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Lutz Dammbeck

Lutz Dammbeck
Regie, Drehbuch, Architektur, Produzent

* 17. Oktober 1948
Leipzig
Deutschland

LUTZ DAMMBECK • Biographie Seite 1/1

Der Graphiker, Maler und Filmemacher Lutz Dammbeck macht sich in den 1980er Jahren in der DDR einen Namen, weil er das Verhältnis von Kunst, Macht und Ideologie in seinen Arbeiten, die häufig außerhalb des DDR-Kunstbetriebes entstehen, thematisiert. Mit seinen experimentellen Filmwerken, die das bewegte Bild mit Musik, Tanz, Texten und Installationen zu Medien-Collagen zusammenfügen, provoziert er Zuschauer und Funktionäre. Angekommen im wiedervereinigten Deutschland setzt er sich in Dokumentationen wie ZEIT DER GÖTTER. DER BILDHAUER ARNO BREKER (1993) und DAS MEISTERSPIEL (1998) mit deutscher Vergangenheit auseinander.

Lutz Dammbeck wird am 17. Oktober 1948 in Leipzig geboren. Der Vater ist Rennpferd-Trainer, die Mutter arbeitet als Sekretärin. Seine Kindheit verbringt er nach eigenen Aussagen vorwiegend auf der Pferderennbahn und auf dem Tennisplatz. 1964 besucht er den Mal- und Zeichenzirkel der Leipziger Malerin Gödel-Schütz, ein Jahr später - immer noch als Schüler - die Abendakademie an der Hochschule für Graphik und Buchkunst Leipzig. Mehrmals gewinnt er als Junior bei den Tennis-Meisterschaften der DDR. Nach dem Besuch der polytechnischen und der erweiterten Oberschule, schließt er seine Schulausbildung 1966 mit dem Abitur ab. Zusätzlich hat er eine Facharbeiterausbildung als Schriftsetzer absolviert. 1967 bewirbt er sich mit Erfolg an der Hochschule für Graphik und Buchkunst Leipzig. 1972 schließt er sein Studium in der Fachklasse Plakat bei Prof. Heinz Wagner ab. Danach durchläuft er für 1 1/2 Jahre seinen Militärdienst.

Nach seinem Studium arbeitet Lutz Dammbeck als freischaffender Graphiker und Maler in Leipzig. Ausstellungen im In- und Ausland zeigen seine Werke. Unter anderem sind sie in Nürnberg, Lausanne und Sao Paulo zu sehen. Mehrfach wird er ausgezeichnet, im Wettbewerb um die "Besten Plakate des Jahres" gehören seine Arbeiten häufig zu den Gewinnern. Zudem wird er publizistisch tätig und gibt die Zeitschrift "Originalgrafisches Faltblatt" in Leipzig mit heraus. Über den Künstlerrahmen hinaus wird Lutz Dammbeck in seiner Heimatstadt bekannt durch die freie Veranstaltungsreihe "Herbstsalon". Leipziger Künstlern gelingt es, unter Umgehung der DDR-Kulturbürokratie, ihre Arbeiten öffentlich und unzensiert zu zeigen. Es kommt zu unvermittelten Diskussionen mit Gegnern und Befürwortern ihrer Kunst. Gemeinsam mit dem DEFA-Kameramann Thomas Plenert dreht Lutz Dammbeck eine Dokumentation über die Veranstaltung.

Mehr und mehr interessiert sich der Künstler für das Medium Film, insbesondere der Trickfilm gilt ihm als Möglichkeit, seine graphischen Ideen mit Bewegung zu füllen. 1975 erarbeitet er mit Otto Sacher als Mentor und mit Unterstützung des Kulturfonds im DEFA-Studio für Trickfilme Dresden seinen ersten Flachfiguren-Film DER MOND (1977). Der Mond will mit den Tieren tanzen, fällt aber auf die Erde. Gefangen von einem Drachen, bleibt es nun in der Nacht dunkel. Erst als die Tiere den Drachen überlisten, steigt der Mond wieder zum Himmel auf. Danach entsteht der Trickfilm LEBE! (1978), der die Geschichte eines Mannes von seiner Geburt bis zu seinem Tod erzählt. Da er nur am Besitz von Dingen interessiert ist, macht er sich letztlich zum Sklaven.

Im Anschluß entsteht im DEFA-Studio für Dokumentarfilm der Legetrick-Film DER SCHNEIDER VON ULM (1980) nach dem Gedicht von Bertolt Brecht. In einer kleinen Stadt begehrt der Schneider auf. Er wendet sich gegen die Macht des Bischofs und wird so zu einer Figur, die für Freiheit und Individualität steht. Neben seiner Filmarbeit greift Lutz Dammbeck dieses Motiv auch in experimentellen Fotocollagen auf. Experimente kennzeichnen auch seine nächsten Arbeiten, die außerhalb des engen Studio-Systems entstehen. In dem siebenminütigen Film METAMORPHOSEN I (1979) bearbeitet er mit Farben und Stiften einen originalen Schwarz-Weiß-Film. In dem Film HOMMAGE á LA SARRAZ (1981) verfeinert er das Verfahren, Realszenen mit Animationen zu verbinden, bringt eine freie Assoziationsmontage aus vorgefundenem, zeichnerisch bearbeitetem und verfremdetem sowie selbst gedrehtem Material auf die Leinwand. Der Film reflektiert über Möglichkeiten und Grenzen des Mediums. Grundlage ist das 1929 im Schweizer Kurort La Sarraz stattgefundene Treffen von Avantgardefilmern aus Europa. Zugleich ist der Film eine Patchwork-Arbeit: zahlreiche Verweise aus der Film- und Zeitgeschichte sind zu finden.

Sein Trickfilm EINMART (1981) wird wieder im DEFA-Studio für Trickfilme produziert. Der Regisseur erzählt die Geschichte eines menschenähnlichen Wesens, welches versklavt ist und für kurze Zeit Freiheit spüren kann, als es seine Flügel ausbreitet. Aber es landet wieder dort, wo es hergekommen ist. Kompromißlos werden hier Enge, Einschränkungen sowie Unfreiheit thematisiert und visuell-stilistisch düster aufbereitet. Der Film sorgt beim Nationalen Kurzfilmfestival in Neubrandenburg für heftige Diskussionen, seitens der Verantwortlichen wird er als 'konterrevolutionär' eingeschätzt.

Anfang der 80er Jahre legt Lutz Dammbeck einen Legetrick-Film für Kinder vor. DIE ENTDECKUNG (1984) erzählt von einer Hummel und einem Frosch, die beide überaus neugierig sind und unbekannte Welten entdecken wollen. Obwohl sie sehr unterschiedlich sind, können sie gemeinsam die verrücktesten Sachen machen. Der Film wird auf dem Nationalen Kinderfilmfestival in Gera mit dem Goldenen Spatzen ausgezeichnet. Sein nächster Film für das Trickfilmstudio DIE FLUT (1987) schildert die unterschiedlichen Arbeitsweisen zweier Männer, die, um einem Unwetter zu entkommen, ein Boot bauen müssen. Während der eine zur Eile mahnt, verschwendet der andere Zeit und kommt letztlich um.

Seit 1982 arbeitet der Künstler an dem HERAKLES-Projekt, welches von Heiner Müllers Text "Herakles oder Die Hydra" inspiriert ist und mehrfach von der DEFA abgelehnt wird. In Eigenproduktion entstehen Rauminszenierungen und Mediencollagen, die Film, Malerei, Musik, Tanz und Aktion miteinander verbinden. Mehrmals gelangt HERAKLES-Projekt in veränderten Fassungen an die Öffentlichkeit. Es wird in Leipzig, Dessau, Karl-Marx-Stadt, Dresden und Coswig bei Dresden gezeigt. Eine weitere Mediencollage REALFILM - DIE FILMHÖHLE wird 1986 aufgeführt. Mit beiden Arbeiten widersetzt sich der Künstler stilistisch wie bürokratisch gängigen Mechanismen ostdeutscher Kunstproduktionen. Er wird verschärft von der Staatssicherheit beobachtet. Ende 1986 verläßt er gemeinsam mit seiner Familie die DDR und siedelt nach Hamburg über. Hier wird das Projekt mehrfach ausgestellt. Parallel dazu entsteht der Film HERAKLES HÖHLE (1990). Die Kunstfigur Herakles - halb Mensch, halb Gott - bildet bis heute den konzeptionellen Rahmen der gesamten Arbeit des Künstlers. Die Figur bietet ihm umfangreiches Material, um eine kritische Auseinandersetzung mit der (Kultur-)Geschichte zu produzieren.

1990 gründet er die Lutz Dammbeck Filmproduktion, um seine Projekte unabhängig realisieren zu können. Übergreifendes Thema ist dabei das Verhältnis von Geist und Macht. In dem Filmessay ZEIT DER GÖTTER. DER BILDHAUER ARNO BREKER (1993) beschreibt der Regisseur in zahlreichen Interviews mit Zeitzeugen und Bewunderern das Leben Arno Brekers, des Bildhauers der Nationalsozialisten, und sucht in Collagen nach dessen, auch heute noch vorhandener Faszinationskraft. Der Film wirft zahlreiche Fragen zur Bearbeitung der NS-Kunst auf, wird überaus kontrovers in der Kritik wahrgenommen. In DÜRERS ERBEN (1996) sind es die DDR-Maler Werner Tübke und Bernhard Heisig, denen sich der Regisseur nähert. Wieder steht die Willfährigkeit von Kunst und Künstlern für Ideologien zur Debatte. In der Dokumentation DAS MEISTERSPIEL (1998) bietet die spektakuläre Übermalung zahlreicher Bilder des Avantgardisten Arnulf Rainer für den Regisseur die Oberfläche, um über die Moderne, deren Krisen und Widersprüche, über ihre kulturhistorische Rolle zu reflektieren. Der Film, unter anderem wegen seiner brillanten Verbindung von Interviews, Kommentar und dokumentarischem Material gelobt, wird mehrfach ausgezeichnet.

Dazwischen wendet sich Lutz Dammbeck wieder der Tradition zu und setzt den klassischen Trickfilm HERZOG ERNST (1995) frei nach der Sage "Die Geschichte vom Herzog Ernst in Schwaben" aus dem 12. Jahrhundert in Szene. Erzählt wird die Geschichte eines Ritters, der den Karfunkelstein für den Kaiser holen soll. Auf seiner Reise findet er viel Unbekanntes, lernt eine neue, friedfertige Welt kennen. Mehr und mehr verliert er dabei seinen ritterlichen Eisenpanzer. Die Animation kommt aktuell und modern daher, bietet neben lehrreichen und amüsanten Passagen viel Phantasie und wunderbare Bilder.

Der derzeit letzte Film des Regisseurs ist DAS NETZ (2004). Hier untersucht Lutz Dammbeck das Beziehungsgeflecht von Computern, Geheimdiensten und Subkultur. Im Mittelpunkt steht der Mathematikprofessors Theodore John Kaczynski, der 1996 als mutmaßlicher 'Unabomber' verhaftet wurde. Zahlreiche Fakten werden vorgetragen, Widersprüche gesucht. Die Komplexität des Dokumentarfilms wird von den Kritikern hervorgehoben. Wieder sind es eher Fragen als Antworten, die der Regisseur zum Thema vorlegt.

Seit 1998 ist Lutz Dammbeck Professor für Neue Medien an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Er ist Mitglied der Freien Akademie der Künste Leipzig, des Sächsischen Kultursenats und der AG Dokumentarfilm Deutschland. Zahlreich sind seine nationalen wie internationalen Ausstellungen und -beteiligungen. 2005 wird er mit dem renommierten Käthe Kollwitz-Preis der Berliner Akademie der Künste ausgezeichnet.

Lutz Dammbeck ist mit der Fotografin Karin Plessing verheiratet. Ihre gemeinsame Tochter wird 1980 geboren. Die Familie lebt in Hamburg und Dresden.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit einer Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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