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Claude Jade

Claude Jade
* 08. Oktober 1948
Dijon
Frankreich
† 01. Dezember 2006
Paris
Frankreich

CLAUDE JADE • Biographie Seite 1/1

Claude Jade ist die "bessere Hälfte" eines der langlebigsten Paare der Filmgeschichte: In Francois Truffauts Antoine-Doinel-Zyklus spielt sie die Geliebte, Ehefrau und schließlich Ex-Frau und Freundin des Alter ego Truffauts. Sie gilt als "la petite fiancée du cinéma français", arbeitet weltweit mit Meisterregisseuren wie Alfred Hitchcock und Sergej Jutkewitsch. "Das ist doch letztendlich nicht schlecht für eine junge Provinzlerin, die von nichts als dem Theater träumte", schreibt sie unnostalgisch 2004 in ihrer Autobiographie.

Claude Jade wird am 8. Oktober 1948 als Claude Marcelle Jorré geboren. In einem musischen Haushalt aufgewachsen, fördern die Eltern - ein Professorenpaar - früh die künstlerische Entwicklung des Mädchens, das mit neun Jahren im Kinderzimmer erste Stücke gemeinsam mit der ein Jahr älteren Schwester inszeniert und immer wieder die Nähe zum Theater sucht. Als 15jährige nimmt sie Kurse am Konservatorium, spielt alsbald an der Comédie Bourgogne, erhält Auszeichnungen und geht 1967 an die Schauspielschule des Pariser Théâtre Edouard VII. Als Schülerin Jean-Laurent Cochets spielt sie bereits eine Hauptrolle in der Fernsehserie "Les oiseaux rares", als Sacha Pitoëff sie ans Théâtre moderne holt.

Francois Truffaut ist nach einer Generalprobe zu Pirandellos "Heinrich IV" absolut hingerissen von ihrer Schönheit, ihrem Wesen, ihrer Freundlichkeit und ihrer Lebensfreude und gibt ihr kurz darauf die Rolle der Christine Darbon in GERAUBTE KÜSSE (1968), jenem jungen Mädchen, das Antoine Doinel heiraten wird. Francois Truffaut und die 16 Jahre jüngere Claude Jade schreiten im Februar 1968 an der Spitze der Demonstrationen für Henri Langlois und die Cinématheque Française, der dreihundert Filmschaffende folgen. Francois Truffaut macht ihr den Hof, bittet die Eltern um die Hand ihrer Tochter und vollzieht kurz vor der Hochzeit - mitten im Pariser Mai - einen Rückzieher. Die Verletzung wird anhalten, doch die Arbeit und eine tiefe Freundschaft verbindet die beiden weiterhin. "Ma troisième fille" nennt der Filmemacher sie seitdem zärtlich. TISCH UND BETT (1970), entsteht eineinhalb Jahre nach dem privaten Rückzieher Francois Truffauts, in dem sie sich nach Antoines Seitensprung mit einer nie lächelnden Japanerin als blonde Geisha maskiert und ihr eine Träne über die Maquillage rollt. Es ist jener Film, in dem sie so überzeugend erklärt, ein Kunstwerk könne keine Abrechnung sein.

Alfred Hitchcock holt Claude Jade nach Hollywood: Ihr 20. Geburtstag ist zugleich ihr erster Drehtag für TOPAS (1968), in dem sie die anfangs unbekümmerte und dann umso besorgtere Agententochter und Journalistenfrau Michèle spielt. Alfred Hitchcock bleibt ihr über die Jahre verbunden, doch den exklusiven Sieben-Jahres-Vertrag mit Universal schlägt sie aus, um weiterhin in ihrer Heimat arbeiten zu können. So entsteht im Anschluss mit DER ZEUGE (1969) ein romantischer Thriller um eine junge Mordzeugin, die der Ausstrahlung eines dubiosen Mordverdächtigen (Gérard Barray) erliegt. Der Abenteuerfilm GEJAGT WIE MONTE CHRISTO (1968) von André Hunebelle bleibt hinter der Qualität der Vorgänger zurück, doch sie kann hier mit einem "monstre sacré" wie Pierre Brasseur spielen. Ihr Partner im Folgefilm, Edouard Molinaros MEIN ONKEL BENJAMIN (1969), ist Jacques Brel. Claude Jade gibt sich schelmisch, temperamentvoll, trotzig und sanft als Gastwirtstochter Manette, die auf einen Ehevertrag vor der ersten Nacht besteht und ihrem Benjamin dann auch ohne Heirat in die Verbannung folgt. "Jacques Brel und – nicht zu vergessen! – Claude Jade haben mehr Sonne auf unsere Erde gebracht als alle längst verblichenen Sonnenkönige zusammen", schwärmt der ostdeutsche Progress-Verleih über die adelsfeindliche Historienkomödie.

1970 bricht Claude Jade erstmals mit dem frühen Erbe der Christine Darbon und ihrem Image als positive Heldin. In Gérard Brachs poetischem LE BATEAU SUR L'HERB (1971) entzweit sie das Freundespaar Jean-Pierre Cassel und John McEnery und wird für ihre Leistung als in ihrer Eitelkeit verletzte Eléonore von der Kritik gefeiert. Mit dem damaligen Äquivalent zum späteren Nachwuchs-César, dem "Prix Révélation de la Nuit du Cinéma", ausgezeichnet, lehnt sie den Star-Status ab: "Das Wort Schauspielerin ist edler als das Wort Star. Finden Sie nicht?".

So findet Claude Jade in den 1970er Jahren im Fernsehen jene Rollen, die das Kino der Schauspielerin jenseits von GERAUBTE KÜSSE (1968) nicht bietet: Theater- und Literaturadaptionen oder die Rolle einer eiskalten Serienmörderin ("Malaventure"). Auf der Leinwand spielt sie – bis auf wenige Ausnahmen wie die autoritäre Pflegerin Claire in Benoît Lamys Altersheimrevolte TRAUTES HEIM (1973) und die mörderische Julie in LE MALIN PLAISIR (1975) – weiterhin die reinen Heldinnen: Die anfangs renitente und dann loyale Tochter Annie Girardots im Generationskonflikt von Serge Korbers KERZENLICHT (1972), die zur Zeit des Faschismus in den katholischen Priester Robert Hossein verliebte Françoise in Denys de La Patellières DER ABBÉ UND DIE LIEBE (1973) oder die alleinerziehende Klavierlehrerin Dominique in EIN PAUKER ZUM VERLIEBEN (1978). Bleiben die Kino-Rollen im Schatten der Francois Truffaut-Filme, so feiert sie im Fernsehen einen großen Erfolg mit ihrer zentralen Heldin in der phantastischen Abenteuerserie "Die Insel der dreißig Tode" (1979). Die unheimliche Geschichte um eine junge Frau, die auf eine Insel kommt, deren Bewohner laut Weissagungen dem Tod geweiht sind, genießt Kultstatus.

In den 1970er Jahren in belgischen, italienischen und japanischen Filmen (KITA NO MISAKI (1976) von Kei Kumai) zu sehen, macht sie Anfang der 1980er eine kurze Karriere hinter dem eisernen Vorhang. Mit Diplomatengatte Bernard Coste und Sohn Pierre siedelt sie 1979 für drei Jahre nach Moskau über und spielt in zwei sowjetischen Filmen: TEHERAN 43 (1981) von Alexander Alow und Wladimir Naumow sowie in Sergej Jutkewitschs LENIN IN PARIS (1981). Auf das Moskauer "Exil" folgen weitere Jahre auf Zypern.

Claude Jade arbeitet sehr viel fürs Fernsehen und am Theater, doch Filmrollen werden rar. 1992 gibt Jean-Pierre Mocky ihr die köstliche Rolle der lesbischen Caroline an der Seite Michel Serraults in BONSOIR (1992), es folgen ausschließlich TV-Rollen. Der letzte Kinofilm bleibt 1998 das Historiendrama LE RADEAU DE LA MÉDUSE (1998) mit Jean Yanne, im Anschluss ist sie zwei Jahre lang die Hauptdarstellerin der ersten Daily Soap Frankreichs, "Cap des Pins". In jener Zeit erhält sie Auszeichnungen für ihr Lebenswerk, Fernsehsendungen widmen sich ihrer Karriere und Jungregisseure wie Santiago Otheguy entdecken sie für Kurzfilme wieder: In Santiago Otheguys "Aufwärts" spielt sie eine Alkoholikerin, in Julien Donadas "A San Remo" eine Frau in der Ehekrise. Doch dem Jugendwahn der Fernsehanstalten fallen auch Rollen für Frauen um die 50 zum Opfer: Als Jean-Daniel Verhaeghe, bei dem Claude Jade in "Eugénie Grandet" und "Sans famille" spielt, sie 2003 für die Rolle der Thérèse de Fontanin an der Seite von Jean Yanne in der Saga "Les Thibault" besetzen will, haben die Produzenten den Part drastisch verjüngt und besetzen eine 18 Jahre jüngere Schauspielerin.

In ihrer 2004 veröffentlichten Autobiographie "Baisers envolés" erklärt Claude Jade, sie freue sich auf die Rollen deliziöser alter Damen, "unwürdiger" vorzugsweise. Tatsächlich spielt sie kurz darauf – mit grauer Perücke und rauem Akzent – den köstlichen Part einer beträchtlich älteren Exil-Russin, welche die Polizei im TV-Krimi "Groupe Flag: Wahr oder falsch" als Geldfälscherin – mädchenhaft lächelnd - auf Trab hält. Es bleibt ihre letzte Fernsehrolle.

Nachdem ein Tumor im Auge entfernt wird, spielt Claude Jade 2006 am Theater die Titelrolle in "Célimène et le cardinal" unter der Regie des Autors Jacques Rampal. Der Krebs kehrt zurück, Claude Jade stirbt am 1. Dezember 2006. Jacques Rampal: "Ihr Leben endete auf der Bühne. Es endete in Schönheit, in einer bemerkenswerten Vorstellung. Es war der 8. August, es war gestern."

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Autor: Gunnar Solka
Stand Oktober 2008

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