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Herwig Kipping

Herwig Kipping
Regie, Drehbuch

* 31. März 1948
Meyhen (Saale)
Deutschland

HERWIG KIPPING • Biographie Seite 1/1

Die Biographie von Herwig Kipping, der zur letzten Generation von DEFA-Regisseuren gehört, ist gezeichnet von Querdenkerei und politischer Aufmüpfigkeit. Wie kein anderer Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg kritisiert er das Fernsehen der DDR und die DEFA, artikuliert gegenüber den politisch Verantwortlichen dessen Provinzialismus und Mittelmäßigkeit, verweigert sich der Anpassung. Dafür erhält er keine Chance, seine Filmprojekte zu realisieren, wird aus der Einheitspartei ausgeschlossen. Erst nach dem Zusammenbruch der DDR legt er mit 43 Jahren seinen Debütfilm vor.

Herwig Kipping wird am 31. März 1948 in dem kleinen Dorf Mayen, Kreis Naumburg geboren. Sein Vater ist Bauer, arbeitet später als LPG-Vorsitzender. Von 1954 bis 1964 besucht er die Polytechnische Oberschule und beginnt danach eine Lehre als Betriebsschlosser im VEB Leuna-Werke "Walter Ulbricht"; nach einem Jahr wechselt er in die Abiturklasse. Bereits während seiner Ausbildung entscheidet er sich für ein Mathematikstudium und beginnt 1967 an der Humboldt-Universität Berlin zu studieren. Nach zehn Semestern bricht er das Studium an, als er erfährt, daß er beim Zentralamt für Statistik arbeiten soll. Für seinen Lebensunterhalt arbeitet er als Bahnpostfahrer beim Bahnpostamt Berlin. Drei Jahre, von 1972 bis 1975 absolviert er seinen Wehrdienst bei der NVA als Richtfunker in Fünfeichen, in der Nähe von Neubrandenburg. Nebenbei schreibt er Gedichte, die aber alle nicht veröffentlicht werden.

1977 beginnt Herwig Kipping ein Volontariat beim Fernsehen der DDR, arbeitet zudem als Regieassistent. Von 1978 bis 1982 schließt sich ein Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg im Fachbereich Regie an. BAHNPOSTFAHRER (1979), eine Arbeit im zweiten Studienjahr, schildert die Gedanken, Gefühle und Tagträume eines jungen Mannes. Nach dem gleichnamigen Theaterstück von J. M. Synge entsteht DIE NEBELSCHLUCHT (1981). Herwig Kipping erzählt von einer jungen Frau in Irland um die Jahrhundertwende, die von ihrem deutlich älteren Mann auf die Probe gestellt wird und diese nicht besteht. In seinem Diplomfilm HOMMAGE à HöLDERLIN (1983) huldigt er dem Dichter, nähert sich in dem filmischen Gedicht dem Scheitern seiner bürgerlichen Existenz ebenso wie der Größe des Künstlers. Als Querdenker macht er auf sich aufmerksam, sein Spielfilmdebüt wird positiv aufgenommen.

Nach dem Studium, mittlerweile Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei, kehrt Herwig Kipping als Delegierter zurück zu, Fernsehen der DDR und beginnt im Bereich Publizistik zu arbeiten. Es entstehen kürzere Beiträge wie "Karl Stülpner oder Der Traum vom Fliegen" (1983) sowie "Sechs auf dem Dach" (1984). Der letztgenannte Film porträtiert eine Baubrigade. Da sich der Regisseur entschieden weigert, angewiesene Änderungen am letztgenannten Film vorzunehmen und den Film auch auf Ermahnung hin nicht entfertigen will, wird gegen ihn ein Disziplinarverfahren eingeleitet. In seinen Stellungsnahmen kritisiert er massiv die Informationspolitik des Fernsehens. Herwig Kipping wird aus der Partei ausgeschlossen. Beim Fernsehen erhält er einen strengen Verweis. Wegen seiner Aufmüpfigkeit soll er sich in anderen Bereichen bewähren, als Regie-Assistent bei der Urania arbeiten. Er lehnt ab und bietet einen Aufhebungsvertrag an.

Zwischen 1984 bis 1989 arbeitet Herwig Kipping als freiberuflicher Autor beim DEFA-Studio für Spielfilme, aber auch hier wird er zu einer Person non grata. Keiner seiner Stoffe wird angenommen, sein Treatment "Heine" wird vom Generaldirektor Hans Dieter Mäde barsch abgelehnt. Das Studio eröffnet ihm keinerlei Möglichkeiten, einen Film zu realisieren. 1986 wird er Meisterschüler an der Akademie der Künste bei Heiner Carow.

Nach de Zusammenbruch der DDR erhält Herwig Kipping erstmals eine Chance. Die DEFA entscheidet sich in der Wendezeit für acht Filme, darunter DAS LAND HINTER DEM REGENBOGEN (1992), von dem eine Materialsammlung bereits seit 1986 der DEFA vorliegt. Der Regisseur verabschiedet sich rigoros vom politischen System der DDR, thematisiert Unterdrückung, Denunziation und Bespitzelung; das apokalyptische Werk gerinnt zu einer ganz persönlichen Teufelsaustreibung, ist überaus subjektiv. Im Mittelpunkt steht eine Kindheit im Dorf Stalina im Jahr 1953, wo sich das sozialistische Paradies als Vorhof zur Hölle entpuppt. Der Film, auf diversen Festivals laufend, erhält 1992 den Bundesfilmpreis, das Filmband in Silber, und gilt als einer der radikalsten Auseinandersetzungen mit der DDR, ein unwiederbringlicher Abschied. An den Kinokassen flopt der Film, nur wenige nehmen ihn wahr.

1992 fördert das Bundesministerium des Inneren aus Mitteln der kulturellen Filmförderung sein Filmvorhaben NOVALIS - DIE BLAUE BLUME (1993). Mit der neugegründeten DaDaeR GmbH von Thomas Wilkening soll das Projekt realisiert werden, die DEFA Studio Babelsberg GmbH wird als Koproduzent gewonnen. Erzählt wird das Lebens von Friedrich von Hardenberg genannt Novalis, der sich in die zwölfjährige Sophie von Kühn verliebt. Der Stil des Films, der ein romantisches Märchen der Liebe sein will, ist vielschichtig: Träume und Versionen, Mystisches und Metaphysisches, Landschaftliches und Biographisches gerinnen zu einem Kaleidoskop deutschen Wesens. Durch seine überbordenden Assoziationen und phantastischen Bilderwelten gilt der Film als schwierig, ist ein opulenter, subjektiver Blick. Bei NOVALIS - DIE BLAUE BLUME (1993) handelt es sich um den letzten Film mit dem DEFA-Signum im Spielfilmstudio Potsdam-Babelsberg, danach erscheint die neue Benennung 'Studio Babelsberg GmbH'.

Danach kann Herwig Kipping keine weiteren Filme realisieren. Er lebt in Berlin.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit der Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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