und Ton sorgt für viel Spannung. Belohnt wird der Film mit vier Césars (Drehbuch, Schnitt, Ausstattung sowie Bester Erstlingsfilm) und die internationale Kritik feiert ihn als stilsicheres Debüt.

Vier Jahre später folgt das surrealistische Werk DIE STADT DER VERLORENEN KINDER (1995). Auch hier teilen sich Jean-Piere Jeunet und Marc Caro wieder die Regie. Der einfältige One (Ron Perlman) kommt einer Verschwörung auf die Spur: Als sein kleiner Bruder verschwindet, entdeckt er zusammen mit dem frühreifen Mädchen Miette einen Orden blinder Männer, der Kinder entführt. Im Austausch gegen künstliche Augen werden sie weiterverkauft. Den Spuren der verschleppten Kinder folgend, entdecken sie ein grausiges Geheimnis. Die Kritiken zu dem Film sind gemischt. Wieder wird die visuelle Erzähllust gelobt, andererseits aber die vernachlässigte Erzählung an sich kritisiert, da sie hinter der visuellen Raffinesse des Films zurückbleibt.

Bei seinem nächsten Projekt übernimmt Jean-Pierre Jeunet die Regie zum ersten Mal alleine. Er soll den vierten Teil der ALIEN-Reihe drehen. Jean-Pierre Jeunet nimmt das Angebot an, obwohl er durchaus Bedenken hat, einen großen Hollywoodfilm zu inszenieren. Dass er kein Englisch spricht und bei den Dreharbeiten ständig auf einen Dolmetscher angewiesen ist erschwert die Arbeit naturgemäß. Viele Mitglieder des Teams arbeiten nicht das erste Mal mit dem Regisseur zusammen. So prägt Marc Caro den Stil des Films diesmal als Design Supervisor. ALIEN - DIE WIEDERGEBURT (1997) spielt 200 Jahre nach ALIEN 3 (1992). Lt. Ripley (Sigourney Weaver) wird nun geklont, inklusive des Aliens, dem sie als Wirtin dient. Dabei verschmelzen ihre DNAs. Die Forscher sowie das Militär wollen das Alien wieder einmal für ihre Zwecke nutzen und verkennen die Gefahr. Wie auch in den anderen Teilen der Saga lässt sich das Alien aber nicht beherrschen. Den Kampf gegen die Alien gewinnt sie zum wiederholten Mal, gemeinsam mit einigen Weltraum-Piraten. Die Kritik nimmt den Film sehr unterschiedlich auf, an den Kinokassen wird er aber der zweiterfolgreichste der ganzen Reihe.

Nach ALIEN - DIE WIEDERGEBURT (1997) wendet er sich wieder einem Projekt zu, welches er schon sehr lange verfilmen will. DIE FABELHAFTE WELT DER AMÉLIE (2001) ist sein persönlichster Film und einer der populärsten europäischen Filme zur Jahrtausendwende. Amélie (Audrey Tautou) findet zufällig eine Dose, deren Inhalt von einem Jungen aus den 1950ern stammt. Amélie beschließt, sie dem Besitzer zurückzubringen. Sollte er sich darüber freuen, dann will sie zukünftig anderen Menschen Gutes tun. Dies trifft ein und so erhält ihr vormals einsames Leben einen neuen Sinn. Ihr eigenes Glück in die Hand zu nehmen gelingt ihr aber nicht ohne weiteres. Der Film wird mit vielen Preisen ausgezeichnet und für zahllose weitere nominiert, darunter fünf Oscars, von denen er aber keinen mit nach Frankreich nehmen kann. Dass der Film nicht beim einheimischen Filmfestival in Cannes mit um die Goldene Palme konkurrieren darf, ruft allgemeines Unverständnis hervor und führt zu kontroversen Diskussionen.

MATHILDE - EINE GROßE LIEBE (2004) nach einem Roman von Sébastien Japrisot zeichnet sich - wie alle Filme von Jean-Pierre Jeunet - durch eine große visuelle Erzählkraft und überbordenden Detailreichtum aus. Er erschafft wieder eine Welt, die von grotesken Charakteren bevölkert wird. Erzählt wird die Geschichte von Mathilde (Audrey Tautou), die kurz nach dem Ersten Weltkrieg erfährt, dass ihr Verlobter tot ist. Sie will der Sache auf den Grund gehen und findet heraus, dass er zum Tode verurteilt worden war, weil er sich selbst verstümmelte, um dem Dienst an der Front zu entgehen. Wieder wird der Film von der Kritik sehr lobend aufgenommen, doch den Erfolg von DIE FABELHAFTE WELT DER AMÉLIE (2001) kann er nicht wiederholen. Da das Werk zum größten Teil mit amerikanischem Geld finanziert wird, beschließt ein Gericht, den Film als amerikanisch zu kategorisieren, wodurch er bei vielen europäischen Preisverleihungen und Filmfestivals nicht zugelassen werden kann. Trotzdem erhält er einige Auszeichnungen, darunter auch zwei Oscar-Nominierungen für die Beste Kamera und die Beste Regie.

Jean-Pierre Jeunet sagt zu, Yann Martels preisgekrönten Roman "Schiffbruch mit Tiger" zu verfilmen. Zusammen mit Guillaume Laurent, der seit DIE STADT DER VERLORENEN KINDER (1995) an jedem Film des Regisseurs beteiligt war, schreibt er das Drehbuch. Der Produktionsfirma FOX 2000 Pictures sind die Kosten für den Film aber zu hoch und so widmet sich der Regisseur erstmal einem anderen Filmprojekt: Die Komödie MICMACS À TIRE-LARIGOT wirft einen satirischen Blick auf die Welt des illegalen Waffenhandels. Auch hier arbeitet er wieder Guillaume Laurent zusammen.

Jean-Pierre Jeunet ist seit 1997 mit der Schnitt-Assistentin Liza Sullivan verheiratet.

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Autor: Andreas Blümlein
Stand: Mai 2008

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