Film-Zeit auf  Film-Zeit bei Facebook   Film-Zeit auf Twitter

Bettina Böhler

Bettina Böhler
Schnitt

* 24. Juni 1960
Freiburg, im Breisgau
Deutschland (BRD)

BETTINA BÖHLER • Biographie Seite 1/1

Seit Jahrzehnten betätigt sich Bettina Böhler als Meisterin im Schneideraum. Die Frau mit dem Zuschauerblick und dem großen Einfühlungsvermögen bezeichnet ihre Arbeit lieber als Montage denn als Schnitt, da sie neben dem reinen Handwerk auch den Blick auf das künstlerische Element nie verliert. Ihr geduldiger und Raum gebender Schnitt kennzeichnet ihre Arbeit, für die sie zahlreiche Auszeichnungen erhalten hat. Ihre Filmographie weist die beachtliche Zahl von mittlerweile über 50 Filmen auf. Sie ist Christian Petzolds Lieblingscutterin, sie montiert auch zahlreiche Filme von Regisseuren, welche ebenso der Berliner Schule zugerechnet werden.

Bettina Böhler wird am 24. Juni 1960 in Freiburg im Breisgau geboren. Seit 1968 lebt sie in Berlin. 1979 absolviert sie ein Praktikum im Kopierwerk und arbeitet als Synchronschnittassistentin. Sie lernt ihr Handwerk noch am klassischen Schneidetisch, bevor sie später zu digitaler Schnittkunst übergeht. 1985 entsteht ihre erste selbstständige Montage mit dem Film DU MICH AUCH (1986) von Helmut Berger, Anja Franke und Dani Levy. Für letzteren wird es das Regie-Debüt und auch später werden beide wieder zusammenarbeiten. Sie schneidet das achtstündiges Epos über die Völker in der TAIGA (1992) von Ulrike Ottinger, montiert DIE 120 TAGE VON BOTTROP (1997) von Christoph Schlingensief. Pro Jahr arbeitet Bettina Böhler durchschnittlich an drei bis fünf Filme. Sie befindet sich beim Drehen nicht am Set, sondern sichtet nur das Rohmaterial und versucht, den Rhythmus der Geschichte zu erspüren. Sie wehrt sich daher auch gegen die Behauptung, dass sie langsam schneidet. Vielmehr richtet sie sich danach, wie der Regisseur die Geschichte erzählen will, und schneidet dann im jeweiligen Erzählrhythmus.

Das erste Mal arbeitet sie mit Christian Petzold bei CUBA LIBRE (1996) zusammen. Das gute Zusammenspiel zwischen ihr und dem Regisseur wird schon bei seinem ersten Film deutlich. Lange Einstellungen, der Schnitt sitzt genau im richtigen Moment bei der Geschichte um Tom (Richy Müller), der sich mit Jimmy (Wolfram Berger) auf die Suche nach seiner Freundin Tina (Catherine Flemming) gen Süden begibt. Für DIE INNERE SICHERHEIT (2000) erhält sie den Deutschen Schnittpreis im selben Jahr. Das Drama um das Leben von einer untergetauchten Familie aus RAF-Zeiten mit Richy Müller, Barbara Auer und Julia Hummer wird 2001 mit dem Preis der Deutschen Filmkritik ausgezeichnet. Hier platziert Bettina Böhler die Schnitte so genau, dass der Film trotz der augenscheinlichen Langsamkeit eine unterschwellige Dynamik erhält. TOTER MANN (2001) handelt von dem Rechtsanwalt Thomas (André Hennicke), der einer geheimnisvollen Fremden (Nina Hoss) verfällt. Bettina Böhler montiert die Bilder zu langen, ruhigen Einstellungen ohne dabei selbst in den Vordergrund zu treten.

In WOLFSBURG (2003) geht es um die unmögliche Liebesgeschichte von Laura (Nina Hoss) und Phillip (Benno Fürmann), der Lauras Sohn bei einem Autounfall tötet. Die Cutterin montiert stimmige Bilder in Film-Noir-Tradition in ruhigem Tempo aneinander. Sie unterwirft sich der Geschichte, aber nicht dem Regisseur, sondern arbeitet eigenwillig, aber uneitel das Wesen des Films heraus. Dasselbe vollbringt sie auch in GESPENSTER (2005). Die Geschichte über zwei Rumtreiberinnen (Sabine Timoteo, Julia Hummer) in Berlin, verstrickt in einer komplizierten Freundschaft, erzählt in langen, reduzierten Einstellungen das Notwendigste, verliert dabei aber nicht den roten Faden der Handlung. In YELLA (2007) (YELLA (2007) Trailer) geht es um die arbeitslose Yella (Nina Hoss), die nach einem Autounfall mit ihrem Mann (Hinnerk Schönemann) für den im Private-Equity-Bereich tätigen Philipp (Devid Striesow) zu arbeiten beginnt. Doch merkwürdige Ereignisse durchbrechen die Fassade und Yella ist sich nicht mehr sicher, ob hinter dem Schein nicht doch etwas Bedrohliches lauert. Wieder montiert die erfahrene Cutterin die Einstellungen in derartiger Präzision, dass der Zuschauer der Geschichte, die nicht alles aus erzählt ohne weiteres folgen kann. Sie wird für YELLA (2007) (YELLA (2007) Trailer) während der Berlinale mit dem Femina-Filmpreis 2007 ausgezeichnet.

Im selben Jahr erhält sie den Bremer Filmpreis für ihr Gesamtwerk. JERICHOW (2008) (JERICHOW (2008) Trailer) markiert einen weiteren Höhepunkt in der Karriere von Bettina Böhler. Die Dreiecksgeschichte mit Nina Hoss, Benno Fürmann und Hilmi Sözer zeigt die Gegenwart in klaren Einstellungen. Aus der siebten Zusammenarbeit des Regisseurs mit der erfahrenen Cutterin entsteht ein in reduzierten Einstellungen erzählter Film, der prägnant die Situation auf den Punkt bringt.

1989 arbeitet sie das erste Mal mit Michael Klier für dessen TV-Film ÜBERALL IST ES BESSER, WO WIR NICHT SIND (1989) zusammen. Gleich zwei Jahre später schneidet sie dessen Film OSTKREUZ (1991). Hierbei geht es um die Geschichte der 15-jährigen Elfie (Laura Tonke), die kurz nach dem Mauerfall mit ihrer allein erziehenden Mutter (Suzanne von Borsody) nach Berlin kommt und dort aus Geldmangel in einem Notlager wohnt. Elfie lässt sich mit einem polnischen Kleinkriminellen ein und hofft auf ein besseres Leben. Wie auch in den kommenden Jahren montiert Bettina Böhler hier einen sozialkritischen Autorenfilm ohne großes Budget. Sie gibt den Figuren Raum und lässt die langen Einstellungen auf den Zuschauer wirken. Michael Klier schätzt an der Cutterin, dass sie auch mal mehr wegschneidet, als es den Regisseuren manchmal lieb ist, womit sie aber letztendlich immer dem Film dient. 2004 arbeitet sie ein weiteres Mal mit ihm zusammen. FARLAND (2004) spielt in der ostdeutschen Provinz und kreist um Karla (Laura Tonke) und Axel (Richy Müller), die sich im Krankenhaus an den Betten ihrer verunfallten Familienangehörigen treffen und sich vorsichtig annähern. In ruhigen Einstellungen entwickeln sich die Charaktere. Der Regisseur vergleicht seine Cutterin mit einer Bildhauerin, die etwas vom Film wegnimmt, damit er Gestalt erlangt.

PLÄTZE IN STÄDTEN (1998) ist ihre erste Zusammenarbeit mit Angela Schanelec. Dieser langsam erzählte Film um die schwangere Schülerin Mimi, die sich nach Paris aufmacht, um den Vater des Kindes zu suchen, konzentriert sich auf die Darstellung von Körpern im Raum. Bettina Böhler setzt den Schnitt sehr sparsam ein, und es entsteht ein elliptischer Film, der sich seiner Hauptfigur, obwohl in fast allen Szenen zu sehen, nie recht annähert. MEIN LANGSAMES LEBEN (2001) begründet eine weitere Zusammenarbeit der beiden Frauen. Der Film begleitet ein paar Menschen im sommerlichen Berlin umgeben von großen Themen wie Liebe, Verrat, Geburt und Tod. Diese sind auf das Wesentliche reduziert, und es entsteht ein sanfter Reigen von langen Einstellungen, die dank des unaufdringlichen aber bestimmten Schnitts funktionieren. MARSEILLE (2004) lobt die Kritik wieder für die ruhigen Einstellungen, die erst nach und nach die Situation erkennen lassen. Bettina Böhler konzentriert den Schnitt auf das Minimum, so dass er nur an wirklich notwendigen Stellen ansetzt. FREMDE HAUT (2005) ist ein Drama um eine iranische Asylantin (Jasmin Tabatabai), die eine falsche Identität als Mann annimmt, um in Deutschland zu leben, kreist um die Themen Identität und Unabhängigkeit. VERFOLGT (2006) erzählt von der Bewährungshelferin Elsa (Maren Kroymann), die in der Beziehung zu dem 16-jährigen Jan (Kostja Ullmann) besondere sexuelle Neigungen entdeckt. Die Regisseurin Angela Schanelec schätzt an Bettina Böhler ihre Erfahrung, mit den Bildern spielerisch umzugehen, so dass der Film seinen endgültigen Rhythmus erst durch den Schnitt erhält. Mit NACHMITTAG (2007) entsteht ein weiterer ruhig erzählter Film. Bettina Böhler zeigt ihre Vorliebe für die Autorenfilme der jungen Generation und schneidet wie gewohnt sehr genau. Sie hält den langsamen Rhythmus der Geschichte um das Ende einer Familie präzise ein.

2002 schneidet sie KLASSENFAHRT (2002), den ersten abendfüllenden Film von Henner Winckler. Die Titel gebende Klassenfahrt führt an die polnische Ostsee und konzentriert sich auf eine Dreiecksgeschichte zwischen zwei Jungen und einem Mädchen. Der Film inszeniert die Gegenwart in einem ruhigen Rhythmus, welcher der bisherigen Arbeit von Bettina Böhler sehr entgegenkommt. Auch hier geben wenige, aber präzise Schnitte die Grundstimmung des Films deutlich wieder. Mit Henner Winckler arbeitet sie nochmals zusammen. Sein Film LUCY (2006) erzählt von einer Teenagerin, die ihren Alltag mit Baby auf die Reihe bekommen muss. In lakonischen Bildern und scheinbar alltäglichen Begebenheiten scheint die ganze Tragik der Situation durch. Wieder schneidet Bettina Böhler so präzise, dass in den genau konzipierten Einstellungen die Personen in scheinbar banalen Situationen an Tiefe gewinnen.

Die Meisterin am Schneidetisch bewegt sich auch auf internationalem Parkett. Der pakistanische Film EWIG FREMD (2003) von Sabiha Sumar erhält den Goldenen Leopard in Locarno. Filme, an denen sie beteiligt ist, gewinnen zahlreiche Preise und laufen auf Festivals. So SEHNSUCHT (2006) von Valeska Grisebach, der in der brandenburgischen Provinz spielt und in ruhigen Bildern eine Dreiecksgeschichte erzählt. Mit Laiendarstellern gedreht, gilt dieser Film als weiterer Bestandteil der Neuen Berliner Schule. Lange, ruhige Einstellungen verdichten die Realität zu einem Film, der das Besondere im Alltag durchscheinen lässt. VIVERE (2007) von Angelina Maccarone erzählt parallel von drei Frauen (Hannelore Elsner, Esther Zimmering, Kim Schnitzer) an einem Weihnachtsabend aus der jeweiligen Perspektive. Bettina Böhler schneidet diese geschickt gegeneinander, so dass sich die Geschichte erst nach und nach entfaltet. Im selben Jahr montiert sie ebenfalls für Angelina Maccarone den Kölner TATORT - WEM EHRE GEBÜHRT (2007).

Die Editorin montiert dann LULU & JIMI (2008) (LULU & JIMI (2008) Trailer) von Oskar Roehler. Der Film entsteht nach dem amerikanischen Vorbild WILD AT HEART (1990) von David Lynch. In dem grellen Ambiente dominieren schnellere Schnitte, womit Bettina Böhler ihre Fähigkeit zeigt, das vorhandene Material intuitiv zu erfassen und in seiner Besonderheit zu formen. Für den Episodenfilm DEUTSCHLAND 09 (2009) schneidet die Cutterin den Kurzfilm DIE UNVOLLENDETE von Nicolette Krebitz.

Bettina Böhler lebt als freie Editorin in Berlin. Seit 1991 ist sie Dozentin für Schnitt an der Deutschen Akademie für Film und Fernsehen Berlin.

-----
Autorin
Katharina Losso, Stand: März 2009

-----
Links
Bettina Böhler auf moviepilot.de

Aktueller Stand der Datenbank:
18048 Filme,
70288 Personen,
5259 Trailer,
869 Biographien,
54 Themen & Listen
all: 2,03448