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David Lynch

David Lynch
Regie, Drehbuch, Kamera, Architektur, Liedtext, Ton, Schnitt, Darsteller, Produzent, Ausführender Produzent

* 20. Januar 1946
Missoula (Montana)
USA

DAVID LYNCH • Biographie Seite 1/1

David Lynch ist ein Meister des surrealen Kinos. Der Independent-Regisseur versteht es, unglaublich erschreckende und aufwühlende Parallelwelten zu erschaffen und diese mit narrativen Elementen des kommerziellen Kinos zu vermischen, sodass der Zuschauer zum Spielball von Sex, Gewalt und menschlichen Abgründen wird. Zugleich drückt sich das Multitalent auf anderen künstlerischen Wegen aus: Mit Fotografien, Bildern, Skulpturen, Gedichten oder selbst entworfenen Möbelstücken begeistert er weltweit ein Publikum abseits der Kinowelt.

David Keith Lynch wird am 20. Januar 1946 in Missoula im US-Bundesstaat Montana geboren. Als Sohn des Agrarwissenschaftlers Donald Lynch, der für das amerikanische Landwirtschaftsministerium arbeitet, ist er immer wieder gezwungen mit seinen Eltern und den drei Geschwistern umzuziehen. Nachdem er bereits in Montana, Idaho und Washington gewohnt hat, absolviert er 1964 die Highschool in Alexandria, Virginia und zieht an die Ostküste, um in Washington D.C. und Boston Kunsttheorie zu studieren. Ein Jahr später beschließt der junge Student, sein Glück in der Praxis zu versuchen und schreibt sich bei der Pennsylvania Academy of Fine Arts in Philadelphia ein. Sein Arbeitsgebiet reicht von Malerei über Statuen und Fotografie bis hin zu experimenteller Kunst. Seine Abschlussarbeit im letztgenannten Fach ist der Animationsfilm SIX FIGURES (1967).

Im Jahr darauf erhält der Künstler den Auftrag für ein "bewegtes Gemälde" und kreiert daraufhin den vier Minuten langen, düsteren Animationsfilm THE ALPHABET (1968). Er handelt von einem Mädchen, das auf ihrem Bett liegt und Kindern lauscht, die das ABC singen, bis es plötzlich von pflanzenartigen Tentakeln gewürgt wird und Blut erbricht. Der 35-minütige Kurzfilm THE GRANDMOTHER (1970) wird im Allgemeinen als Startpunkt der Filmographie David Lynchs aufgelistet. Der Film erzählt von einem kleinen Jungen, der - von den Eltern ignoriert und fürs Bettnässen verprügelt - auf seinem Bett eine Pflanze sät, die eine alte Frau gebiert. Diese tröstet den einsamen Jungen, wird jedoch bald krank und stirbt. Von den Eltern ausgelacht, bleibt der Junge einsam in seinem Zimmer zurück und schläft ein. Mit diesem Kurzfilm erlangt der junge Regisseur ein Stipendium des American Film Institute in Beverly Hills. Schon in den ersten Filmen David Lynchs sind mit zerbrochenen Familien und traumatisierten Menschen zwei wichtige Themen seines Gesamtwerks erkennbar. Die Melange aus kargem Realismus und ausufernden, surrealen Phantasien machen bereits seine Kurzfilme zu charakteristischen Werken. Beachtenswert sind auch die animatorischen Fähigkeiten, die der Filmemacher in seinen ersten Filmen unter Beweis stellt. Jegliche Tricks und Animationen wurden von ihm selbst erdacht und ausgeführt.

Fünf Jahre dauert es bis sein 1972 begonnenes Debütprojekt ERASERHEAD (1977) fertig gestellt ist. Der Film wurde mit vielen finanziell bedingten Unterbrechungen gedreht und hat einen sehr experimentellen Charakter. Die Erfahrungen, Erinnerungen oder Phantasien des Protagonisten Henry Spencer, gespielt von John Nance, stehen scheinbar kaum im Zusammenhang. Immer wieder muss der Zuschauer abrupte Wendungen hinnehmen und verwirrende, an Ekel grenzende Szenen verdauen. Trotz des schwer zu folgenden Plots und der kaum interpretierbaren Bilder hinterlässt der Film einen bleibenden Eindruck in der Filmwelt. Er wird zu einem Aushängeschild der so genannten "Midnight Movies", skurrilen und zum Teil blutrünstigen Filmen, die aufgrund ihrer Andersartigkeit nur in den Mitternachtsvorstellungen kleiner Kinos ihre Anhänger finden.

Der Underground-Erfolg des Films geht jedoch nicht komplett am Establishment vorbei, ist es doch der bekannte Komiker Mel Brooks, der David Lynch die Gelegenheit gibt für seinen nächsten Film DER ELEFANTENMENSCH (1980) Regie zu führen. Hierbei handelt es sich um die tragische Geschichte des John Merrick (John Hurt), einem durch das Proteus-Syndrom körperlich deformierten Mann, der von dem Chirurgen Frederick Treves (Anthony Hopkins) aus einer Freakshow befreit wird und nun in das bürgerliche Leben des London der 1880er integriert werden soll. Der starbesetzte Film, in weiteren Rollen spielen unter anderen Anne Bancroft und Sir John Gielgud, ist ein voller Erfolg und wird acht Mal für den Academy Award nominiert. Bei den Verleihungen geht die Charakterstudie zwar leer aus, spielt jedoch allein in den USA 26 Millionen Dollar ein, was mehr als das fünffache der Produktionskosten ist. Der Künstler kann mit diesem Erfolg bei Publikum und Kritikern seine Vielfältigkeit als Filmemacher beweisen.

Das Angebot von George Lucas, den dritten Teil der Star Wars-Trilogie DIE RÜCKKEHR DER JEDI-RITTER (1983) zu verfilmen, lehnt David Lynch aufgrund mangelnder Freiheiten ab. Stattdessen geht er sein nächstes Projekt zusammen mit dem bekannten Produzenten Dino de Laurentiis an. DUNE - DER WÜSTENPLANET (1984), die Verfilmung des gleichnamigen Science-Fiction Romans von Frank Herbert, wird trotz eines Rekordetats von 40 Millionen Dollar zu einem kommerziellen Desaster. Das Epos, welches von der Rivalität zweier Dynastien handelt, die die Macht über den Weltraum erlangen wollen, wird von Kritikern als zu verworren angesehen und zeigt wenig typische Elemente des Regisseurs.

Zwei Jahre später bringt David Lynch seine zweite Zusammenarbeit mit Dino de Laurentiis, der seinem Regisseur diesmal mehr Freiheiten lässt, heraus. Der obskure Krimi BLUE VELVET (1986) ist der bekannteste Film des Auteurs und begeistert weltweit Publikum und Kritiker gleichermaßen. Dieses Werk wird zu einem Maßstab für alle folgenden Filme. Der naive Student Jeffrey, gespielt von Kyle MacLachlan, besucht seinen Vater im Krankenhaus der idyllischen Kleinstadt Lumberton. Als er ein abgetrenntes Ohr findet und dessen Spur zur attraktiven Cabaret-Sängerin Dorothy Vallens (Isabella Rossellini - der späteren Geliebten des Regisseurs) führt, gerät er nach und nach in eine ihm unbekannte Welt voller Gewalt und Sex, die ihn gleichzeitig fasziniert und abstößt. Er ist im Zwiespalt zwischen der freundlichen Nachbarstochter Sandy (Laura Dern) und der verruchten Dorothy, in deren Wohnung er wiederholt einbricht, um sie zu beobachten. Dieser Voyeurismus führt ihn auf die Spur des von Dennis Hopper verkörperten Psychopaten Frank Booth, der offenbar Dorothys Mann - von ihm stammt das Ohr - und Kind entführte. Der Filmemacher, der im Folgejahr für den Academy Award in der Kategorie Beste Regie nominiert wurde, drückt durch diesen Film die Ambivalenz des Menschen aus. Das Glatte und das ungehobelt Rohe im Menschen wechseln sich ab in ihrer Koexistenz zwischen Gewalt und Sex, Hilfsbereitschaft und Liebe.

THE COWBOY AND THE FRENCHMAN (1989) stellt sein nächstes Werk dar. Der 22-minütige Kurzfilm ist Teil der Kurzfilmrolle LES FRANÇAIS VU PAR… (1989) und ist ein unkonventioneller, humorvoller Film über international bekannte Stereotypen.

David Lynch kann ein Jahr später mit seinem Roadmovie WILD AT HEART (1990) den internationalen Erfolg seiner vorherigen Werke bestätigen. Er gewinnt die goldene Palme von Cannes und wird ein weiteres Mal für den Academy Award nominiert. Die Verfilmung des Barry Gifford Romans ist eine tiefgreifende Geschichte der zwei Liebenden Sailor (Nicolas Cage) und Lula (Laura Dern), die vor Lulas Mutter Marrietta, gespielt von Derns leiblicher Mutter Diane Ladd, flüchten, die ihre Liebe nicht akzeptiert. Pop-Elemente wie Schlangenlederjacken, Rock'n'Roll Lieder und die flotte Sprüche des jungen Liebespaares lassen den Filmemacher in einem anderen Licht erscheinen. Kritiker bemängeln den exzentrischen Kitsch des Films, seine rohe Gewalt sowie sein vorhersehbares Ende.

Nach seinem Mitwirken an einer Hommage an die Gebrüder Lumière LUMIÈRE ET COMPAGNIE (1995), widmet sich David Lynch zwei Jahre später seinem nächsten Spielfilm. LOST HIGHWAY (1995) wird von vielen Lynch-Fans als Rückkehr zu alten Idealen gefeiert. Die extrem verstörende Film-Noir Geschichte mit Bill Pullman und Patricia Arquette lässt den Zuschauer durch experimentelle Szenen, ähnlich wie im Erstlingswerk des Künstlers, im Unklaren über die eigentliche Geschichte. Der von Barry Gifford und David Lynch erdachte Plot ist nach eigenen Angaben ein so genanntes Möbiusband: Die Geschichte wird nicht linear erzählt, sondern führt zum Anfang zurück und erfährt in der Mitte eine plötzliche Wendung. Auch Definitionen von Raum und Zeit werden in Frage gestellt.

Mit EINE WAHRE GESCHICHTE - THE STRAIGHT STORY (1999) schlägt David Lynch eine komplett andere Richtung ein. Es ist die einfühlsam erzählte, wahre Geschichte des 73-jährigen Rentners Alvin Straight - Richard Farnsworth ist hier in seiner letzten Rolle zu sehen. Alvins Bruder Lyle (Harry Dean Stanton) erleidet einen Schlaganfall, weswegen er beschließt, zu ihm zu reisen und nach 10 Jahren mit ihm zu versöhnen. Aus gesundheitlichen Gründen legt er die Reise mit seinem Rasenmäher zurück. Der Schwerpunkt des Films liegt auf der sechs Wochen dauernden Reise und den Menschen, denen Alvin begegnet. Viele von ihnen bereichert er mit seinen Lebensgeschichten. Der Film wird gleichermaßen bereichert durch die authentische Musik und unglaublich intensive Bilder des weiten Landes zwischen Iowa und Wisconsin. Durch seine langsamen Bilder und der geradlinigen Story ist dieses Werk ein Paradiesvogel in der zum Teil albtraumhaften und unbehaglichen Filmographie des Independent-Regisseurs.

David Lynch plant sein nächstes Werk, MULHOLLAND DRIVE - STRASSE DER FINSTERNIS (2002), ursprünglich als Pilotfilm für eine TV-Serie der ABC. Als der Film letztendlich abgelehnt wird, sponsert der französische Sender Canal Plus 7 Millionen Dollar, um den Film zu Ende drehen zu können. Die düstere Geschichte behandelt bekannte Themen, wie Eifersucht und Mord, weshalb sie sich nahtlos in vorherige Werke einreiht, dabei jedoch ohne langweilig oder überzogen zu wirken. Für diese Leistung wird dem Regisseur ein weiteres Mal die goldene Palme des Filmfestivals in Cannes verliehen. Den Academy Award für die beste Regie verpasst er aber wieder.

Das Kurzfilmprojekt RABBITS (2002) bleibt nur den Besuchern der Homepage des Filmemachers vorbehalten. Wie schon in seinem vorhergehenden Film, arbeitet er mit Naomi Watts zusammen. Der Soundtrack stammt von Angelo Badalamenti, der seit 1986 die Filme seines langjährigen Weggefährten vertont. Weitere Kurzfilme bringt er unter dem Namen DUMB LAND (2005) heraus. Die acht Zeichentrickfilme werden ebenfalls vorab auf seiner Website einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Vier Jahre später veröffentlicht David Lynch das Mystery-Drama INLAND EMPIRE (2006) (INLAND EMPIRE (2006) Trailer). Kritiker sehen es als Schlusspunkt einer Trilogie bestehend aus den zwei weiteren Filmen LOST HIGHWAY (1995) und MULHOLLAND DRIVE - STRASSE DER FINSTERNIS (2002). Die 172-minütige Kinoversion fesselt die Zuschauer und hält sie gefangen in der Geschichte der Schauspielerin Nikki Grace (Laura Dern), die nach ihrer Identität sucht. Sie spielt in einem Remake des nie beendeten, fiktionalen Films "47" mit, dessen Schauspieler auf rätselhafte Weise umgekommen sind. Die Geschichte führt über das ferne Polen bis auf den Hollywood Boulevard in Los Angeles und zeigt William H. Macy und Natassja Kinski in Gastrollen.

David Lynch ist auch in anderen Themenfeldern der Medienlandschaft versiert. Neben Werbespots für namhafte Designer oder Parfümhersteller dreht er Musikvideos für Rammstein, Chris Isaak oder Michael Jackson sowie Informationsfilme für die Stadt New York und die American Cancer Society. Besonders zu beachten sind die Arbeiten, die der Regisseur für das Fernsehen abliefert. TWIN PEAKS (1990 - 1991) ist eine populäre Mystery-Serie, die er zusammen mit Mark Frost schreibt und produziert. Im Pilotfilm und in fünf der 29 Folgen fungiert er als Regisseur. Nach dem Ende der Serie behandelt der Kinofilm TWIN PEAKS – DER FILM (1992) Ereignisse, die vor der eigentlichen Serienhandlung geschehen. Auch hierbei übernimmt David Lynch die Regie. Weitere Lynch/Frost Produktionen sind die Dokumentarfilmreihe AMERICAN CHRONICLES (1990), die Serie ON THE AIR (1992) oder die Kurzfilm-Trilogie HOTEL ROOM (1993).

Möbel, Fotografien oder Bilder des Multitalents werden im Laufe seiner Karriere in Ausstellungen gezeigt, die oft in den großen Kunstmetropolen wie Los Angeles, New York, Paris, Berlin und Tokio stattfinden. Bemerkenswert ist ebenfalls das Engagement für die David Lynch Foundation for Consciousness Based Education and World Peace, die er 2005 ins Leben ruft. Die Organisation fördert den Umgang mit der transzendentalen Meditation, basierend auf Maharishi Mahesh Yogi, und baut Schulen, die kreative Bildung fördern und stressfreies Lernen unterstützen.

David Lynch heiratet im Laufe seines Lebens drei Mal und wird Vater von drei Kindern. Aus seiner ersten Ehe mit Peggy Lynch stammt die Regisseurin Jennifer Chambers Lynch. Sein Sohn Jack Austin Lynch aus der Ehe mit Mary Fisk tritt unter anderem in INLAND EMPIRE (2006) (INLAND EMPIRE (2006) Trailer) und der ersten Folge von TWIN PEAKS (1990 – 1991) auf. Die Regisseurin und Produzentin Mary Sweeney ist seine bislang dritte Frau. Aus dieser Ehe geht das dritte Kind des Filmemachers, Sohn Riley Sweeney Lynch, hervor. Die Ehe scheitert allerdings auch.

2006 wird dem Independent-Meister bei den Filmfestspielen von Venedig der goldene Löwe für sein Lebenswerk verliehen.

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Hannes Wesselkämper (Stand Januar 2008)

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