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Harun Farocki

Harun Farocki
Regie, Künstlerische Leitung, Produzent

* 09. Januar 1944
Neutitschein (Novy Jicin)
Deutschland (heute Tschechien)

HARUN FAROCKI • Biographie Seite 1/1

Der Essayfilmer, Videoinstallationskünstler und Filmkritiker Harun Farocki weist dem Mittel der Verfremdung eine zentrale Position in seinem Werk zu. Seine Filme rücken die allgegenwärtige Bilderflut mittels Montage und Kommentar in einen neuen Kontext. Dadurch erreicht er beim Betrachter ein tiefes Gefühl der Irritation. Sein Ziel ist es, die Bilder aufzubrechen und als manipulative Produktion darzustellen. Mit über 100 Filmen und Videoinstallationen hat Harun Farocki eine beachtliche Filmographie vorzuweisen.

Harun Farocki wird am 9. Januar 1944 in Neutitschein geboren. Die Stadt heißt heute Nový Jičín und liegt in dem während des Krieges von den Deutschen annektieren Teil der Tschechoslowakei. Sein indischer Vater Abdul Qudus Faroqui absolviert in Deutschland eine Ausbildung zum Flieger und studiert danach Medizin. Nach Kriegsende zieht die Familie in Asien und Europa umher. Erst 1958 lässt der Vater sich in Hamburg als Arzt nieder.

Harun Farocki trampt als Jugendlicher viele Male quer durch ganz Europa. 1962 zieht er nach Westberlin und legt im Abendstudium das Abitur ab. Er studiert Theaterwissenschaft, Soziologie und Publizistik an der Freien Universität Berlin mit dem vagen Ziel Kunstproduktion. Während dieser Zeit ist er fester Bestandteil der jeunesse-dorée-Szene. Die Gruppe besucht Vernissagen, liefert sich aber auch tagelange Wettkämpfe im Murmelspiel. Dort entstehen erste Kontakte mit von den Cahiers du cinéma beeinflussten Cinéasten. Harun Farocki beginnt erste Filmkritiken im Spandauer Volksblatt zu veröffentlichen. Zusammen mit Christian Semler veröffentlicht er einen Aufsatz über die Praxis offizieller Filmauswahl für Kinos in der DDR. 1966 nimmt er im 1. Jahrgang der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) sein Studium auf. Wegen seiner politischen Aktivitäten wird er gemeinsam mit 18 Kommilitonen (darunter auch Hartmut Bitomsky, Holger Meins und Wolfgang Petersen) für eine kurze Zeit vom Studium ausgeschlossen.

Harun Farockis erster Film ZWEI WEGE(1966), ein dreiminütiger Beitrag für den SFB, markiert den Beginn seines Filmschaffens. In den folgenden Jahren entstehen an der DFFB häufig im Kollektiv erarbeitete dokumentarische Agitations- und Lehrfilme. 1968 dreht er WHITE CHRISTMAS (1968), der die Sehnsucht nach einer weißen Weihnacht in Gegensatz zum Vietnamkrieg stellt. Ein weiterer Agitationsfilm NICHT LÖSCHBARES FEUER (1969) thematisiert die Herstellung von Napalm, damit Arbeiter gegen die Produktion von Rüstung revoltieren. Für die Dreharbeiten funktionierte er seine Berliner Wohnung in die Büroräume der amerikanischen Firma Dow um, die chemische Kampfstoffe herstellt. Einige Kritiker loben den Film, andere werfen ihm marxistische Agitation vor.

Hartnäckig verfolgt Harun Farocki seine Vorstellung vom Geschichtenerzählen. Er legt den Schwerpunkt weniger auf eine klassische Erzählweise, sondern folgt der Struktur des Gedankens. Das Ziel sind assoziative Filme, die im Widerspruch zu allgemeinen Sehgewohnheiten stehen. Jedoch finden sich keine Finanziers für diese Art von Film. Harun Farocki dreht mit Hartmut Bitomsky noch einige Lehrfilme mit marxistischem Gedankeninhalt, wie DIE TEILUNG ALLER TAGE (1970), EINE SACHE; DIE SICH VERSTEHT (1971) und DIE SPRACHE DER REVOLUTION (1972) Darin finden sich irritierende Momente und vereinzelte Gags, welche die Möglichkeiten des Mediums Films in den Vordergrund stellen. Um sich seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, dreht er Beiträge für die die Kinder-TV-Serie "Seseamstrasse".

1973 inszeniert er für den WDR den TV-Beitrag DER ÄRGER MIT DEN BILDERN (1973). Hier setzt er sich kritisch mit dem Umgang von Bildern im Fernsehen auseinander. Für den Filmemacher bestehen die meisten Fernsehbilder nur aus Bildplattitüden, ohne eigenen Aussagewert. Er übt mit dem Beitrag EINMAL WIRST DU AUCH MICH LIEBEN (1973) Medienkritik an dem Genre der Groschenromane. Seit 1972 arbeitet er als Autor und ab 1974 als Redakteur der Zeitschrift Filmkritik. Zudem lehrt er als Dozent in Hamburg, Berlin, München, Düsseldorf und Stuttgart. 1976 inszeniert er zusammen mit Hanns Zischler in Basel die Theaterstücke DIE SCHLACHT und TRAKTOR von Heiner Müller.

In den Jahren 1971 bis 1977 verwirklicht der Künstler den Film ZWISCHEN ZWEI KRIEGEN (1978). Dieser wird auf der Duisburger Dokumentarfilmwoche uraufgeführt und erregt bis in die Boulevardmedien Aufsehen. Der Regisseur thematisiert die Entwicklung der Schwerindustrie zwischen 1917 und 1933. Er rückt diese in Zusammenhang mit der Entstehung des Zweiten Weltkrieges. Mit dem Werk analysiert und arbeitet er den Nationalsozialismus auf. IN ETWAS WIRD SICHTBAR (1981) geht es um ein Liebespaar und den Vietnamkrieg. Die Charaktere sprechen in den Dialogen Sätze und Ideen aus Büchern. Dadurch entsteht gerade nicht die Illusion, die viele Filme zum Ziel haben. Zusammen mit Felix Hoffmann dreht Harun Farocki ein Portrait über den Schauspieler Peter Lorre : DAS DOPPELTE GESICHT: PETER LORRE (1983). 1984 stellt die Zeitschrift Filmkritik ihr Erscheinen ein. Harun Farocki produziert seitdem für den WDR in unregelmäßigen Abständen "Filmtips".

In seinem einzigen Spielfilm BETROGEN (1985) geht es um einen Mann (Roland Schäfer ), der im Nachtlokal eine Frau (Katja Rupé ) anspricht und kurz darauf heiratet. Als sie ihn verlassen will, tötet er sie und lebt von da an mit ihrer Schwester (Nina Hoger ) zusammen. Keiner merkt, dass er seine Frau durch eine andere ersetzt hat. Der Regisseur inszeniert den Krimi mit ironischer Distanz und fällt bei der Kritik durch. Sie durchschaut das Spiel mit den Erwartungen nicht, sondern nimmt die Darstellung im Film zu ernst.

In WIE MAN SIEHT (1985) filmt er wieder dokumentarisch. Er untersucht die Stabilität des Kapitalismus anhand von Bildern der Arbeiter eines britischen Rüstungskonzerns. Der Regisseur gibt keine Antworten, sondern fordert indirekt, weiter Fragen zu stellen. In ZIELE: DIE SCHULUNG (1987) beobachtet er Manager bei einer Rede- und Imageschulung. Bei IMAGE UND UMSATZ ODER: WIE KANN MAN EINEN SCHUH DARSTELLEN (1989) filmt er die Arbeit in einer Werbeagentur. Durch seine geschickte Montage macht er die politischen und wirtschaftlichen Strukturen deutlich, der alle Beteiligten unterworfen sind. Der Film BILDER DER WELT UND INSCHRIFT DES KRIEGES (1989) zeigt die Dechiffrierung von Fotos, die US-Bomber aus 7000 Metern Höhe von Auschwitz aufgenommen haben. Assoziativ reflektiert der Film über die künstliche Welt, die entsteht, wenn tatsächliche Vorgänge mit Bildern ausgedrückt werden. In LEBEN:BRD (1990) porträtiert er das inflationäre Aufkommen von Berufstrainingskursen. Durch diese Collage entsteht eine realistische Zustandsbeschreibung der bundesdeutschen Gesellschaft. Später greift er dieses Thema in DIE UMSCHULUNG (1994) wieder auf.

Neben seiner Filmarbeit ist Harun Farocki auch als Video-Künstler, Kurator und Professor unterwegs. Von 1993 bis 1999 unterrichtet Harun Farocki als Gastprofessor an der Universität Berkeley in Californien. Er ist seit 2000 Dozent an der DFFB und an der Hochschule der Künste in Berlin. Seit 2006 ist er Professor an der Akademie für bildende Künste in Wien. Seit 1996 hat er zahlreiche Gruppen- und Einzelausstellungen in Museen und Galerien. Darunter fanden sich Arbeiten über Gefängnisse und Shopping Malls. 1998 kuratiert er zusammen mit Katja Silverman die Ausstellung "Von Godard sprechen" in New York und Berlin, zusammen mit seiner Frau Antje Ehmann in Wien die Ausstellung "Kino wie noch nie". 2007 ist diese auch in Berlin zu sehen. Im selben Jahr nimmt er mit seiner Installation "Deep Play" an der documenta 12 in Kassel teil. Die Installation gibt einen Ausschnitt aus dem Fußball-WM-Finalspiel 2006 wieder. Die Bewegungen der Fußballspieler werden auf zwölf Monitoren in verschiedene abstrakte Analysen zerlegt. 2008 folgt der Filmessay ÜBERTRAGUNG (2008). Er thematisiert die Gesten der Berührung an Gedenk- und Pilgerstätten. Für den Dokumentarfilm NICHT OHNE RISIKO (2004) über Risikokapital-Gesellschaften erhält Harun Farocki den Herbert Quandt-Medien Preis 2006.

Für einige Anhänger der Neuen Berliner Schule ist er ein Mentor, auf dessen Hinweise sie auf Grund seiner langjährigen Erfahrung gerne zurückgreifen. Bei DIE INNERE SICHERHEIT (2000) und GESPENSTER (2005) von Christian Petzold (einem DFFB-Absolventen) schreibt er mit am Drehbuch. Er übernimmt zudem bei YELLA (2007) (YELLA (2007) Trailer) und JERICHOW (2008) (JERICHOW (2008) Trailer) die dramaturgische Beratung.

1966 heiratet Harun Farocki seine Lebensgefährtin Ursula Lefkes , mit der er zwei Jahre später die Zwillinge Annabel Lee und Larissa Lu bekommt. Nach der Scheidung folgt 2001 die Heirat mit Antje Ehmann . Die Familie lebt in Berlin.

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Stand: März 2009
Autorin: Katharina Losso

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