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John Alton

John Alton
Kamera

* 05. Oktober 1901
Sopron
Ungarn
† 02. Juni 1996
Santa Monica (Kalifornien)
USA

JOHN ALTON • Biographie Seite 1/1

Der Kameramann John Alton ist bekannt für seine kontrastreiche Lichtsetzung und ungewöhnlichen Kameraperspektiven. Nach Aufenthalten in Europa und Argentinien ist er von 1940 bis 1960 - während der klassischen Periode des film noir - in Hollywood tätig. Er gilt als Meister dieses Epochenstils, der unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs entsteht und Einflüsse europäischer Konzeptionen aufweist. Wie kein anderer stimmt John Alton expressionistische Techniken auf die neuen Bemühungen um Realismus ab. Er hat das Talent, sowohl in abstrakten Studioproduktionen als auch bei Außenaufnahmen die düstere Atmosphäre des film noir zu erzeugen. Eigentlich der Schwarzweiß-Ästhetik verpflichtet, markiert der Oscar für die Beste Fotografie der Schluss-Sequenz von Vincente Minnellis Farbfilm EIN AMERIKANER IN PARIS (1951) den Gipfel von John Altons Karriere.

John Alton wird am 05. Oktober 1901 als Johann Altmann in Sopron, Ungarn geboren. Nach einer ersten Begegnung mit einem Kameramann auf der Straße, jobbt er noch während seiner Schulzeit in einem Studio in Budapest. 1918 emigriert er mit seinen Eltern nach Amerika. 1924 beginnt er nun unter dem Namen John Alton als Labortechniker im Kopierwerk von Metro-Goldwyn-Mayer. 1927 dreht er in Europa Archivaufnahmen von Originalschauplätzen für den Einsatz in anderen Filmen. Zu dieser Zeit entdeckt er in den französischen und deutschen Studios seine Bewunderung für die Lichtführung von Kameramännern wie Karl Freund und Curt Courant. 1928 übernimmt er in der Niederlassung von Paramount in Paris zeitweise die Leitung der Kameraabteilung. Ein argentinischer Geschäftsmann holt ihn 1931 nach Buenos Aires. Dort dreht er bis 1939 als Kameramann und Regie-Assistent Musik-Komödien und Krimis für die Produktionsfirmen Lumiton und Argentina Sono Film, und erhält dafür Auszeichnungen von der argentinischen Filmindustrie. 1940 geht er als Kameramann nach Hollywood, wo er zwei Jahrzehnte lang in verschiedenen Sparten arbeitet. Er filmt anfangs B-Movies für RKO und Republic, von leichter Unterhaltung über berühmte schwarze Filme für Anthony Mann, Joseph H. Lewis und Allan Dwan bis zum Western. Bei Eagle Lion beginnt 1948 seine fruchtbare Zusammenarbeit mit Anthony Mann, mit dem er 1949 zu MGM wechselt, für die er bis 1953 mit Regisseuren wie John Sturges und Vincente Minnelli arbeitet. Mitte der 1950er Jahre ist er für wechselnde Produzenten tätig, auch wieder für RKO. 1960 entsteht sein letzter Film, mit Richard Brooks, erneut für MGM.

John Altons Stil zeichnet sich durch seine Lichtgestaltung, mit einem Faible für extreme Kontraste (Chiaroscuro), und dynamische Bildkomposition aus. Insofern die Kadrierung bei ihm Vorrang hat, bewegt er die (oft tief positionierte) Kamera in der Regel selten. In dem Maße wie der Stil einen Schlüssel zum Verständnis des film noir liefert, ist John Alton der Ansicht, dass der harte Kontrast von Schatten und Licht die Tragik der Situation akzentuiert. Quer zum Optimismus des Hollywood-Kinos durch hell ausgeleuchtete Räumlichkeiten im High-Key-Stil, erzeugt der für die Schwarze Serie charakteristische Low-Key-Stil finstere Stimmungen, in dem - durch Reduktion des Führungslichts - Schattenflächen überwiegen. Tief hängende Decken tragen das ihre zur beklemmenden Atmosphäre bei. John Alton geht von einer schwarzen Leinwand aus und beleuchtet sparsam wie gezielt nur das, was für die Szene relevant ist. Er malt mit Licht auf schwarzem Grund, seien es geometrische Flächen, Gitter, Jalousien, Lichtbahnen oder Kreise von Autoscheinwerfern. Sein Licht zerschneidet Räume, oder Gesichter, wenn etwa Seitenlicht nur eine Hälfte oder Ränder zu erkennen gibt. Ferner werden die Bilder oft von diagonalen und schrägen Linien strukturiert. Ein weiteres Merkmal des Genre sind extreme Untersichten, wobei die Objekte im Bild, verkürzt und schräg, oft eine bedrohliche Situation suggerieren. John Alton dreht mehrere films noirs für Anthony Mann:

GEHEIMAGENT T (1947) ist ein nach authentischen Polizeiakten gedrehter film noir. John Alton filmt hier teilweise nachts im Freien ohne zusätzliches Licht und verwendet Weitwinkelobjektive. Der Film gibt sich anfangs als Dokumentation aus, entfaltet sich aber bald als Thriller. Als ein Undercover-Agent zusehen muss, wie sein Kollege ermordet wird, wird seine Trauer visualisiert, indem die Kamera in Großaufnahme zeigt, wie er den Kopf senkt und der Schatten der Hutkrempe über sein Gesicht wandert, bis es ganz in Schwarz gehüllt ist. In einer vorherigen Szene fällt der Geheimagent bei seinem Rausschmiss aus einem Lokal nahezu in die am Boden positionierte Kamera. Ein Mann im türkischen Bad wird durch vollständiges Öffnen des Dampfhahns getötet. Durch das Fenster in der verschlossenen Tür strahlt schrilles Licht - das an die Freiheit erinnert - in die vernebelte Kabine. Im Film FLUCHT OHNE AUSWEG (1948), in dem ein ausgebrochener Häftling sich an einem Verräter rächen will, setzt John Alton wieder wenig, aber aggressives Licht ein. Diagonale Linien verweisen auf Spannungen (namentlich Eifersucht) in einer Dreiecksbeziehung zwischen Protagonist, Schutzengel und Konkurrentin. TÖDLICHE GRENZE (1949) ist eine weitere Undercover-Geschichte, über Menschenhandel an der mexikanischen Grenze. In diesem rabenschwarzen Film wird ein Mann von einem Pflug erfasst. Die Kamera filmt das tödliche Fahrzeug streckenweise aus der Froschperspektive. Neben diesen bekannten Filmen entstehen mit Anthony Mann noch DAS SCHWARZE BUCH (1949), ein Historienfilm über die französische Revolution, und FLUCH DES BLUTES (1950), ein Western über das Los der Indianer - beide gleichsam im noir-Stil.

In SCHRITTE IN DER NACHT (1948) von Alfred Werker und Anthony Mann finden sich die film noir-typischen Bilder von Straßenfluchten und verwinkelten Gängen als Variation in einer unterirdischen Verfolgungsjagd. Wenn der Killer in die Tiefe der Kanalisationstunnel rennt, ist teils nur der unruhige Lichtkreis seiner Taschenlampe zu sehen, umgekehrt fällt das Licht manchmal direkt und grell in die Kamera. Indem der Verbrecher im Verlauf des Films wiederholt in Untersicht gezeigt wird, kommt die von ihm ausgehende Gefahr zum Ausdruck.

John Altons Techniken sind wie auf den film noir zugeschnitten. DER MANN MIT DER NARBE (1948) von Steve Szekely ist eine Doppelgängergeschichte, in der John Alton die blinkende Leuchtreklame, die in der Schwarzen Serie regelmäßig erscheint, wie immer dramaturgisch verwendet; Dampf und Rauch prägen die nächtliche Atmosphäre des Films DIE TOTE IN DEN DÜNEN (1950) von John Sturges; in DER RICHTER BIN ICH (1953) von Harry Essex visualisiert John Alton die Gewalt durch Licht-und-Schatten-Effekte. STRASSE DES VERBRECHENS (1956) von Allan Dwan nach James M. Cain ist ein Farbfilm und dennoch schwarz.

In GEHEIMRING 99 (1955) von Joseph H. Lewis, der zuweilen als John Altons wichtigster film noir genannt wird, geht es um einen schwer zu fassenden Gangsterkönig. Hier gelingt es dem Kameramann mittels präziser und minimaler Lichtsetzung, einen Flughafen im Studio zu konstruieren: die Wände schwarz verkleidet, Autoscheinwerfer, das rhythmische Blinken des Towersignals und viel Nebel. Ihm zufolge sagt das Licht mitunter mehr als die Schauspieler: In der Schluss-Szene gehen die Gangsterbraut und der in sie verliebte Polizist - bei Gegenlicht nur als Schattenrisse erkennbar - in die Bildtiefe, bis sie der Nebel verschlingt. So bleibt offen, ob sie zusammenfinden, wobei das rotierende Licht die Ungewissheit betont. Dieses abstrakte Bild wird als Inbegriff des film noir, oder auch als Ausdruck der Moderne gelesen.

Auch in anderen Genres, etwa für die Darstellung der zwiespältigen Helden in Allan Dwans Western STADT DER VERDAMMTEN (1954), KÖNIGIN DER BERGE (1954), TODESFAUST (1955), favorisiert John Alton die dunkle Tonart. Nach eigenen Angaben leuchtet er Farbfilme ebenfalls wie Schwarzweiß aus, so etwa Richard Brooks' DIE BRÜDER KARAMASOV (1958) und ELMER GANTRY (1959) oder ANDERS ALS DIE ANDERN (1956) von Vincente Minnelli. Dessen Musical EIN AMERIKANER IN PARIS (1951) ist John Altons bedeutendster Farbfilm, obwohl er nur die abschließende Tanz-Sequenz filmt (den Oscar erhält er gemeinsam mit Alfred Gilks). Gegen alle Widerstände besteht Vincente Minnelli auf John Altons Mitarbeit für die Ballettszene. Dieser zieht den Unmut der Beteiligten auf sich, da er unkonventionell arbeitet, durch Reduktion der Lampen Beleuchter arbeitslos macht, oder etwa die Scheinwerfer mit gelben Filtern versieht. Seine Kenntnisse berühmter Maler schlägt sich in der siebzehnminütigen Sequenz nieder. Wie die zahlreichen Kamera-Operationen, variiert er auch vielfach das Licht. Er "malt mit Licht" Farbübergänge und wechselt zwischen Tag und Nacht, teilweise innerhalb der Bewegung. Als das Ergebnis vorliegt, gibt der Produzent Arthur Freed zu, dass John Altons Kamera den Film gerettet hat.

1948 veröffentlicht John Alton sein Buch "Painiting With Light".
Der Kameramann heiratet in Argentinien die Journalistin Rozalia Kiss. Sie bleiben zusammen bis zu ihrem Tod 1987. John Alton stirbt am 2. Juni 1996 in Santa Monica, Kalifornien.

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Autorin
Rahel Gläser, Stand: Mai 2009

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